Leben , hier abstreifen – Sie haben ein großes Herz voll warmer , mütterlicher Liebe und einen starken , furchtlosen Geist – ich weiß es und habe Sie lieb gehabt , seit ich Sie so mutig vor dem Minister stehen sah ... Sie sollen mich belehren und leiten und vorbereiten zu einem hohen , heiligen Beruf ... Muß ich Ihnen erst alle die schauerlichen Entdeckungen mitteilen , um derentwillen ich das weiße Schloß verlassen habe , um es nie wieder zu betreten ? « » Ach was , liebe Gräfin , das brauche ich nicht zu wissen , müßte auch lügen , wenn ich sagen wollte , ich guckte gern hinter die Ränke und Schwänke der hohen Herren – man kommt selten mit heiler Haut und Seele wieder davon ... Mir genügt , daß Sie Schutz in meinem Hause suchen ... Armes Kindchen , es muß schon hageldick gekommen sein , um solch ein unschuldiges Gemüt aus seiner Harmlosigkeit aufzurütteln ! ... Und nun kommen Sie « – sie schlang ihren Arm um Giselas Schulter , während der Humor aus ihren klaren , blauen Augen sprühte – , » freilich habe ich ein großes mütterliches Herz ; stecken doch acht liebe Blondköpfchen drin , und wo sie hausen , da findet sich auch ein trauliches Plätzchen für Sie ... Macht die Tür weit auf , ihr Mädchen ! « rief sie mit strahlendem Gesicht nach der Wohnstube hinüber , wo die Tür ein wenig klaffte und hier und da ein neugierig herauslauschendes Näschen und ein blonder Scheitel sichtbar wurden . – » Es ist so etwas wie das Christkindchen über Nacht in unser Haus gekommen ... Ihr habt es immer schon von fern gern gehabt , nun dürft ihr ' s euch auch in der Nähe besehen ! « Die Tür wurde weit zurückgeschlagen – an der Schwelle standen schüchtern und verschämt drei Mädchengestalten – aus den » kleinen , wilden Panduren « waren schöne , kräftige Blondinen geworden . » Das ist meine Älteste « , sagte die Pfarrerin nicht ohne mütterlichen Stolz und deutete auf die mittlere der drei Gestalten , ein hochgewachsenes Mädchen mit ernsten , nachdenklichen Zügen . » Dem Vater seine kleine Gelehrte , sein Famulus bei seinen astronomischen Studien . Sie hat viel lernen müssen , weit mehr als diese zwei wilden Hummeln da , und hat auch einen hohen , heiligen Beruf vor sich – sie wird Vorsteherin und Pflegerin im Neuenfelder Erziehungshause – gelt , meine Alte ? « Sie strich über das dicke , schlicht zurückgeschlagene Haar der Tochter , und diese ergriff die liebkosende mütterliche Hand und küßte sie . » Und das sind unsere zwei Hauskobolde « , fuhr die Pfarrerin fort , die beiden Mädchen vorstellend , die zu Seiten der älteren Schwester standen , wie die strotzenden Knospen um die voll aufblühende Rose . » Sie haben nichts als Schnurren und Schnaken im Kopf , finden des Lachens und Kicherns kein Ende , und wenn ich ' s litte , da spielten sie am liebsten noch mit der Puppe . « Die Mädchen lachten lustig auf , während aus den Augen der Pfarrerin die Mutterlust strahlte . » Wollt ihr meine Schwestern sein ? « fragte Gisela und bot ihnen die Hand . Ein schüchternes » Ja « kam von allen Lippen , aber der Händedruck wurde herzlich erwidert . » Und nun hurtig , hurtig , macht das Eckstübchen zurecht ! « gebot die Mutter . Die Mädchen ergriffen einen Schlüsselbund und flogen zur Tür hinaus . » Sie sind heute außer Rand und Band « , lachte die Pfarrerin . » Da sehen Sie – morgen gibt es eine Überraschung ! Mein Mann feiert seinen zweiundfünfzigsten Geburtstag : deshalb sind wir , ganz gegen die strenge Hausordnung , auch noch nicht zu Bett . « Nahe an einem der Fenster stand ein weißgedeckter Tisch ; er war mit Girlanden besteckt ; auf seiner Platte lag inmitten verschiedener gestickter und gehäkelter Kleinigkeiten ein sehr wertvolles astronomisches Werk . » Das haben meine Mädchen mit Handarbeiten verdient « , sagte die Pfarrerin , auf die Bücher zeigend . » Und die hat unser Wildfang , das Röschen , mit seinen kleinen widerspenstigen Fingern gestrickt , « fügte sie laut auflachend hinzu und ließ ein Paar großer , derber Strümpfe in der Luft baumeln . » Das hat manche heiße Stunde gekostet ! Aber nun ist sie glücklich , und selbst in ihr Gebet heute abend schlichen sich die glücklich fertig gebrachten › himmellangen ‹ Strümpfe ein . « Sie öffnete geräuschlos eine Tür und ließ das Lampenlicht in den dunklen Raum fallen . » Da liegt sie – mein Nesthäkchen « , flüsterte sie – wie bebte und schmolz diese kräftige Stimme in weicher Zärtlichkeit ! – » Was nur das kleine Ding morgen sagen wird , wenn sie ihre liebe Gräfin im Pfarrhause sieht ! « meinte sie leise in sich hineinlachend . Das blonde Köpfchen des Kindes ruhte im süßen , tiefen Schlaf auf dem Kissen , und die langen Zöpfe fielen auf den Bettrand hinab . Eine himmlische Ruhe überkam das junge Mädchen in diesem Hause ... Eben noch mit Grausen in den plötzlich geöffneten Abgrund der Verworfenheit blickend , über den sie blinden Auges so lange hingewandelt war , erschien ihr diese Häuslichkeit wie ein Tempel , ruhend auf den Säulen wahrer Tugend und durchweht von echt gottseligem Frieden . Und die stattliche , kräftige Frau , die da neben ihr stand , dieses Bild der Standhaftigkeit und unerschrockenen Gesinnungstreue , mit wie viel feinem Takt versuchte sie die sichtbare Aufregung der Geflüchteten zu dämpfen , sie abzuziehen von den Ereignissen , die sie fortgetrieben hatten aus dem sogenannten Vaterhause , indem sie sie in die harmlosen Freuden ihrer Häuslichkeit ohne weiteres einführte ! ... Es fiel ihr nicht ein , sich zu fragen : was werden die » hohen Herren « dazu meinen , daß du eine ihresgleichen in ihrer Abtrünnigkeit bestärkst