Backen dicke , bebende Muskelknoten bildeten . Sylvia hatte die Türe leise zugemacht und war verschwunden . Bange Minuten verflossen , und nichts geschah , als daß jeder des andern Hand in der seinen hielt und seinen Blick in das Auge des andern bohrte . Nur das Knistern des Ofenfeuers unterbrach die Stille . » Gerade noch zu rechter Zeit , « murmelte der alte Freiherr ohne aufzublicken verloren vor sich hin , » gerade noch zu rechter Zeit . « Eberhard antwortete nicht . Er stand regungslos da , die Hacken geschlossen , wie ein junger Offizier vor seinem Vorgesetzten . Nach einer Weile drehte er sich um und verließ langsam das Zimmer . In der Bibliothek wartete Sylvia . Die Dämmerung ließ nur den Umriß ihrer Gestalt erkennen . Eberhard faßte sie an und flüsterte : » Ich glaube , ich habe doch keinen Vater mehr . « 6 Noch in derselben Nacht war der alte Freiherr abgereist . Mitten in der Nacht ; um vier Uhr hatte ihn sein Diener auf die Bahn begleitet . Auf seinem Schreibtisch fand man am Morgen zwei Briefe ; einer war an Eberhard gerichtet , der andere an die Freifrau . Der letztere enthielt nur einen Abschiedsgruß , jener war etwas ausführlicher gefaßt , gab die Genugtuung darüber kund , daß Eberhard , den er als Chef des Hauses willkommen hieß , zu seiner Familie zurückgekehrt sei , deutete an , daß er ihm alle gesetzlichen Machtbefugnisse binnen kurzer Frist erteilen werde und schloß mit dem überraschenden Satz : » Was mich selbst betrifft , so werde ich nunmehr in die katholische Religionsgenossenschaft eintreten , um den Rest meines verfehlten Lebens zu Viterbo im Dominikanerkonvent della Guercia zu verbringen . « Keine Gefühlsergüsse , keine Erklärungen , keine Bekenntnisse , nur die nackte Tatsache . Die Freifrau war weder erstaunt , noch erschrocken . Sie fiel in dumpfes Sinnen , dann sagte sie : » Er war niemals froh . Er war niemals in seinem ganzen Leben froh . Ich habe ihn niemals von Herzen lachen hören , und an seiner Seite hab ich das Lachen verlernt . Von jeher ist seine Brust ein Kloster gewesen , ein Ort der Düsterkeit und Strenge . Er hat heimgefunden , weiter nichts , und mag wohl müde sein von dem langen Weg zu seiner Seele . « » Dummes Zeug , Clotilde ! « rief da Frau von Erfft heftig . » Das mit dem Lachen mag schon stimmen , und ein Mensch , der nicht lachen kann , ist ein halbes Tier . Aber muß deswegen ein gebildeter Mann zu solchem Mittel greifen , um zum Frieden mit sich und seinem Gott zu gelangen ? Ein Mann , der ein Beispiel zu geben verpflichtet ist ? Ist noch nicht genug Finsternis in den Köpfen ? Muß man die Fackeln auslöschen , bei denen man Wache gehalten hat ? Hier hat mein Verzeihen ein Ende , da bin ich Weltkind ganz und gar und steh lieber bei denen , die für Heiden gelten und uns Werke des Lichts und der Erleuchtung geschaffen haben . « Bei diesen Worten trat Eberhard ein , und als sie in sein Gesicht schaute , war Frau von Erffts Gedanke : auch er kann nicht lachen . Der Glaubenswechsel des Freiherrn von Auffenberg verursachte überall im Lande die größte Erregung . Die liberalen Zeitungen brachten geharnischte Artikel , in den liberalen Vereinen wurden flammende Proteste gegen die schleichenden Umtriebe Roms erhoben ; die ultramontanen Parteigänger jubelten und benutzten die wunderbare Rückkehr eines Ungläubigen in den Schoß der allein seligmachenden Kirche kräftig zur Werbung neuer Jünger und Anfeuerung alter . Durch die Bürgerstuben wehte ein Schauer von Priestertyrannei und Geistesknechtung . Wenig berührt vom Wirrwarr der Meinungen , fand sich Eberhard rasch in die veränderte Lebenslage . Plötzlich Herr zu werden über so vieles und so viele , das erforderte Ernst und Haltung , klaren Blick und feste Hand . Übereifer und Dünkel waren seinem Wesen keine Gefahr , eher Bedenklichkeit und Vorliebe für den Platz im Schatten . Seltsam , die Fülle der Verantwortung heiterte sein Gemüt auf ; was der Anteil an der ihm zugewachsenen , sehr äußerlich bewegten Welt nicht vermochte , das vollendete Sylvias Einfluß . Im Mai begleitete er sie und ihre Mutter nach Erfft . Sie machten dort täglich gemeinsame Spaziergänge , und immer wieder erzählte Eberhard von Lenore ; erst scheu und verhalten , dann , als er tieferes Vertrauen zu seiner Zuhörerin gefaßt hatte , so offen , daß diese Offenheit schon ein Zeichen innerer Befreiung war . Als er von Lenores Heirat mit Daniel Nothafft berichtete , unterbrach ihn Sylvia lebhaft und stellte einige Fragen in bezug auf Daniel . » Ach , das ist ja unser Gast von damals , « sagte sie , » das ist ja der Kapellmeister . « Und nun erzählte sie ihrerseits von dem Aufenthalt Daniels in Erfft , mit einem Lächeln , in dem Nachsicht und wiedererwachte Verwunderung lag . Auch dieses Lächeln erschien Eberhard eigentümlich lenorenhaft . Doch kam er in Sylvias Nähe , gerade weil bei ihr alles ein wenig abgeschwächt war , deutlicher zur Erkenntnis , was ihn so machtvoll zu Lenore hingezogen hatte . Er konnte es nicht in Worte oder Begriffe schließen , er fühlte nur , es war das ihm unbekannte Reich der Klänge , der unbekannte Schmelz innerer Melodie , die tönende Ordnung der in Seele verwandelten Musik . Anfangs Juni fuhr Sylvia mit Eberhard und ihren beiden Eltern nach Nürnberg zurück . Ein paar Tage später fand im freiherrlichen Haus die Verlobung statt . 7 Herr Carovius war bezahlt worden . Das Konsortium stiller Hintermänner hatte sich aufgelöst . Nie hat es einen befriedigten Gläubiger gegeben , der so unglücklich war wie Herr Carovius . Er hatte kein Wegziel mehr ; auch die Wegweiser waren zerbrochen . Das Geld hatte er bekommen , schön ; auf seinen Teil war sogar ein Profit von über sechzigtausend