Stelle . Sie guter , treuer Freund , sagte Melitta , Bemperleins beide Hände in die ihren nehmend und herzlich drückend . Bitte , bitte , gnädige Frau ! rief Herr Bemperlein , ganz im Gegentheil , wollte sagen , nur meine Pflicht und Schuldigkeit . Ich will mich sogleich zur Reise fertig machen , sagte Melitta , ein Licht ergreifend . Bleibe ruhig hier , Oswald . Wenn Jemand von den Leuten Dich sehen sollte , bist Du mit Bemperlein gekommen ; es wird Dich aber Niemand sehen . Melitta hatte das Zimmer verlassen . Bald hörte man in dem eben noch so stillen Hause das Geräusch von eiligen Schritten , von Thüren , die hastig auf- und wieder zugemacht wurden , von dumpfen Stimmen , die durcheinander sprachen . Von den beiden Männern wagte in den ersten Minuten keiner das Schweigen zu brechen . Beide fühlten das Wunderliche der Situation , in die sie so urplötzlich gerathen waren ; vor allem Bemperlein , der sich innerlich noch immer nicht von seinem tiefen Erstaunen erholen konnte . Melitta stand in seinen Augen so unerreichbar hoch da , daß er schlechterdings nicht zu begreifen vermochte , wie es irgend einem Sterblichen gelingen könnte , sich zu dieser Höhe zu erheben ; und auf der andern Seite war er seit vielen Jahren so daran gewöhnt , Alles , was sie that , für gut und recht und unverbesserlich zu halten , daß er von dieser Regel selbst jetzt eine Ausnahme zu machen nicht den Muth hatte . Wir sehen uns auf eine gar seltsame Weise wieder , Herr Bemperlein , sagte Oswald endlich . Ja wohl , ja wohl ! sagte Herr Bemperlein . Mein Kommen weder erwartet , noch erwünscht , ich begreife das vollkommen - die arme gnädige Frau : aber welchen Muth sie hat , welche Schnelligkeit des Entschlusses ! ich habe es ja immer gesagt : sie ist aus besserem Stoffe , als wir anderen Menschenkinder . Ein wahres Glück , daß der Doctor Birkenhain den gescheidten Einfall hatte , nicht direkt an sie zu schreiben . So kann ich , wenn auch nicht viel , doch wenigstens etwas zu ihrer Unterstützung thun . Sie Glücklicher ! sagte Oswald . Sie dürfen für sie wirken und schaffen ; und ich kann nichts thun , nichts , als ihr eine glückliche Reise wünschen und sodann die Hände müßig in den Schooß legen . Ich bedauere Sie von ganzem Herzen , wahrhaftig , sagte Herr Bemperlein . Es ist eine schwere Aufgabe , die Ihnen zugemuthet wird ; aber wo viel Licht ist , da ist auch viel Schatten . Wir werden fleißig schreiben - Sie sollen von jedem Schritte , den wir thun , Nachricht erhalten . Und dann hoffe ich , daß unsere Reise nicht lange dauert , und vor allem , daß Herr von Berkow schon gestorben ist , wenn wir in Fichtenau angekommen . Das hoffen Sie ? und doch scheinen Sie diese Reise für nothwendig zu halten ? Gewiß , sagte Herr Bemperlein . Es giebt gewisse traurige Pflichten , die man erfüllen muß , nicht der Welt wegen , die uns nicht schelten könnte und schelten würden , wollten wir sie unerfüllt lassen ; nicht des Andern wegen , dem unsere Opferfreudigkeit zugute kommt , und den wir vielleicht weder lieben noch achten , sondern um der Achtung willen , die wir vor uns selber haben . Doch was demonstrire ich Ihnen noch lange vor , was Sie so gut und besser wissen als ich . Sie haben ja auch zu dieser Reise gerathen , obgleich Sie doch am meisten dabei verlieren . Es muß eine schauerliche Empfindung sein , so plötzlich aus allen seinen Himmeln gerissen zu werden . Seltsam ! seltsam ! je länger ich über dies Alles nachdenke , desto begreiflicher wird es mir . Ja , ja - daß Sie die herrliche Frau lieben , das ist ja so natürlich , so - ich möchte sagen : logisch - das Gegentheil würde baarer Unsinn sein : Es muß sie Jeder lieben , und um so mehr lieben , je edler sein Herz , je empfänglicher seine Seele für das Gute und Schöne ist . Ihr Herz ist edel , Ihre Seele klingt harmonisch mit allem Schönen zusammen ; so müssen Sie auch die schönste und beste Frau von ganzem Herzen , von ganzer Seele lieben . Und auf der anderen Seite : ist sie nicht frei ? wenn auch nicht vor den Menschen , so doch vor dem Richter , der in ' s Verborgene sieht ? hat sie ihren Gemahl jemals geliebt ? konnte sie ihn lieben , dem sie verkauft wurde um schnödes Geld - verkauft von dem eigenen Vater , als sie noch viel zu jung und zu unschuldig war , das Bubenstück auch nur zu ahnen , geschweige denn zu durchschauen ? O ! mein Blut kocht , wenn ich daran denke ! nein , nein ! sie durfte Sie lieben , sie mußte Sie lieben , sie , deren Herz ganz Liebe und Güte ist . Ich freue mich , daß es so gekommen ist , ich wünsche Ihnen Glück von ganzem Herzen . Ich bin ein einfacher , unbedeutender Mensch und würde im Gefühl dieser meiner Unbedeutenheit nimmer den Blick zu solcher Höhe zu erheben wagen ; aber , wenn ich einen Andern kühn und stolz auf dieser Höhe wandeln sehe , so erfüllt das meine Brust mit Bewunderung , die von Neid , frei , ganz frei ist , und noch einmal : ich wünsche Ihnen Heil und Segen von ganzem Herzen ! Herr Bemperlein ergriff Oswald ' s beide Hände und drückte sie mit Lebhaftigkeit . Die Augen standen ihm voll Thränen ; er war innerlichst erschüttert . Und ich danke Ihnen von ganzem Herzen , sagte Oswald gerührt . Der Beifall eines Mannes , den ich so hoch achte , ist mir tausendmal mehr werth , als das Urtheil der