kaum war eine Viertelstunde verflossen , so nahte sich die Erwartete im höchsten Putz mit großen Schritten . Die Tochter folgte der Mutter , denn es gelang ihrer Anstrengung nicht , sich in gleicher Linie mit derselben zu erhalten , und kaum hatten Beide die Schwellen des Hauses überschritten , als die Mutter , ihren alten Freund erblickend , ihren Shawl heftig zurück warf , so daß er zur Erde fiel , und mit einem lauten Ausrufe der Freude ihn zu umarmen eilte . Dübois erwiederte diese Zeichen der Freundschaft Anfangs mit Herzlichkeit ; da aber die oft wiederholten Umarmungen ihn beinah zu ersticken drohten , und die schallenden Küsse ein spöttisches Lächeln auf den Gesichtern einiger hinzugetretenen Bedienten hervorriefen , so entzog er sich höflich den Armen , die ihn umschlossen , und bat seine Freundin , erst bei ihm einzutreten , ehe sie ihren Besuch bei der Gräfin ablegte . Bereitwillig folgte die Base des Arztes dieser Einladung , von der Tochter begleitet , die den Shawl der Mutter vom Boden aufgehoben und ihn ihr ruhig wieder umgelegt hatte . Der Haushofmeister bewirthete seine Gäste mit einem Frühstück , während dessen er der Wittwe des Professors alles abfragte , was er zu wissen begehrte , und ihr rathen konnte , so gelinde als möglich ihrer ehemaligen Herrschaft mitzutheilen , was diese wissen mußte . Unter Strömen von Thränen war die Unterredung geführt worden , und die geduldige Marie saß während ihrer langen Dauer einsam am Fenster eines andern Zimmers , wohin sie die Mutter , nachdem sie dieselbe mit Kuchen und Chokolade versorgt , verwiesen hatte , um ungestört mit ihrem alten Freunde zu sprechen . Endlich war das Frühstück geendigt und das Nöthige verabredet ; die Thränen wurden getrocknet , der Shawl in die gehörigen Falten gelegt , und der Haushofmeister bot seiner Freundin den Arm , führte sie mit höflicher Aufmerksamkeit die große Treppe hinauf und geleitete sie in die Zimmer ihrer ehemaligen Herrschaft . Die Gräfin trat ihnen entgegen . Meine gute Freundin , rief sie , indem sie die ehemalige Dienerin erblickte , und wollte sie umarmen ; diese aber ergriff mit Heftigkeit beide Hände der ehemaligen Gebieterin , die sie abwechselnd mit Küssen bedeckte und mit Thränen überströmte . Sobald die Gräfin ihre Hände befreien konnte , umarmte sie die Wittwe des Professors und sagte : Wie freut es mich , meine Liebe , Sie wieder zu sehen und nach so vielen Jahren zu finden , daß die Zeit den Antheil , den Sie an meinem Schicksal nehmen , nicht geschwächt hat . Mitten in ihrer Rührung wurde die Base des Arztes empfindlich und sagte : Millionen Thränen habe ich um Ihretwillen geweint und gewiß nicht verdient , daß Sie mich nun so fremd behandeln , und mich nicht mehr Du nennen und Leonore , wie in früheren Zeiten so viele Jahre hindurch . Mein Herz ist darum nicht weniger warm , sagte die Gräfin , indem sie die Hände der erzürnten Frau drückte , aber dieß muß um Ihretwillen so bleiben ; auch würde sich Ihr Neffe , der Arzt , gekränkt fühlen , wenn es anders wäre . Nun ja , erwiederte besänftigt dessen Base , den Thoren kenne ich ja mit seinem Hochmuthe . Lassen Sie uns überhaupt jetzt nicht von solchen Kleinigkeiten sprechen , sagte die Gräfin mit bewegter Stimme , meine gute Leonore . Sie kennen mein Unglück ; haben Sie mir gar nichts Tröstliches zu sagen ? Die Wittwe des Professors ward durch diese Frage auf ein Mal wieder in den tiefsten Schmerz versenkt . O Gott ! rief sie aus , was haben Sie alles leiden müssen , und wie hat der Kummer Sie vor der Zeit alt gemacht ; wie mager sind die schönen weißen Hände geworden , und wo ist die herrliche Farbe geblieben ? Blühten Sie doch wie eine Rose , und es war ganz natürlich , daß der gute Herr Blainville so verliebt blieb , ob Sie gleich schon lange verheirathet waren . Meine Liebe , sagte die Gräfin aus beklemmter Brust , schonen Sie mich mit Erinnerungen , durch die Sie mich tödten können . Die Professorin weinte und sagte unter heftigem Schluchzen : Sie haben Recht , ach ! Sie haben Recht , aber ich kann den Schmerz nicht bezwingen , wenn ich Sie ansehe . Reden Sie nicht von mir , sagte die Gräfin mit großer Anstrengung , sprechen Sie von dem Schicksale des unglücklichen Kindes . Ich weiß ja nichts von dem kleinen Herrn , klagte die Wittwe des Professors und sammelte sich endlich so weit , um , von Thränen und Klagen unterbrochen , ihrer ehemaligen Herrin erzählen zu können , wie sich ihr Schicksal gestaltet hätte , nachdem sie die Gräfin verloren . Diese , obgleich zerschmettert von dem Worte der Dienerin , durch das ihre letzte dunkle Hoffnung verloren zu gehen schien , bezwang dennoch ihr Gefühl und hörte mit ängstlicher Aufmerksamkeit den Bericht , um doch vielleicht noch eine schwache Spur des Verlornen darin zu finden . Ach ! hob die ehemalige Dienerin ihre Wehklage an , wie war uns zu Muthe , mir und der Mamsell Adele , als wir damals in Paris unsern Einkauf gemacht hatten und nun ruhig nach Hause gegangen waren . Mein Gott , mein Gott ! als wir die offenen Thüren erblickten , als wir ankamen , die geöffneten Schränke und die grausige Unordnung . Ihr schöner Hut lag auf dem Boden , und es hatte Jemand mit schmutzigen Füßen darauf getreten , der Wirth des Hauses stand im Wohnzimmer und schalt uns , so wie wir ankamen , schändliche Aristokraten ; ich wollte ihm antworten , wie sich ' s gehörte , denn ich hatte französisch genug dazu in der Gottvergessenen Stadt gelernt , aber Mamsell Adele rief heftig : Wo ist Herr Blainville und seine Gemahlin ? Herr Blainville , wiederholte plötzlich der Wirth , von dem weiß ich nichts , der Vaterlandsverräther , der verkappte