gießt . Dabei murmelt sie nachdenklich ein unverständliches Wort . Nicht lang , so springt sie heftig auf - » O unglückselig ! unglückselig ! « ruft sie , die Hände überm Haupt zusammenschlagend , und stürzt , den Maler weit wegstoßend , in das Haus . Vor seinem Geiste wird es Nacht - er folgt ihr langsam nach , sich selbst und diese Stunde verwünschend . Margot kam erst den andern Vormittag zurück von der Stadt . Sie war verwundert , eine auffallende Verstimmung unter ihren Gästen sogleich wahrnehmen zu müssen . Bescheiden forschte sie bei Nannetten , doch diese selbst war in der bängsten Ungewißheit . Agnes hielt sich auf ihrem Zimmer , blieb taub auf alle Fragen , alle Bitten , und wollte keinen Menschen sehn . Das Fräulein eilt hinüber und findet sie angekleidet auf dem Bett , den Bleistift in der Hand , sinnend und schreibend . Sie ist sehr wortarm , nach allen Teilen wie verwandelt , ihr Aussehn dergestalt verstört , daß Margot im Herzen erschrickt und sich gerne wieder entfernt , nicht wissend , was sie denken soll . - Nannette bestürmt den Bruder mit Fragen , er aber zeigt nur eine still in sich knirschende Verzweiflung . Zu deutlich sieht er die ganze Gefahr seiner Lage ; er fühlt , wie in dem Augenblick das Herz des Mädchens aus tausend alten Wunden blutet , die seine Unbesonnenheit aufriß : und nun soll er dastehn , untätig , gefesselt , sie rettungslos dem fürchterlichen Wahne überlassend ? er soll die Türe nicht augenblicklich sprengen , die ihn von ihr absperrt ! Einmal übers andre schleicht er an ihre Schwelle ; ihm wird nicht aufgetan . Zuletzt erhält er ein Billett von ihr durch seine Schwester ; der Inhalt gibt ihm zweideutigen Trost ; sie bittet vorderhand nur Ruhe und Geduld von ihm . Sie sei , hinterbrachte Nannette , mit einem größeren Briefe beschäftigt , gestehe aber nicht , an wen er gehe . Dem Maler bleibt nichts übrig , als ebenfalls die Feder zu ergreifen . Er bietet allem auf , was ruhige Vernunft und was die treueste Liebe mit herzgewinnenden Tönen in solchem äußersten Falle nur irgend zu sagen vermag . Dabei spricht er als Mann zum krank verwöhnten Kinde , er rührt mit sanftem Vorwurf an ihr Gewissen und schickt jedwedem leisen Tadel die kräftigsten Schwüre , die rührendsten Klagen verkannter Zärtlichkeit nach . Am Abend kam der Präsident . Zum Glück traf er schon etwas hellere Gesichter , als er vor wenig Stunden noch gefunden haben würde . Die Mädchen hatten dem Maler berichtet : Agnes sei ruhig , anredsam und freundlich und habe nur gebeten , daß man sie heute noch sich selber überlasse ; es sei ihr vor , vielmehr , sie wisse sicher und gewiß , daß diese Nacht sich alles bei ihr lösen werde . Der Präsident , der manches zu erzählen wußte , bemerkte etwas von Zerstreuung in den Mienen seiner Zuhörer und vermißte Agnesen . » Schon gut « , gab er Nolten mit Lächeln zur Antwort , als dieser ihm nur leichthin von einem kleinen Verdrusse sprach , den er sich zugezogen , » recht so ! das ist das unentbehrlichste Ferment der Brautzeit , das macht den süßen Most etwas rezent . Der Wein des Ehestands wird Ihnen dadurch um nichts schlimmer geraten . « Das Abendessen war vorbei . Man merkte nicht , wie spät es bereits geworden . Die beiden Herren saßen im Diskurs auf dem Sofa . Nannette und Margot lasen zusammen in einem kleinen Kabinett , das nur durch eine Tür von dem Zimmer geschieden war , wo Agnes schlief . Die Unterhaltung der Männer geriet indes auf einen seltnen Gegenstand . Der Präsident nämlich hatte gelegentlich von einem üblen Streich gesprochen , den ihm der Aberglaube des Volks und die List eines Pachters hätte spielen können . Es handelte sich um ein sehr wohlerhaltenes Wohnhaus auf einem Bauernhofe , den er , als Bestandherr , noch gestern eingesehn . Das Haus war wegen Spukerei verrufen , so daß niemand mehr drin wohnen wollte . Der kluge Pachter sah seinen Vorteil bei dieser Torheit , er hatte dem Gebäude längst eine andere Bestimmung zugedacht , die der Präsident nicht zugeben konnte , und nährte deshalb unter der Hand die Angst der Bewohner . Mit sehr vieler Laune erzählte nun jener , auf welche Art er die Köpfe samt und sonders zurechtgesetzt und wie er die ganze Sache niedergeschlagen . Dies gab sofort Veranlassung , den Glauben an Erscheinungen , inwieweit Vernunft und Erfahrung dafür und dagegen wären , mit Lebhaftigkeit zu besprechen . Der Maler fand es durchaus nicht wider die Natur , vielmehr vollkommen in der Ordnung , daß manche Verstorbene sich auf verschiedentliche sinnliche Weise den Lebenden zu erkennen geben sollten . Der Präsident schien dieser Meinung im Herzen weit weniger abhold zu sein , als er gestehen wollte ; vielleicht auch war ihm nur darum zu tun , das Interesse des Gesprächs durch Widerspruch zu steigern . » Ich will Ihnen doch « , sagt er endlich , » eine kleine Geschichte mitteilen , für deren Wahrheit ich Bürge bin . Noch aber weiß ich selber nicht , für welchen von uns beiden sie am meisten spricht . Ich wohnte in England bei einer Verwandten , einer Witwe ohne Kinder . Sie war mit ihrem Manne gegen den Willen beider verheiratet worden , sie lebten nur wenige Monate zusammen und er starb nach einigen Jahren im Auslande . Mein Aufenthalt in London fiel eben in die Zeit , als die schöne Frau sich zum zweiten Male , und entschieden nach Neigung mit einem reichen Kaufmann aus Deutschland verlobte . Religiöse Schwärmerei , eben dasjenige , wodurch sie in der ersten Ehe so unglücklich gewesen , machte hier neben einer natürlichen Leidenschaft das wesentliche Band der Herzen aus . Ich erinnere mich seiner noch ganz wohl , als eines Mannes von hoher und zugleich