Er hat das moralische Band , welches ihn mit Allen vereinigte , freventlich zerrissen und muß an jedem Augenblicke gewärtig sein , als rechtsloser Mensch , als Ausgestoßener behandelt zu werden . « » Wie du das sagst , o Effendi , klingt es schlimm ! « » Jawohl ! Aber auch das ist noch das Schlimmste nicht . Das Allerschlimmste an der Lüge sind die fliegenden Samen . « » Fliegende Samen ? - Wie meinst du das ? « » Es giebt Pflanzen , welche , wenn sie ausgeblüht haben , in ihren Kronen hunderte von kleinen , leichten Hörnchen erzeugen , die alle mit einem weißen , federfeinen Schirmchen versehen sind . Ein jeder Lufthauch , der so ein Schirmchen faßt , nimmt den daran befindlichen Samen mit sich fort , und da , wo er ihn fallen läßt , entsteht eine neue Pflanze . So ein Gewächs kann durch diese Art der Verbreitung in kurzer Zeit für eine ganze Gegend verderblich werden . Das Unkraut verbreitet sich so , daß es nur mit der größten Anstrengung wieder auszurotten ist . « » Und so thut es auch die Lüge ? « » Ja . Sie ist grad dann am gefährlichsten , wenn sie nicht entdeckt wird , wenn der Lügner seinen Zweck erreicht hat , wenn die sogenannte Notlüge die Not scheinbar beseitigt hat . Da gedeiht die Lüge in größter Heimlichkeit . Niemand sieht sie stehen . Niemand vernichtet sie . Nur der Lügner kennt sie . Er pflegt und hegt sie . Er sorgt dafür , daß kein Mensch sie bemerkt . Er sieht darauf und freut sich darüber , daß alle ihre Folgen und alle ihre Samen sich entwickeln . Sind diese Folgen reif , so bleiben sie nicht an Ort und Stelle ; sie werden fortgetragen . Oft nicht weit , oft aber auch in große Ferne . Dort lassen sie sich nieder und beginnen zu wachsen und sich zu vermehren . Die Lüge treibt tausend neue Blüten , die alle , alle wieder Lügen sind , deren Samen dann weitergetragen werden , hierhin und dorthin , in Masse aber besonders auch wieder dorthin zurück , wo die erste stand und so gute Pflege fand . Der Same dieser ersten fiel auch in die Nähe . Er fand den besten Boden . Er wuchs und wuchs und brachte immer neue Pflanzen . Der Lügner hat , nachdem ihm die erste Lüge gelang , nicht wieder nachzusehen . Jetzt kommt er hin und sieht zu seinem Schreck , daß seine Unwahrheit zum Unkraut geworden ist , welches alles Gute überwuchert . Die Nachbarn werden laut , die ferner Wohnenden auch . Man fragt ; man forscht , und man entdeckt die Herkunft dieses Uebels . Da ist es nun um ihn für alle Zeit geschehen . Verstehst du mich , Hanneh ? « » Beinahe , « antwortete sie . » Ja , das Unkraut kann man freilich stehen sehen , die Lüge aber nicht , weil sie keinen Körper hat . Aber ihr Gift verpestet nicht bloß die Gedanken , sondern auch die Worte und Thaten , und diesen ist es deutlich anzumerken , daß sie bei Lug und Trug entstanden sind . Man nennt die Lüge einen häßlichen Schandfleck an dem Menschen ; aber sie ist noch mehr : Sie ist die Mutter aller Uebel , die es giebt . Es giebt wohl keine Missethat , welche nicht durch die Lüge vorbereitet oder wenigstens begleitet wird . Hanneh , meine Freundin , ich sage dir , daß Kara recht gehandelt hat , als er die Wahrheit sagte . Oder glaubst du , daß man einer Lüge geglaubt hätte ? « » Wahrscheinlich nicht . « » Ganz gewiß nicht ! Er kam aus der Gegend der Dschamikun . Wäre er so feig gewesen , sie zu verleugnen , so wäre das Mißtrauen der Perser für ihn schädlicher geworden als die Wahrheit , die er ihnen so offen und ehrlich sagte . Sie nannten ihn dieses Mutes wegen toll . Sie hielten ihn für einen unbedachtsamen , leichtsinnigen Menschen , mit dem sie leichtes Spiel zu haben glaubten . Nur darum unterließen sie jene Vorsichtsmaßregeln , welche sie im andern Falle ganz gewiß getroffen hätten . Der Scheik der Kalhuran hat es vor allen Dingen der Wahrheitsliebe Karas zu verdanken , daß er gerettet worden ist . Eine Notlüge aber hätte diese Rettung höchst wahrscheinlich ganz unmöglich gemacht . Oder meinst du , hieran noch zweifeln zu müssen , wie du vorhin thatest ? « » Nein . Du hast mir ja bewiesen , daß ich Unrecht hatte . O , Sihdi , ich bin keine Lügnerin ; gewiß bin ich das nicht ; aber so häßlich und so schädlich , wie du es jetzt beschrieben hast , habe ich mir die Lüge doch nie gedacht . Ich habe mich stets vor ihr gehütet , denn ich war zu stolz , mich mit ihr abzugeben ; nun aber ist sie für mich ebenso wie für Kara , meinen Sohn , zur Unmöglichkeit geworden . Man töte mich ; aber lügen werde ich nie ! Geschlagen , geprügelt ist der Scheik der Kalhuran worden ! Und dann die lange Flucht ! Der schnelle Ritt ! Die Sorge , angegriffen zu werden ! Die Angst , nicht um sich , aber um sein Weib ! Was muß er ausgestanden haben ! - Hat er geklagt ? « » Nein , « antwortete Kara . » Sein Weib erwähnte einmal seine Schmerzen ; da gebot er ihr aber , zu schweigen . Er hat fürchterlich gelitten . Hier aber brach er endlich zusammen . Die Menschenkraft war zu Ende . Er ist ein Mann ! « » Hier findet er die Pflege , die ihm nötig ist . Aber wird er vor der Rache sicher sein ? « » Ganz gewiß , so lange er sich hier befindet . « » Denkst du , mein