er ohne Ruhe und Rast die Welt durchirren , um ein Wesen zu suchen , dessen Daseyn ihn in Verzweiflung setzte ! Wenn er ihn nun gefunden hätte ? Nur blutig konnte dies enden . » Nein ! Gabriele soll um ihn nicht weinen ! mir , mir gehören ihre Thränen , wenn gleich ihm ihre Liebe , « rief er . » Uns beiden zugleich kann diese Sonne nicht länger scheinen , so wähle ich denn für sie den kleineren Schmerz und lege ihrer Ruhe mein Leben willig zum Opfer hin . « Mit dem feierlichen Wesen , welches die Jugend im Schmerz so gern annimmt , fuhr er nun fort , Papiere zu vernichten , andre zu versiegeln und an entfernte Verwandte zu addressiren . Er versuchte es mehreremale an Gabrielen zu schreiben , doch dieses überstieg seine Kräfte . Allmählig überschlich ihn ein unnennbares Mitleid mit sich selbst , mit tiefer Betrübniß feierte er den Abschied vom schönen , heitern Sonnenlicht . Sein eigner Entschluß erschien ihm als eine unabänderliche äußre Bestimmung ; er vergaß ganz , daß es nur von ihm abhing , sie abzuwenden . Er hatte ausgetobt , seit dem vergangnen Tage hatten weder Schlaf noch Nahrung ihn erquickt . Er fühlte kein Bedürfen , aber er war einer völligen Erschöpfung aller seiner Kräfte nah , und so gab er sich ohne Widerstreben sanftern Gefühlen hin . Traurig , aber mit festem Willen beschloß er , die Bande langsam zu lösen , die ihn noch an das Leben fesselten . Feierlich und still durchzog er das ganze Schloß , er suchte noch einmal alle die Platze auf , wo er sie gesehen , auf jedem Schritte drängten tausend süße und bittre Erinnerungen sich ihm entgegen . Rings um ihn her herrschte das tiefste Schweigen , kein neugieriges Auge , kein geschäftiger Tritt belästigte ihn störend , denn der Theil der Dienerschaft , welchen die Herrschaft zurückgelassen hatte , benutzte den seltnen freien Tag , um sich außerhalb des Schlosses zu vergnügen . Hippolit gelangte endlich an die Thüre zu Gabrielens Zimmern , er fand sie verschlossen und sank , von seinem Gefühl überwältigt , auf der Schwelle nieder . Alle Furien der Verzweiflung erwachten aufs neue in seiner Brust , er ergriff das Fläschchen , im Begriff , es hier zu öffnen , aber der Gedanke an Gabrielen , an ihren Schrecken , an den Abscheu , mit dem sie gerade hier vielleicht von seiner entstellten Hülle sich wenden würde , hielt ihn zurück . Er riß sich wieder empor , eilte , vor sich selbst fliehend , eine in der Nähe befindliche Treppe hinab , und fand sich erst in einem abgelegnen Seitenhofe wieder , vor dem äußern Eingange zur Kapelle , welche von der andern Seite an die Reihe von Zimmern stieß , die einst der alte Baron und jetzt der gegenwärtige Besitzer des Schlosses bewohnte . Ohne sich dessen deutlich bewußt zu seyn , stieg er die Treppe hinauf , die Thüre der Kapelle stand offen . Es war zur herbstlichen Zeit des immer merklicher werdenden Abnehmens der Tage , und die Sonne neigte sich schon dem Untergange zu , obgleich es noch gar nicht spät war . Ihr Strahl brach sich in den mannigfaltigen , gleich reichen Edelsteinen glänzenden Farben der alten Heiligenbilder und Familienwappen , welche , bunt und kunstreich gemalt , die Fenster schmückten . Purpurrothe Dämmerung , mit tiefdunkeln Schatten wechselnd , erfüllte das hohe Gewölbe , als Hippolit in die Kapelle trat . Der Altar , hinter welchem die Thüre sich öffnete , schien erleuchtet . Langsam , von der Feierlichkeit des Ortes besänftigt und erhoben , schritt Hippolit vorwärts und erblickte - und traute seinen Augen nicht - und glaubte einer überirdischen Erscheinung gewürdigt zu seyn - denn auf den Stufen des Altars lag Gabriele betend , in Andacht versunken . Langsam erhob sie sich , vom Geräusche seiner Tritte aus ihren Himmeln zurück gerufen . Ein langes schwarzseidnes Gewand breitete in reichen Falten sich weit um sie her ; sie war ungewöhnlich bleich , aber ein Schimmer überirdischer Seligkeit umleuchtete sie , als sie die thränenschweren Wimper hob , und , in der Dämmerung ihn nicht gleich erkennend , ihm einige Schritte entgegentrat . » Sie sind es , Hippolit ? « rief sie erschrocken aus . » Was führt so schnell Sie von der Rothenburg zurück ? Ist meinem Gemahl oder sonst jemanden von meinen Freunden dort ein Unglück widerfahren ? Ihr zerstörtes Ansehen läßt mich alles befürchten . Um Gotteswillen was ist es ? Ich kann alles eher ertragen als diese Ungewißheit , darum bitte ich , sprechen Sie . « Hippolit , völlig unfähig , nur eine Sylbe zu erwidern , zitterte so , daß er sich an einen der den Altar umgebenden Pfeiler festhalten mußte , um nicht zu Boden zu sinken . » Reden Sie , reden Sie , « bat Gabriele mit vor Angst fast unhörbarer Stimme und immer bleicher werdend . » In der Rothenburg ist hoffentlich alles wohl ; ich war nicht dort , « antwortete ihr endlich leise und bebend Hippolit . Dann stürzte er , von seinem Gefühl hingerissen , plötzlich vor sie hin , rief laut ihren Namen , verhüllte sein Gesicht in den Saum ihres Kleides , und das Fläschchen , welches er bis dahin noch immer krampfhaft festgehalten hatte , entfiel ihm , jedoch ohne zu zerbrechen . Mit lautem schrillenden Tone rollte es über den Marmorboden hin . Ein Schrei Gabrielens schreckte Hippoliten auf , er sah sie im Begriffe , zu sinken , und umschlang sie mit seinen Armen ; sein Herz pochte hörbar , seine Augen glühten gleich verzehrenden Flammen , seine zitternden Lippen berührten ihren Schleier und die goldnen Locken , er drückte sie fest und immer fester an seine schwerathmende Brust . Sie bemerkte nichts von dem allen , ihre Blicke hafteten mit dem Ausdruck des Entsetzens auf dem blinkenden Krystalle , der zu ihren Füßen