zum Jünglinge herangewachsen war , ließ ihm Aurel vollends gänzlich die Zügel schießen . Er verhehlte nicht nur nicht seine eigenen zahllosen Abenteuer dem kaum noch mannbaren Jünglinge , sondern er forderte ihn sogar auf , ihm dabei Gesellschaft zu leisten . Häufig gebrauchte er den schmucken Jungen auch als Lockvogel , wenn er selbst nicht Lust hatte , gewisse Wege , vor denen er sich scheute , zu betreten . Spielte ihm dabei Gilbert gelegentlich einen Possen und trieb er ein zärtliches Schäfchen in sein eigenes Gehege , so konnte der Kapitän wohl über solche Undankbarkeit in komischen Zorn gerathen , aber dem lebenslustigen Amerikaner ernstlich böse zu werden vermochte er nicht . Im Herzen freute er sich vielmehr des guten Glückes seines Zöglinges , da es bei ihm zur Ueberzeugung geworden war , daß es außer rüstiger geistiger Thatkraft auf Erden nichts Höheres gebe , als die Gunst schöner Frauen und Mädchen . Bei solchen Grundsätzen mußte der kräftige Kapitän ein Don Juan werden und er ward es , ohne verbrecherische Handlungen zu begehen . Niemand konnte mit Grund behaupten , daß Aurel je in seinem Leben ein Mädchen verführt habe . Er warb um die Gunst jedes Mädchens , wenn es ihm gefiel , und genoß dieselbe in vollen Zügen , ward sie ihm freiwillig , aus Neigung , mochte letztere auch eine blos flüchtige sein , geschenkt , ging aber auch lachend und eben so zufrieden von dannen , wenn er zuweilen an eine vornehm Spröde , an eine kalte Schönheit gerieth , die statt heißer Küsse nur eisige Giftworte verschenkte . Die brutalen Neigungen des lasterhaften Vaters traten bei dem Sohne in milderer Gestalt , gleichsam gebildeter , auf . Wo Magnus sündigte , da pflegte Aurel blos anmuthig zu scherzen . Er war kein sittlich reiner , aber trotz seiner Schwächen ein tüchtiger , guter und zu großen Opfern fähiger Mensch . Er konnte sich für eine Idee begeistern und dann auch sein Leben für dieselbe einsetzen . Aurel würde unter den edelsten Rittern aus der besten Zeit des Mittelalters eine hervorragende Rolle gespielt haben . Weil sein Jahrhundert zu speculativ , zu sehr auf den bloßen Vortheil bedacht und zu wenig geneigt war , einzelnen Persönlichkeiten freien Spielraum zur Entfaltung ihrer Charakteranlagen zu gestatten , warf er sich dem Abenteuer in die Arme , das ihn reizte und seinen abnormen Launen und Einfällen häufig Befriedigung verschaffte . - Als Aurel und Gilbert sich in dem fortwogenden Menschenstrome verloren hatten , führte der Letztere seinen Wohlthäter und Gebieter durch die Kammermannstwiete beim Küterhause vorüber nach der Ellernthorbrücke , von welcher sie rechtsab nach der Fuhlentwiete einbogen und sich von dieser in das Gewirr jener durcheinanderlaufenden engen , finstern und unheimlichen Gäßchen verloren , die in Hamburg Gänge genannt werden . Der fallende Nebel erhöhte noch den trüben Eindruck , welchen diese ärmsten Quartiere der großen Handelsstadt selbst am Tage auf den Besucher machen . Es war , als stürze man aus dem sonnigsten heitersten Tage in die tiefste Nacht , wenn man von den breiten belebten , durch tausend Flammen erleuchteten Straßen , wo Reichthum , Luxus , Pracht und Vergnügen herrschten , in diese von erstickenden faulen Dünsten erfüllten schmalen finstern Gänge trat . Zwar an Leben fehlte es auch in diesen nicht , aber es war das Leben der Noth oder der Lasterhaftigkeit . Aus zahlreichen Kelleröffnungen qualmte dunstiger Lichtschein , der fahle röthliche Streifen auf das schlüpfrige unebene Pflaster warf . Die obere Luft erfüllte gänzlich dichter schwerer Wolkendunst . Auf und nieder in dieser widerlichen Atmosphäre wandelten einzeln und paarweise ärmlich gekleidete Mädchen , die ungeachtet der kältenden Luft auf Verhüllung ihrer Reize wenig bedacht waren . Sie stießen begegnende Männer leicht an , sahen ihnen frech in ' s Gesicht und nickten ihnen vertraulich zu . Manches von diesen wie Gespenster durch den Nebel schwebenden Mädchen faßte auch den ersten besten Mann am Arm und zog ihn unter Zuruf süßer Schmeichelworte oder roher Scherze gewaltsam mit sich fort . Noch häufiger sah man bleiche Kinder der Sünde in den Kellereingängen lehnen , die jedem Vorübergehenden zuwinkten und nicht selten recht flehentlich baten , sich doch ja ihrer zu erbarmen , damit sie nicht Hungers sterben dürften ! Wer sich des Nachts allein in diese schmutzigen Gänge wagte , die zum größten Theil von armen Schacherjuden , von Trödlern aller Art , von herabgekommenen Handwerkern , kurz von Leuten bewohnt werden , die zugleich mit Armuth , Elend und Schuld zu kämpfen haben , der war nicht immer sicher , mit heiler Haut sie wieder verlassen zu können . Das Verbrechen fand in diesen qualmigen Kellerhöhlen nicht nur Schutz und Obdach , es ward auch häufig darin geboren und groß gezogen . Aurel hatte mit seinem Begleiter kaum funfzig Schritte in diesem Ganglabyrinth zurückgelegt , als er auch schon das Gebrüll trunkener Stimmen vernahm . Es scholl aus einem noch fernen Keller herauf und endigte nach einiger Zeit mit rohem Gelächter und dem Sturz eines Menschen , den mehrere aus dem Keller auf die Straße warfen . Der so brutal Behandelte rächte sich durch eine Fluth gräßlicher Flüche , die er mit heiserm Kehllaut in den Keller hinunterschrie , während er sich wieder aufraffte und mühsam bald rechts bald links taumelnd , den Gang fortwankte . Der lockenden Syrenenstimme eines jener harrenden Kellermädchen konnte der Trunkene nicht widerstehen . Er lavirte auf die bleiche Dirne zu und verschwand an ihrem Arm in dem finstern Schlunde , den sie bewachte . Die Hand am Griffe seines Dolches schritt Aurel immer tiefer in den trüben Gang hinein . Er flüsterte nur leis mit Gilbert , dessen scharfe Blicke herüber hinüber flogen , um den Eingang des bei Tage entdeckten Kellers nicht zu verfehlen . » Bist Du auch Deiner Sache gewiß ? « fragte der Kapitän , indem er stehen blieb und dem Gesange einer weiblichen Stimme horchte , die wie vom Himmel herab durch den Nebel zitterte . » Wir sind