Beil wider die Bärin ausziehen , aber Ekkehard hielt ihn zurück und sprach : » Lasset ihr das Leben , wir haben genug an dem da ! « und sie zogen ihn herfür und mochten ihn kaum selbander von der Stelle bringen . Die Bärin saß auf ihrem Stein und schaute betrübt herunter und brummte und warf einen feuchten Blick auf Ekkehard , als habe sie ihn verstanden . Dann stieg sie hernieder , aber nicht wie zum Angriff ; die Männer banden Fichtengezweig zu einer Schlinge zusammen , die Beute fortzuschleifen , sie traten zurück , Beil und Speer geschwungen , die Bärenwitib aber beugte sich über den toten Ehegespons und biß ihm das rechte Ohr ab und fraß es auf zu ewigem Angedenken an glückliches Ehemals , dann wandte sie sich gegen Ekkehard , auf den Hinterfüßen einherwandelnd . Er erschrak , als drohte ihm eine Umarmung , da schlug er ein Kreuz und sprach den Bärensegen des heiligen Gallus wider sie : » Zeuch aus und weiche von unserem Tal , du Ungetüm des Waldes , Berg und Alpenschlucht seien dein Revier , uns aber laß in Ruh ' und die Herden der Alm266 . « Und die Bärin war still gestanden , im Aug ' einen bitter wehmütigen Blick , als wäre sie gekränkt ob der Verschmähung ihres Gefühls , sie ließ die Tatzen zur Erde sinken , drehte dem Bannenden den Rücken und schritt auf allen vieren von dannen . Noch zweimal hatte sie umgeschaut , ehe sie aus dem Blick der Bergbewohner verschwand . » So ein Tier hat zwölf Männer Verstand und sieht dem Menschen , an den Augen an , was er will « , sprach der Senn , sonst würd ' ich sagen : » Ihr seid ein heiliger Mann , daß Euch die Völkerschaften der Wildnis gehorchen . « Er wiegte die Tatzen des Toten prüfend im Arm : » Juhuhu , das wird ein Festschmaus . Die verzehren wir am nächsten Sonntag , Bergbruder , und ein Salätlein von Alpenkräutern dazu . Das Fleisch gibt Wintervorrat für uns zweibeide , ums Fell losen wir . « Wie sie das Opfer der Lawine zum Wildkirchlein emporschleiften , sang Benedicta : » Und wer Schneeglöcklein graben will Und hat das Glück dabei , Der gräbt wohl einen Bären aus Und gräbt auch ihrer zwei . « Der Schnee war ein luftiger Flutterschnee267 gewesen und war in Bälde wieder zerschmolzen , Spätsommer zog noch einmal mit herzwärmender Kraft in den Bergen ein , ein stiller Sonntagfriede lag über dem Hochland . Ekkehard hatte des Mittags mit dem Senn und seiner Tochter die Bärentatzen verzehrt , eine lecker kräftige Speise , rauh , aber stark , wie die Altvorderen selber ; dann war er hinaufgestiegen auf den Gipfel der Ebenalp und hatte sich ins duftende Gras geworfen und schaute behaglich in die Himmelsbläue , von wohligem Hauch der Gesundheit erquickt . Um ihn weideten Benedictas Ziegen ; schier war ' s zu hören , wie das Alpengras zwischen den Zähnen der Kauenden sich bog und zerbrach . Unstetes Gewölk zog an den Bergwänden herum , - auf weißer Kalksteinplatte , dem Säntis zugewendet , saß Benedicta ; sie blies auf der Schwegelpfeife . Einfach , melodisch wie ein Klang aus ferner Jugendzeit tönte die Weise , mit zwei hölzernen Milchlöffeln in der Linken schlug sie den Takt dazu . Sie war Meisterin in dieser Kunst , und ihr Vater pflegte oftmals mit Bedauern zu sagen : » Es ist schade , sie verdiente Benedictus zu heißen , - sie hätt ' wahrlich einen tollen Handbuben gegeben . « Wenn die Tonweise rhythmisch zu Ende ging , tat sie einen scharfen Jodelruf zur benachbarten Alp , dann schallte von dort sanftkräftiges Blasen des Alphorns herüber , ihr Liebster , der Senn auf der Klus , stand unter dem zwergigen Fichtenbaum und blies den Kuhreigen268 - jenen seltsamen Naturlaut , der , keiner Melodei vergleichbar , erst dumpfes Geräusch scheint , als säße eine Hummel oder ein Käfer im Horn eingesperrt und suche summend den Ausweg , der aber mählich und mählich das große Lied von Sehnsucht , Liebe und Heimweh in alle Gänge des Menschenherzens hinein drommetet , daß es aufjubelt oder zerbricht . » Ich glaube , Euch ist wieder ganz wohl , Bergbruder « , rief Benedicta zu Ekkehard herauf , » daß Ihr Euch so vergnügt auf den Rücken strecket . Gefällt ' s Euch ? « » Ja « , sprach Ekkehard , » pfeif weiter . « Er konnte sich nicht satt schauen an all ' der Pracht . Zur Linken stund in schweigender Größe der Säntis mit seiner Sippe , - er kannte schon all ' die einzelnen Häupter bei ihren Namen und hieß sie seine lieben Nachbarn ; vor ihm breitete sich ein Gewimmel niedrigerer Berge und Hügel aus , grünes üppiges Mattenland und dunkle Wälder , ein Stück Rheintal glänzte herauf , von den Höhen des Arlbergs und fernen Rätischen Alpen umsäumt , - ein dunstiger Streif Nebel deutete das Becken des Bodensees an , das er umhüllte - alles war weit und groß und schön . Wer das Geheimnis erlauscht hat , das auf luftiger Berghöhe waltet und des Menschen Herz weitet und dehnt und himmelan hebt in freiem Schwung der Gedanken , den faßt ein lächelnd Mitleid , wenn er derer gedenkt , die drunten in der Tiefe Ziegel und Sand zum Bau neuer babylonischer Türme beischleppen , und er stimmt ein in jenes rechtschaffene Jauchzen , von dem die Hirten sagen , daß es vor Gott gelte wie ein Vaterunser . Die Sonne stund über dem Kronberg und neigte sich zum Untergang und sprühte ein glühgolden Feuer an den Himmel und schoß lustig ihre Strahlen in den Nebel über dem Bodensee . Itzt riß die weiße Umhüllung , in leiser , ahnungsvoller Bläue lag der Untersee vor Ekkehards Blick ; sein Auge schärfte sich im Glanz des Abends , er sah einen verschwindenden