um ihr zu sagen , daß Graf Urlich um ihre Hand angehalten und daß er sie ihm versprochen hätte . Hier schwieg Eberhard , preßte die Lippen zusammen und sein fahler Blick , der Agathe nie so sehr wie jetzt an den des alten Freiherrn erinnert hatte , bekundete einen unheilbaren Schmerz . In groben Zügen kannte Agathe diese Geschichte ; so aber , wie sie sie jetzt gehört hatte , regte sie ihr tiefstes Gefühl auf . » Man muß vergessen können , « sagte sie . » Vergessen ? Nein , das kann ich nicht , hab ich nie gekonnt . Mag ' s ein Laster sein oder eine Tugend , vergessen kann ich nicht . Emilie , die noch ein halbes Kind war , wurde mit der Zeit gefügig gemacht . Aber daß meine Mutter damals nicht alles aufgeboten hat , um diese Greueltat zu verhindern , daß sie darüber in ihre wehselige Schwäche versunken ist , das war die furchtbarste Erfahrung meines Lebens . « » Es ist deine Mutter , Eberhard . Nie und nimmer hat ein Sohn das Recht , die Mutter zu verurteilen . « » Nicht daß ich wüßte , « antwortete Eberhard frostig . » Auch Mütter sind Menschen . Auch Mütter können sündigen , wenn sie uns den Wurmfraß des Zweifels und des Lebensekels als Mitgift geben . Vater und Mutter , Eltern ; sie sind ein Symbol , ein herrliches , wenn sie über uns schweben , verehrungswert . Sie sind nur Begriffe , Schemen nur , wenn nichts als Pflicht mich an sie bindet . Es gibt keine andere Pflicht als die Liebe . « Sylvia hatte nichts gesprochen . Unbewußt befolgte sie das schönste Gesetz harmonischer Seelen , nicht durch Worte und Gründe , sondern durch reines Sein zu wirken . Zustimmung und Abwehr lagen wie Licht und Schatten auf ihrer Stirn . Dadurch erinnerte sie Eberhard immer mehr und mehr an Lenore . Vielleicht war es die Macht dieser Erinnerung , die ihn im Lauf des Abends endlich zu dem Versprechen bewog , am nächsten Tag mit Agathe zu seiner Mutter zu gehen . Die einzige Bedingung , die er stellte , war , daß man ihn vor einem Zusammentreffen mit seinem Vater sicherte . Als Frau von Erfft ihn hierin unerbittlich sah , gab sie sich zufrieden , hatte aber die vertrauensvolle Vorahnung , daß die Ereignisse und die Stunde stärker sein würden als Wille und Absicht . 5 Beim Betreten des Boudoirs seiner Mutter fiel Eberhards erster Blick auf die Alabasteruhr , deren Zifferblatt von drei Figuren getragen wurde , welche die Töchter der Zeit darstellten . In seinen Knabenjahren hatte ihm die Uhr immer etwas höchst Poetisches bedeutet , etwas wie die Erfüllung sehnsüchtiger Wünsche . Die Freifrau war von ihrer Schwester vorbereitet worden . Während Eberhard mit Sylvia im Erkerzimmer gewartet hatte , waren einige Leute von der Dienerschaft an der Tür gestanden und hatten scheu miteinander geflüstert . Eberhard ging auf seine Mutter zu und küßte ihr die Hand . Das Gesicht der Freifrau hatte eine Färbung wie Blei . Ihre Augen waren weit aufgerissen , gleichwohl schien sie fast ohne Besinnung . Abseits stand Emilie ; die Finger ihrer auf die Brust gedrückten Hände bewegten sich wie in Konvulsionen . Frau Agathe suchte der Situation das Feierliche und Unnatürliche zu nehmen und begann in launigen Worten von Eberhards Asyl auf dem Burgberg zu erzählen . Baronin Clotilde schaute ihren Sohn gespannt und furchtsam an . » Ich erkenne ihn ja kaum , « sagte sie mit heiserer Stimme ; » er hat sich so verändert . « » Auch du , Mutter , hast dich verändert , « brachte Eberhard hervor , und das Drosselbartkinn verkroch sich in den Ausschnitt des Rocks . Er war stocksteif . Agathe musterte ihn voll Ärger und Befremdung . Er sah aus , als quäle ihn während des ganzen Vorgangs die unsäglichste Langeweile . Aber es war nur eine Maske . Indem er die Mutter anschaute , das alte , verschwommene , müde , zaghafte Gesicht , wurde er sich seiner Verfehlung bewußt , spürte er , daß es nicht galt , das Wort : » Mütter sind auch Menschen . « Er hatte hier etwas gut zu machen , hier war eine Tat notwendig , und es schien ihm , daß schon sein nächster Schritt zu unabwendbarer Selbstverachtung führen müsse , wenn er die sittliche Tat der Reue unterließ . Als er so mit sich rang und wie gelähmt in den Aufruhr seines Innern starrte , war der Blick eines Augenpaars hinter die scheinbare Unempfindlichkeit gedrungen . Über Sylvias Wangen schoß eine jähe Röte ; sie schritt auf ihren Vetter zu und packte seine Hand . Er schrak sichtlich zusammen ; sofort begriff er , daß sie ihn erraten hatte und seinen Kampf zur Entscheidung bringen wollte . Sie führte ihn aus dem Zimmer ; er folgte ihr ; sie führte ihn durch den Speisesaal , den Empfangsraum , das Rauchzimmer , die Bibliothek bis zu den Zimmern des Freiherrn . Agathe , Emilie und die Baronin hatten sich staunend einander angesehen . Sie waren zur Schwelle des Boudoirs gegangen und lauschten in atemlosem Schweigen . Mutig öffnete Sylvia die Tür . Der alte Freiherr saß auf dem Ledersessel vor dem Ofen . Seine Beine waren in einen Schal gewickelt ; der Ausdruck seines Gesichts war von einer geradezu steinernen Kälte . Kaum hatte er die beiden gewahrt , so sprang er empor , als hätte der Blitz neben ihm gezündet . Er wankte ; er tastete um sich ; ein ersticktes Gurgeln kam aus seiner Kehle . Da trat ihm Eberhard gegenüber und streckte die Hand aus . Eine Sekunde lang schien es , als wolle der alte Mann niederbrechen . Eine letzte Flamme von Groll und Haß zuckte wild aus seinen blauen Augen , dann streckte auch er die Hand aus , und sein Arm zitterte , während sich auf den