. » Meines Bleibens ist hier auch nicht länger , als die Pflicht verlangt , « sagte sie wie unbewußt , mit zuckenden Lippen , und nahm das Kind vom Boden auf , um es beruhigend an ihr Herz zu drücken ; Donna Mercedes aber streckte sie lebhaft , wie von einem unwiderstehlichen Impuls getrieben , ihre Rechte hin . Diese junge majestätische Frau , die stolzes Geblüt in den Adern hatte , war gekommen wie eine treue Tochter , um ihr Trost zu bringen und sie zu stützen , nicht beachtend , daß sie damit öffentlich ein Haus betrete , welches das Verbrechen entehrt hatte ... Und war sie auch sein und der bittergehaßten » Zweiten « Kind , so war sie doch auch Felix ' Schwester , die den Bruder zärtlich geliebt und gepflegt hatte bis an sein frühes Ende , war sie doch neben den zwei Kindern die einzige Überlebende – alle anderen schliefen unter der Erde , der Rache entrückt . Sie stieß sich den Dolch ins eigene Fleisch , wenn sie das Rachewerk auch auf die Unschuldige erstreckte , auf die einzige , mit welcher sie von jenen Tagen reden konnte , in denen sie geliebt und deshalb in Wirklichkeit gelebt hatte ... War es nicht hohe Zeit , die Sonnenwärme der Liebe wieder aufzusuchen , wo sich die Schatten des Alters schon so breit und kältend über den Lebensweg hinstreckten ... Während so der Schicksalssturm das Klosterhaus reinigend und sühnend durchbrauste , war es im ersten Stock des nachbarlichen Schillingshofes schwül und gewitterhaft . Die Herrin des Hauses war noch immer leidend , und die Dienstboten , die droben verkehren durften , meinten , Fräulein von Riedt , die sie pflege , habe einen sehr schweren Posten . Sie verliere jedoch nie die Geduld und nähme die bösesten Worte , die ihr oft in das Gesicht geschleudert würden , mit so viel Gemütsruhe hin , als habe sie gar kein Ohr dafür . Dazwischen sei es aber auch hie und da für einen oder mehrere Tage stiller droben , und die Frau Baronin wisse dann gar nicht , was sie alles ersinnen solle , um Fräulein von Riedt Liebes und Gutes zu erzeigen , es fehle nicht viel daran , daß sie vor ihr auf die Kniee falle . Diese Umwandlung vollziehe sich aber stets , wenn Briefe mit einem gewissen Poststempel ankämen . Die Baronin hatte noch immer die Gewohnheit , ruhelos durch die Zimmer und Säle zu laufen ; dafür verließ sie aber auch ihre Gemächer nicht . Nur einmal wollte der Gärtner Zeuge gewesen sein , wie sie gegen Mitternacht immer und immer wieder das Atelier umkreist habe , bis ihr Fräulein von Riedt auf die Spur gekommen sei und nach einem heftigen Wortwechsel , wobei die Gnädige mit den Füßen gestampft , die Entwischte in das Säulenhaus zurückgebracht habe . Am meisten wurde sie auf der Terrasse gesehen . Auch da wandelte sie oft unruhig durch die Orangenbäume , aber immer nur an dem Geländer hin , das die Plattform auf der Ostseite begrenzte . Von da konnte sie ziemlich die ganze Linie der Platanenallee übersehen , und über das Gebüsch hinweg war auch der kleine Oberbau des Ateliers sichtbar , in dem Baron Schilling seine Wohnung hatte . Da , unter einem Zeltdach , nahm sie mit Fräulein von Riedt die Mahlzeiten ein , hielt auch manchmal ein Buch oder eine Stickerei in den Händen , hauptsächlich aber war das der Beobachtungsposten , von dem aus sie den Verkehr zwischen Säulenhaus und Atelier verfolgte . Kein Gericht , keine Flasche Wein , die in das Atelier getragen wurden , entgingen ihren scharfen Augen , noch weniger aber ein lebendes Wesen , das die Kiesbahn der Allee beschritt . So hatte sie auch eines Tages ihren Mann – zum erstenmal seit ihrer Rückkehr – unter den Platanen herkommen sehen . In diesem Augenblick des freudigen Erschreckens war es ihr nicht in den Sinn gekommen , daß ja auch das Erdgeschoß Bewohner habe – ein unbeschreibliches Siegesgefühl hatte sie durchstürmt – er gab nach , er beugte sich endlich , endlich , und kam zu ihr ! ... Sie hatte mit einem langen , höhnisch triumphierenden Blick das leichterblaßte , über die Arbeit geneigte Gesicht der Stiftsdame fixiert , war aber unbeweglich unter dem Zeltdach sitzen geblieben und hatte den Oberkörper steif und unnahbar emporgereckt – so hatte sie gesessen und gewartet , äußerlich eine Statue an Kälte und strenger Haltung und im Innern fiebernd vor Ungeduld und Erwartung ; aber der wohlbekannte Schritt war nicht laut geworden auf der Treppe , der » Bereuende « war nicht in die Glastür getreten , an der zuletzt ihre Blicke wahrhaft verzehrend gehangen hatten ; nur der Bediente Robert war mit dem Eßzeug gekommen und hatte dabei über das Ereignis in der unteren Wohnung und den » gnädigen Herrn « berichtet , der » eben auch in den Salon gegangen sei « . Seitdem hatte sie ihren Mann wiederholt brieflich aufgefordert , sich mit ihr über die Erneuerung im Holzsalon , die der stattgehabte Skandal nötig mache , zu verständigen , da ja auch ihr Interesse damit nahe berührt werde ; und die Antwort hatte kurz und bündig gelautet , daß man anständigerweise erst die Beerdigung im Nachbarhause abwarten müsse , ehe man mit dem Handwerkerlärm beginne . In das Säulenhaus war Baron Schilling nicht wieder gekommen , aber auf dem Klostergute war er gewesen . Er hatte lange in der Amtsstube gesessen und eine eingehende Besprechung mit der Majorin gehabt , und bei seinem Nachhausekommen hatte der Gärtner mit Beihilfe des Hausknechtes sofort vor seinen Augen einen schmalen Durchgang in den Zaun hauen müssen , der das Schillingsche Gebiet vom Klostergarten trennte . Tief gereizt hatte die Baronin von der Terrasse aus dem Beginnen zugesehen ; sie war ja doch die eigentliche Besitzerin des Schillingshofes , ohne ihre Genehmigung durfte kein Strauch versetzt , kein Beet verändert werden . Und nun gab