die Hände vor das Gesicht , als sähe sie ein Gespenst mitten in dem Jubelrausch emportauchen . Gott im Himmel , wenn sie falsch gelesen hätte ! Es war doch so ? Flora , dieses unberechenbare Wesen , hatte sich verlobt ? Sie wollte sich nun doch , nach so vielen fehlgeschlagenen Versuchen , berühmt zu werden , in der zwölften Stunde in die Ehe retten ? Käthe griff noch einmal nach dem dicken , duftenden Briefblatt ja , ja , da stand es wirklich und wahrhaftig in den “ großen Krakelfüßen . ” Und dann folgte eine genaue Instruktion , in welcher Weise die Verlobungsanzeige für die Residenzbewohner zu bewerkstelligen sei ; es war die Rede von der Hochzeit , die man , just um der Vergangenheit willen , auf den zweiten Pfingftfeiertag festgesetzt habe -- und dann kam die vorläufige Einladung zu der Vermählungsfeierlichkeit für die Großmama selbst . Das war Alles sonnenklar und unumstößlich , aber nun flog eine tiefe Blässe über das Gesicht der Lesenden , und sie meinte , an der Lähmung , die über sie komme , müsse sie sterben . Flora schrieb weiter : “ Auf meiner Durchreise nach Berlin habe ich mich auch einige Tage in L . . . . . g aufgehalten . Es wird Dir interessant sein zu hören , daß einem gewissen Hofrath und Prosessor Bruck bei seinem fabelhaften Glück nicht nur die Berühmtheit in den Schoß , sondern auch eine schöne Gräfin zu Füßen gefallen ist . Man versicherte mir allgemein , er sei im stillen verlobt mit der reizenden Patientin , die er , nachdem alle anderen Aerzte sie aufgegeben , durch eine kühne Operation dem Tode entrissen habe . Das gräfliche Elternpaar soll mit der Verbindung durchaus einverstanden sein , und die liebe , gottselige Tante Diakonus scheint ihren Segen auch nicht zu verweigern . Ich sah sie neben dem Brautpaar in der Theaterloge sitzen , fried- und tugendsam wie inner , und , wenn ich nicht irre , Zwirnhandschuhe an den Händen . Das Mädchen ist sehr hübsch , wenn auch ein Puppengesicht ohne Geist – und Er ? Nun , Dir kann ich ' s ja sagen , Großmama : ich habe mir die Lippen blutig gebissen vor Grimm und Groll , weil das dumme Glück diesen Menschen zu einem Gegenstand der allgemeinen Vergötterung macht , weil er hinter dem Stuhl seiner Braut stand , so sicher , zuversichtlich und ruhig , als gebühre ihm alle Auszeichuung von Rechtswegen , und als wisse er nichts von Charakterschwäche - der Ehrlose ! . . . Gib Käthe den inliegenden Zettel – ” Ach ja , da lag er wohlversiegelt auf dem Schreibtisch und trug die Adresse : “ An Käthe Mangold . ” – und die Welt kreiste vor ihren Augen , und der schmale Papierstreifen flog in den wie von Fieberfrost geschüttelten Händen auf und uieder . Er enthielt nur die Worte : “ Habe die Freundlichkeit , den Dir anvertrautem Ring nunmehr der Gräfin Witte zu übergeben -- oder wirf ihn auch meinetwegen in den Fluß zu dem andern ! Flora . ” Käthe war plötzlich sehr ruhig geworden ; sie glättete mechanisch den Zettel und legte ihn zu dem Briefe . Sollte die schöne Gräfin Witte der Gast sein , für den man das Fremdenzimmer eingerichtet hatte ? Sie schüttelte energisch den reizenden , flechtengeschmückten Kopf , und die brauuen Augen begannen aufzustrahlen , während sie die Hände fest gegen die tiefatmende Brust preßte . War sie es werth , ihm je wieder in die Augen zu sehen , wenn sie auch nur sekundenlang an ihm zweifelte ? Er hatte gesagt “ Zu Ostern komme ich wieder . ” Und er kam , und wenn die glänzendste Menschenberedsamkeit ihr das Gegentheil versicherte , sie glaubte Nichts , als daß er sie liebe . und daß er kommen werde . Nein , nein . Solch ein hochmutberauschter Schloßherr konnte es wohl übers Herz bringen , der einst Geliebten , der unglücklichen , blonden Edelfrau , die nene stolze Schloßherrin in der Hochzeitsschleppe zuzuführen -- aber nicht er , nicht er in seiner Gemütsinnigkeit . Er brach der Müllers-Enkelin nicht sein Wort um einer Anderen willen , und wenn selbst diese Andere -- eine Gräfin sein sollte . Ein unbeschreiblicher Glückseligkeitssturm wogte in ihr auf und riß alle Gedanken in seinen Wirbel . Sie flog nach dem südlichen Ecksfenster , um nur einen Blick nach dem lieben , alten Hause zu werfen -- Himmel , dort von der Fahnenstange flatterte eine farbenglänzende Flagge über die Baumwipfel hin . Waren die Gäste schon da ? Sollte sie hinübereilen , um die Tante Diakonus in ihre Arme zu schließen ? Nein , in dieser stürmischen Aufregung ganz gewiß nicht . Da mußte erst die verräterische Glut von den Wangen gewichen und der Herzschlag ruhiger geworden sein , wenn sie sich nicht vor den seelenvollen , klaren Augen der sanften Frau scheuen sollte . . . . Ruhe , Ruhe ! - Sie trat an den Schreibtisch . Da lag aufgeschlagen das große , dicke Hauptbuch ; das Fach hier barg sechs Geschäftsbriefe , die heute noch beanwortet werden mußten , und drunten rasselte schwerfällig einer der Mühlenwagen mit Getreidesäcken in den Hof . Die Hunde bellten einen Bettler , dem Suse ein Stück Brot vom Vorsaalfenster zuwarf , wie toll an ; da waren Prosa und rauhe Wirklichkeit übergenug . Und die Neuruppiner Bilderbogen die , als großväterlicher Nachlaß streng respektiert , immer noch die Wände zierten , sie hatten ganz gewiß nichts Aufregendes , so wenig , wie die dickbäuchigen Federkissen des Kanapee ' s darunter und die Schwarzwälder Standuhr danebeb , die so entsetzlich stets und geradlinig die Wand hinaufstieg und den lebensmüden Pendel langatmig hinter dem blinden Glase schwang . Der Blick des jungen Mädchens streifte langsam alle diese Herrlichkeiten , dann nahm sie einen Briefbogen und tauchte die Feder ein . “ Herrn Schilling und Compagnie in Hamburg -- ach ,