dahin zu salvieren , wo guter Rat und Wohlstand wäre , und wenn sie eine Ausnahme machten , so geschähe das weniger aus Liebe als aus Eigensinn , welcher sich auch in Übertreibung und Ungebärdigkeit alsobald kundgebe ! Doch kam mir kein Gedanke an einen besondern Vorwurf gegen Anna , weil mir alles achtungswert und notwendig schien , was sie tat oder je tun würde , und ich entschuldigte sie sogar im voraus , wenn sie etwa in den Fall geraten sollte , nach dem Willen ihres Vaters einem Angesehenen und Reichen ihre Hand zu geben . Auch achtete ich diese ganze mächtige Volksschaft zu sehr und fühlte mich nur unbedeutend und unnütz in diesem Augenblicke . Betrübt erhob ich mich von meinem Sitze , wo ich zufällig zwischen zwei fremde Personen geraten war , und schlenderte um die Tische herum , meine Vettern und Basen aufsuchend , die sich im vollen Jubel befanden . Sie waren zu sehr mit ihrer Freude beschäftigt , als daß sie meinen Trübsinn hätten bemerken können , und ich war nahe daran , in das empfindsame Mitleid mit mir selbst , das ich in früheren Tagen gekannt , zu verfallen , als Margot , die Braut , welche in stiller Glückseligkeit neben dem Müller saß , mich heranwinkte , mit freudestrahlenden und doch teilnehmenden Augen fragte , warum ich mich so einsam und düster umhertreibe , mich mit ungewohnter Herzlichkeit beim Arme nahm und an ihrem Stuhle festhielt . Ich hätte sie aus Dankbarkeit umhalsen und küssen mögen , zumal sie mir so schön und liebenswürdig vorkam wie früher nie . Eine Braut zur Beschützerin zu haben , schien mir halb gewonnenes Spiel . Ich empfand sogleich eine warme und treue Freundschaft für sie , und auch sie schien froh zu sein , die dünne Scheidewand der bisherigen Ironie zwischen uns fallenzulassen und einen ihrem künftigen Hause ergebenen Vetter aus mir zu machen . Sie unterhielt sich fortwährend und angelegentlich mit mir und veranlaßte den Müller , an dem vertraulichen Geplauder teilzunehmen . Das tat er denn auch mit freundschaftlicher Kraft , wir wurden herzlicher und offener gegeneinander , kurz , ich glaubte endlich zu meinem großen Troste zu entdecken , daß man mich achtete und werthielt . Zutraulich bei diesem hübschen Paare stehend , sah ich nun ruhiger über die Versammlung hin und rückte endlich ein Stück weiter , um mich bei dem Schulmeister und seiner Tochter einzufinden . Trotz des Verkommnisses in der Gartenlaube war unser Verkehr nicht sehr fortgeschritten , wir wechselten kaum einige Worte , im übrigen blieben wir still und zufrieden in unserer gegenseitigen Nähe , und selbst heute hatten wir fast nichts unmittelbar zueinander gesprochen . Als ich mich nachlässig hinter Annas Stuhl lehnte , bot mir der Schulmeister , während er mit den Nachbaren sprach , leichthin das Glas , wie man einem Angehörigen tut , den man oft sieht ; seine Tochter kehrte sich nicht einmal um und fuhr fort , ihre Verehrer anzuhören . Das schmeichelte mir nun wieder , vor einer Viertelstunde hätte es meine Betrübnis vermehrt ; ich schlug die Arme übereinander und hörte gelassen dem Gespräche zu . In ihrem Wetteifer waren die vier jungen Herren ein wenig kühn und prahlerisch geworden ; ihre Studentenbildung und die Sitten ihres ländlichen Herkommens gerieten wunderlich durcheinander , sie verloren ihren Takt gegenüber dem feinen Kinde , das sie wie eine Mücke zu fangen glaubten , sagten Dummheiten ohne alle Anmut , und als das Zeichen zum Aufbruch erklang , gaben sie Anna ihre Visitenkarten ! Was das heißen sollte , wußte kein Mensch ; einer hatte angefangen , die anderen wollten nicht zurückbleiben . Sie hatten diese Karten beim Abgange von der Universität machen lassen , wie sie es bei anderen gesehen , die Hälfte davon gegen diejenigen ihrer Freunde vertauscht , indem sie einander besuchten , wenn sie nicht zu Hause waren , die andere Hälfte war nun noch vorrätig , und obgleich hierzulande keine Visitenkarten abgegeben wurden , wenn die Leute nicht zu Hause waren , so trugen sie doch stets einige bei sich , wie die Habichte auf einen günstigen Zufall lauernd , wo sie eine derselben anbringen konnten . Jetzt hatten sie mit kühner Hand sich die Gelegenheit vom Zaun gebrochen und ohne weiteres die glänzenden Dinger hervorgeholt . Anna hielt sie anscheinend bewunderungsvoll in der Hand ; auf einem stand Dr. med . , auf dem andern Cand . jur . , auf dem des Vikars V. D. M. Als Anna fragte , was letzteres bedeute , lag es mir auf der Zunge , zu sagen VerD ammter Mucker ! Denn der arme junge Priester war zwar ein sogenannter freisinniger Theologe , hatte aber von der Universität eine bedenkliche ästhetische Muckerei heimgebracht . Er erklärte aber , es hieße Verbi Divini Minister . Nur der rationelle Landwirt besaß keine Karte ; dafür zog er noch einmal seine Blase heraus , setzte sie klirrend auf den Tisch , grub einen Franken aus derselben hervor und warf denselben ohne alle Veranlassung einem Kinde hin . Ich bemerkte , daß dies von den Anwesenden sehr mißfällig angesehen wurde , und triumphierte nun vollkommen in meinem schadenfrohen Gemüte . Es kann mich aber vielleicht entschuldigen , daß alle vier sechs bis sieben Jahre älter als ich und schon gereist waren ; auch haben sie seither nach ihrem Wunsche achtbare und vermögliche Frauen bekommen und sind ebenso tüchtige als geachtete junge Männer mit Ausnahme des Verbi Divini Minister , welcher einen schlimmen Handel bekam und außer Landes ging . Auf einmal kehrte sich Anna um und bat mich , ihr die Karten aufzubewahren ; sie bemerkte lächelnd , ich möchte ja recht Sorge dazu tragen , und als ich sie einsteckte , war mir , als ob ich alle vier Helden in der Tasche trüge . Doch diese mochten auch bereits einsehen , daß sie einen unschicklichen und törichten Streich begangen , und verloren sich aus unserer Umgebung ; denn als kluger Bauern ebenso