er sich dort als alleiniger Besitzer – unerträglich ! ... Er durchbrach eigenmächtig die wohltätige Schranke , die das » Bauernelement « von dem vornehmen Boden geschieden , und suchte offenbar einen intimen nachbarlichen Verkehr einzuleiten , und das in einem Augenblick , wo es offenbar geworden war , daß » die Menschen da drüben « in ehrloser Weise die Schillings um eine wertvolle Erwerbung bestohlen hatten ... » Er ist verrückt ! « hatte sie in ihrer gewohnten , stillzornmütigen Art gemurmelt und hastig nach Hut und Handschuhen gegriffen , um hinunter zu gehen und auf Grund ihrer Rechte energisch Einsprache zu erheben ; allein die Stiftsdame war ihr zuvorgekommen . Sie hatte sich an die Glastür gestellt und mit unerschütterlicher Ruhe erklärt , sie gebe es nicht zu , daß sich ihre » Schutzbefohlene « einer Beschämung vor der Dienerschaft aussetze ; denn daß ihr sofort eine scharfe Zurückweisung da unten entgegengeschleudert werde , lasse sich nach dem neulichen Auftreten und Vorgehen des rücksichtslosen Mannes im Atelier ohne Mühe voraussagen . So war die Baronin voll kochenden Ärgers geblieben und hatte noch an demselben Abend sehen müssen , wie die Majorin durch die Bresche im Zaun herübergekommen und in das Säulenhaus gegangen war . Die Versöhnung hatte sich also , wie der Augenschein lehrte , vollzogen ; das Ziel war erreicht worden , trotzdem die Frau Baronin sich von jeder Mitwirkung losgesagt und durch ihre Abreise die Durchführung des Planes boshaft zu vereiteln gesucht hatte . Sie war nicht vermißt worden , man hatte ihr nicht ein einziges Mal reuevoll geschrieben , daß sie zurückkehren möge – sie hatte immer noch an starren Trotz geglaubt , nun sah sie , daß man ihrer in Wirklichkeit gar nicht gedacht hatte . Sie hätte weinen mögen vor Groll und Ingrimm ! ... 37. Der Rat Wolfram und sein kleiner Sohn ruhten seit gestern im Erbbegräbnis an der Seite der » armen stillen Frau Rätin « . Die beiden Verstorbenen waren am frühen Morgen in aller Stille beigesetzt worden . Auf den Höfen des Klostergutes herrschte wieder der Wirtschaftslärm , als sei er nie unterbrochen gewesen . Das große Mauertor stand tagsüber weit offen , die Knechte fuhren unermüdlich aus und ein – denn die Ernte hatte begonnen – und die Mägde hantierten mit arbeiterhitzten Gesichtern in den Ställen und Bodenräumen und am Kochherd , auf dem in mächtigen Kesseln das Essen für die Erntearbeiter bereitet wurde . Die Majorin überwachte alles , wie sie es seit vielen Jahren getan . Es war unmöglich , eine so große Wirtschaft , die bisher wie ein pünktliches Uhrwerk gegangen war , mit einem Ruck zum Stillstehen zu bringen ; da hieß es geduldig den Faden abwickeln , und die aus allen Fugen gerüttelte Frauenseele bedurfte ihrer ganzen Willensstärke , um diese Aufgabe durchzuführen . Nur vom Milchverkauf hatte sie sich freigemacht ; das besorgten jetzt die Mägde in der Gesindestube ; ebenso hatte sie alles Geschäftliche bezüglich der Hinterlassenschaft des Rates vorläufig in Baron Schillings Hände gelegt , der ihr in diesen Tagen des Schreckens und der namenlosen Bedrängnis wie ein Sohn näher getreten war . Sie hatte auch mit ihm vereinbart , daß der verhängnisvolle Gang vom Schillingshofe aus zugemauert werde ; die Amtsstube und das Eßzimmer standen verschlossen – sie mied die zwei Schwellen wie glühendes Eisen . Nun kam Baron Schilling am Tage nach der Beisetzung behufs einer vorläufigen Untersuchung mit zwei Handwerkern , einem Kunsttischler und einem Maurer , in den Holzsalon . Er hatte Donna Mercedes vorher benachrichtigt und fand deshalb den Salon leer , aber die Türen nach Josés ehemaligem Krankenzimmer und der anstoßenden Kinderstube waren nicht fest geschlossen , man hörte das Geplauder der spielenden Kinder herüber . Der Tischler schlug die Hände zusammen über das zerstörte kostbare Kunstwerk der Holzschnitzerei , und der Maurer untersuchte die dahinterliegende glatte , braune Tür an der Innenseite . Die alten Mönche seien Schlauköpfe gewesen , meinte er und zeigte auf verschiedene kleine Schieber und Riegel auf der Fläche . Auch ohne eine der Türen – die durchsichtige sowohl wie die feste , glatte – zu öffnen , hatte man durch kleine Rundungen zwischen übereinander geflochtenen Ranken oder im Kelch einer Blume den ganzen Salon übersehen können . Und diese verschiebbaren kleinen Platten liefen geräuschlos in sorgfältig eingeölten Rinnen und zeugten so unwiderleglich vom allerjüngsten Gebrauche . Die Polstertür aber , von einem dicken , unverwüstlichen Leder überspannt , hatte zu allen Zeiten jeden Schall zwischen den zwei Häusern aufgefangen , und zum Überfluß zeigte sich auch noch das Innere der Wand mit den geschnitzten Heiligen drüben in der Amtsstube durch Polsterwerk verkleidet . Während dieser Besichtigung trat plötzlich der Bediente Robert in den Salon . » Die gnädige Frau Baronin ! « meldete er , und seitwärts tretend , schlug er den Torflügel zurück . Die Baronin erschien auf der Schwelle . Sie war in grauer Seide , hatte das große Goldkreuz auf der Brust , und über dem blonden Scheitel lag eine weiße Barbe , die unter dem Kinn lose geschlungen war – das Gesicht erschien dadurch noch schmäler und länger . Ihre Augen überflogen forschend das Zimmer ; sie hatte jedenfalls vorausgesetzt , Donna Mercedes vorzufinden . Auf ihren Wangen lag ein schwaches Rot ; es belebte die Erscheinung wie das fieberische Funkeln ihres Blickes – die bleichgrauen Augensterne waren in diesem Augenblick entschieden stahlfarben ... Man sah , sie wollte imponieren ; sie hielt den Oberkörper stolz und steif , als sei sie ihrer Rückenschwäche für immer ledig . » Ah , da bist du ja , mein Freund ! « sagte sie sehr unbefangen . Sie erwiderte den ehrerbietigen Gruß der Handwerker mit einem kaum merklichen Kopfnicken und hielt ihrem Mann mit nachlässiger Grazie die Fingerspitzen hin . Sie schien gar nicht daran zu denken , daß sie ihn seit dem stürmischen Auseinandergehen im Atelier nicht wieder gesprochen . Baron Schilling war bei Roberts Meldung rasch aus der Mauertiefe getreten . Unwillkürlich fuhr sein