der Umgebung durchaus nicht mehr unterschied . Dieses Verfahren wurde zuweilen mehrere Male wiederholt . Zuletzt konnte man mit freien Augen die Plätze , an welchen sich neue Farben befanden , gar nicht mehr erkennen . Nur das Vergrößerungsglas zeigte noch die Ausbesserungen . Wir brachten Jahre mit diesem Verfahren zu , besonders da Zwischenzeiten waren , die mit andern Arbeiten ausgefüllt werden mußten , und da unser Vorgehen selber Zwischenzeiten bedingte , in denen die Farben auszutrocknen hatten , oder in denen man ihnen Zeit geben mußte , die Veränderungen zu zeigen , die notwendig bei ihnen eintreten müssen . Dafür aber war an dem vollendeten Gemälde nicht zu merken , daß es nicht in allen Teilen ein altes sei , es hatte die feinen Sprünge alter Bilder und hatte alle die Reinheit und Klarheit des Pinsels , der es ursprünglich geschaffen hatte . Wenn man alte Bilder bei Ausbesserungen übermalt und dadurch stimmt , so ist nicht selten ein Überzug über die feinen Linien , welche die Zeit in alte Bilder sprengt , und dieser Überzug zeigt nicht nur , daß das Bild ausgebessert worden ist , sondern er stellt auch einen feinen Schleier dar , der über die Farben gebreitet ist und sie trüb und undurchsichtig macht . Solche Bilder geben oft einen düstern , unerfreulichen und schwerlastenden Eindruck . Es werden viele unser Tun in Herstellung alter Bilder unbedeutend und unerheblich nennen , besonders da es so viele Zeit und so viele Anstalten erforderte ; uns aber machte es eine große und eine innige Freude . Ihr werdet es gewiß nicht tadeln , da Ihr einen so großen Anteil an den Hervorbringungen der Kunst zu nehmen beginnt . Wenn nach und nach die Gestalt eines alten Meisters vor uns aufstand , so war es nicht bloß das Gefühl eines Erschaffens , das uns beseelte , sondern das noch viel höhere eines Wiederbelebens eines Dinges , das sonst verloren gewesen wäre , und das wir selber nicht hätten erschaffen können . Als schon bereits einige Teile des Bildes fertig waren zeigte es sich , daß die Farben reiner und glänzender seien , als wir gedacht hatten , und daß das Bild einen vorzüglicheren Wert habe , als anfangs unsere Vermutung war . So lange die vielen Sprünge und farblosen Stellen und so lange die unreinen Flecke , die wir nicht hatten beseitigen können , auf dem Gemälde waren , übten sie auch auf das Nichtzerstörte und sogar auf das sehr wohl Erhaltene einen Einfluß aus und ließen es im ganzen mißfärbiger erscheinen , als es war . Nachdem aber in einer ziemlich großen Fläche die widerstreitenden Stellen mit den entsprechenden Farben zugedeckt waren , und die neue Farbe die alte , statt ihr zu widersprechen , unterstützte , so kam eine Reinheit , ein Schmelz , eine Durchsichtigkeit und sogar ein Feuer zu Stande , daß wir in Erstaunen gerieten ; denn bei starkbeschädigten Bildern kann man die Folgerichtigkeit der Übergänge nicht beurteilen , bis man sie nicht vollendet vor sich hat . Freilich mochte der besondere Farbenfluß sich noch höher darstellen , da er von den unverbesserten und widerwärtigen Stellen umgeben und gehoben wurde ; aber das war schon vorauszusehen , daß , wenn das ganze Bild fertig sein würde , seine Stimmung einen entschieden künstlerischen Eindruck machen müsse . Ich hatte während der Arbeit viele Mühe darauf verwendet , die ganze Geschichte und die Herkunft des Bildes zu erforschen ; allein ich kam zu keinem Ergebnisse . Der Soldat , der die Leinwand aus Italien geschickt hatte , war längst gestorben , und es lebte überhaupt niemand mehr , der in näherer Beziehung zu dem Ereignisse gestanden wäre ; denn dasselbe hatte sich weit früher zugetragen , als ich gedacht hatte . Der Großvater des letzten Besitzers des Bildes hatte öfter erzählt , daß er sagen gehört habe , daß ein aus dem Hause gebürtiger Soldat einmal seine Strümpfe und Hemden in ein Muttergottesbild eingewickelt aus Welschland nach Hause geschickt habe . Die Wahrheit der Erzählung bestättigte sich dadurch , daß man noch das alte zerstörte Marienbild auf dem Dachboden des Hauses fand . Ich konnte auch nicht ergründen , welche Gelegenheit es gewesen sei , die jenen deutschen Soldaten nach Welschland geführt hatte . Von dem , herauszufinden , aus welcher Gegend Italiens das Bild gekommen sei , konnte nun vollends gar keine Rede mehr sein . Als nach langer Zeit , nach vieler Mühe und mancher Unterbrechung das Gemälde in einem schönen , altertümlich gearbeiteten Goldrahmen fertig vor uns stand , war es eine Art Fest für uns . Roland war herbei gerufen worden , da er gegen den Schluß des Werkes eine Reise angetreten und die Vollendung seinem Bruder überlassen hatte . Mehrere Nachbaren waren geladen worden , ja ein Freund und Kenner alter Kunst , dem ich die Sache gemeldet hatte , war sogar von ziemlich weiter Entfernung herzugekommen , um die Wiederherstellung zu sehen , und andere , wenn sie auch nicht geladen waren , hatten sich eingefunden , da sie durch Zufall Kenntnis von der Begebenheit erhalten hatten , und wußten , daß sie auf dem Asperhofe nicht unwillkommen sein würden . Es ist nicht wahr , was man öfter sagt , daß eine schöne Frau ohne Schmuck schöner sei als in demselben : und eben so ist es nicht wahr , daß ein Gemälde zu seiner Geltung nicht des Rahmens bedürfe . Ich hatte zu unserem Marienbilde einen Rahmen nach Zeichnungen aus mittelalterlichen Gegenständen bestellt , und hatte dessen Ausführung gelegentlich , wenn mich ein Geschäft oder mein Wille in die Stadt brachte , überwacht . Er war weit eher auf dem Asperhofe angekommen , als das Bild fertig war , und mußte die Zeit über in seiner Kiste verpackt harren . Wir versuchten auch nicht ein einziges Mal das Bild in ihn zu fügen , ehe es fertig war , um den Eindruck nicht zu schwächen . Bei neuen Bildern zeigt freilich der Rahmen erst , daß