Alles seyn , ich muß mich schützen , ich muß fest stehen , und das kann ich nur , wenn ich mich nie vergesse . Nie wisse , nie fühle er sich meines Herzens ganz sicher , und im uneingeschränkten Besitze desselben , nie verliere mein Geist die Herrschaft über sein Herz . Zwar so lange er noch etwas zu wünschen , zu hoffen , zu fürchten hat , so lange er liebt , wird es leicht seyn , auf ihn zu wirken ; aber wie klug ich mich auch betragen mag , so wird die Zeit noch kommen , wo fremde frischere Reize , oder allmählige Gewöhnung diese Art von Zauber zerstören . Bis also die gefährliche Epoche eintritt , muß seine Achtung für meinen Charakter , für meinen Verstand so fest gegründet seyn , daß die Freundin keines von den Rechten verliert , die die Geliebte hatte , und seine Untreue nichts weiter für mich seyn kann , als ein flatterndes Spiel , das ich ihm gern zu seiner Unterhaltung gönne . Nie werde ich mich in die Angelegenheiten seines Reiches mischen , wenigstens nie unmittelbar . Sucht er in manchen Fällen den Rath der Freundin , kann es sein Herz erleichtern , wenn er seine Sorgen zuweilen in meine Brust niederlegt , so will ich ihm redlich tragen , und sorgen , und denken helfen . Nie werde ich meine engbegrenzte Sphäre verlassen ; aber auch nie soll er vergessen , daß ich meinem schönen Vaterlande , dem Leben im Schooße einer edlen ruhmvollen Familie , die mich zärtlich liebt , entsagt habe , um ihm in seine Gebirge zu folgen , und die Gattin eines barbarischen Tyrannen zu werden , wie sich Sulpiciens Vater ausdrückte . Ueber einige dieser Punkte habe ich mit dem meinen mehrere ernste feierliche Unterredungen gehabt , und nie werde ich der weisen Lehren vergessen , die er mir mit Rührung , mit väterlichen Thränen gab . Ach , er freut sich wohl , mich so glänzend , und an einen so würdigen Gatten verheirathet zu wissen ; dennoch fühle ich , daß der Gedanke , ein Kind zu verlieren , an dessen stäten Umgang er so gewohnt war , ihn manchmal wehmüthig macht . Dann ergreift diese Stimmung auch mich , aber ich bemühe mich , sie wie jede weiche ihrer Art , zu verscheuchen . Wenn ich nicht als Vestale leben und sterben will , steht mir diese Trennung immer bevor , und ich könnte mir doch unter allen Männern keinen denken , um dessentwillen ich sie lieber ertrüge , als Tiridates . Keinen ? - Man muß nie falsch seyn . Das , was ich für Tiridates empfinde , ist viel anders , als was ehedem meine Brust so unruhig , so unabläßig bewegte . Doch kömmt dieser Unterschied vielleicht wohl nur von der Art des Verhältnisses , und nicht von dem Gegenstand desselben her . Ehemals war ich ungewiß , zweifelhaft , meine Phantasie aufgeregt , alle Seelenkräfte in Spannung ; jetzt ist Alles stille und sicher , und so ist mein Gefühl nur ruhiger , aber vielleicht nicht kälter . Sey dem , wie ihm wolle . Ich mag nicht darüber grübeln , es nützt zu nichts , und kann nur schaden . Agathokles wird Zeuge unserer Verbindung seyn ; ich habe den Gedanken , ihn darum zu bitten , in Tiridates erregt , ohne daß er meinen Wunsch errieth . Ich weiß nicht , welche Art von stolzer Befriedigung ich darin suche ; genug , ich wünsche es , und sehe es als einen Theil der Freuden jenes wichtigen Tages an , daß Er gegenwärtig sey . Leb ' wohl , lieber Bruder ! Meine Lebensart ist jetzt sehr beschäftigt , sehr zerstreut ; du wirst es diesem Briefe abgemerkt haben . Bevor ich Nikomedien verlasse , und mich noch um viele , viele Meilen weiter von dir entferne , schreibe ich dir sicher noch einmal . 90. Constantin an Agathokles . Salona1 , im Jänner 304 . Als wir uns in Byzanz trennten , du mit deiner liebenswürdigen Frau nach Athen gingst , und ich dem Augustus auf seinen Befehl nach Rom folgte , um Zeuge seines Triumphs zu seyn , da dachte ich nicht , daß jene Ereignisse , von denen wir , als in ferner Zukunft möglich , sprachen , schon so bald ihre dunkeln verhängnißvollen Schatten über unsere Gegenwart werfen , und uns nöthigen würden , Plane und Entschlüsse , deren größeres Verdienst doch wohl Reifheit und besonnene Vorbereitung ist , vielleicht mehr als gut ist , zu beschleunigen . Wie Galerius die Zurücksetzung ertrug , daß nur die beiden Auguste den Triumph feiern , er und mein Vater hingegen von diesem Ruhme ganz ausgeschlossen seyn sollten , hast du schon in Nikomedien gesehen , als nach den Hochzeitsfeierlichkeiten des Königs von Armenien sich alles zum Aufbruche anschickte , und auch er bereit schien , den Augustus nach Rom zu begleiten , und an dem Triumph Antheil zu nehmen , den er durch seine Tapferkeit wohl verdient hatte . Die alte Sitte , welche die Verdienste der Cäsaren ihren Vätern zuschrieb2 , obwohl sie dem Diocletian zum günstigen Vorwande diente , befriedigte den Stolz des wilden Cäsars nicht , der sich wohl bewußt war , daß diesmal nicht sein kleineres kriegerisches Verdienst vor dem größern des Augustus zu verschwinden hatte , der es tief fühlte , daß durch seinen Arm allein die Lorbeeren errungen worden waren , mit denen sich der langgehaßte , lebensvolle Augustus nun in Rom schmücken sollte . Daß er nicht wüthete , daß er diese Kränkung so gelassen , mit so schmeichelnder Ergebung ertrug , diese stumpfe ahnungsvolle Stille ließ mich eben mit größerm Rechte ein heranziehendes Gewitter fürchten . Wie sicher mußte Galerius seines Erfolges seyn , da er den rauhen Krieger unter dem geschmeidigen Hofmanne zu verbergen wußte ! Ich theilte dir damals meine Besorgnisse mit , du schienst es nicht so anzusehen , und ich