wuchs . Das Regiment war längst im Felde . Vom ersten Tage an war es in Grenzgefechte verwickelt . Die daheimgebliebenen jungen Soldaten hörten nicht viel davon ; in den Zeitungen stand nichts . Nur manchmal , wenn die älteren Leute , die Feldwebel und die Unteroffiziere vom Ersatzbataillon mit ernsten Gesichtern zusammenstanden , dann ahnten sie , daß wieder etwas , irgend etwas geschehen sei . Und zuweilen bekam der und jener einen Brief von einem , der draußen war ; dann drängten sie sich abends in der Stube um ihn und horchten zu , mit brennenden Wangen und flackernden Augen , wenn er vorlas : von den Kosaken , den verfluchten Schimmelreitern , die die Dörfer in Brand steckten , die Häuser ausraubten , die Bewohner töteten oder entführten , von den langen Märschen und den Kämpfen in der Nacht , von der vierfachen Übermacht der grimmen Gegner . » Eins zu vier - « sagten sie untereinander mit strahlenden Gesichtern und strafften die Muskeln . » Eins zu vier - « mit dem Gedanken rückten sie am anderen Morgen in den Dienst und waren noch einmal so ausdauernd und so rührig als sonst . Fritz Ewert , der Kriegsfreiwillige , war eines Abends beim Lesen hinausgegangen und nicht wiedergekommen . Man tuschelte hinter ihm her . Sollte das Kind sich fürchten ? Warum ließ man auch Knaben zur Männerarbeit zu ? In der Nacht hörte Konrad , wie er sich schlaflos hin und her warf ; als der Morgen graute und der Schlummer ihn endlich bezwungen hatte , hingen zwei schwere Tränen an seinen Wimpern . An einem Sonntage war es - die frommen Bürger der Stadt kamen gerade im Feierkleide aus der Kirche - , da schob sich vom Bahnhof her ein Häuflein müder , verstaubter Menschen zwischen sie . Alte Männer trugen ächzend schwere bepackte Körbe auf dem Rücken ; Frauen schleppten todmüde Kinder mit sich , die nur noch leise zu wimmern vermochten . Konrad hatte Fritz Ewert fast gewaltsam mit sich ins Freie genommen ; sein junger Kamerad war so still , so traurig geworden , daß es ihn ängstigte . Aber kaum , daß er jetzt die Wandernden bemerkte , als er schon mitten unter ihnen war : » Woher kommt ihr ? « frug er , vor Aufregung heiser . » Aus dem Neidenburgischen , « sagte ein Alter einsilbig . » Von Osterode - « murmelte ein mattes Weib . Und nun sprachen sie alle durcheinander : » Die Kosaken sind hinter uns her , mit Lanzen und Peitschen , « - - jammerte eine gebückte Greisin . » Sie spießen unsre Kinder , « - heulte eine andere hysterisch auf , mit entsetzten Augen um sich blickend . Die Kirchgänger sammelten sich um sie . Sie griffen in die Taschen , sie beratschlagten über ihre Unterkunft . Die Gesichtszüge der Flüchtlinge belebten sich . Des jungen erregten Soldaten achtete kaum einer mehr . An einen jeden richtete er drängend die gleiche Frage : » Wißt ihr von Klaußen nichts ? ! « Ein halbwüchsiger Bursche zuckte schließlich vielsagend die Achseln : » Die Russen sind überall . « Und nun endlich schien sich Ewerts erstarrte Angst in einem Strom von Worten zu lösen . » Dicht dabei bin ich zu Hause , am Druglin-See , « erzählte er hastig . » Die Meinen sind daheim . Der Vater und die Mutter würden standhalten , bis zuletzt , das weiß ich . Weil man den Posten nicht verläßt , auf den Gott einen stellte . Weil die Heimat ihnen mehr gilt als das Leben . Und ich - ich konnte das Gut nicht leiden , weil ich frei sein wollte . Was hat der Vater getobt und die Mutter geweint über mich ! Und nun : mein ganzes Leben will ich mich freudig von ihm fesseln lassen , wenn ich es gerettet , wenn ich die Eltern , die ich fast zu hassen vermeinte und doch so zärtlich liebe , in Sicherheit wüßte ! Ach - , « er umkrampfte Konrads Arm - » und die Schwestern - zwei junge hübsche Dinger - seit einer Woche bin ich ohne jede Nachricht ! « Es beruhigte ihn etwas , daß Konrad mit ihm gemeinsam alles zu tun versprach , um Näheres in Erfahrung zu bringen . Aber bei allen Erkundigungen stießen sie auf das gleiche Nichtwissen oder auf die durch die militärische Lage erzwungene Verschwiegenheit , während unbestimmte , wilde Gerüchte über das Schicksal Ostpreußens die Stadt durchschwirrten . Eines Tages - Konrad war gerade zur Bahnhofswache kommandiert - kamen die ersten Verwundeten . Bahn um Bahn in endloser Reihe . Unter den weißen Linnen lugten aschfahle Gesichter mit geschlossenen Lidern hervor , und rote , fieberglühende , von Bandagen umwickelte Köpfe , die nichts als schreckhaft große Augen hatten , lagen reglos auf hartem Pfühl ; und bei anderen lag die Decke ganz flach und leer , da wo sich die Beine unter ihr abzeichnen sollten . Die Menge derer , die noch gehen konnte , folgte : welche , denen das Kinn oder die Stirn , die Nase oder die Augen verbunden waren , oder die sich humpelnd vorwärts bewegten ; einer , der nur auf einem Beine hüpfte , von zweien unter den Schultern gehalten , von denen selber jeder einen Arm in der Binde trug . Dann ein Kleiner , Blasser , der einen schlichten grauen Offizierskoffer zwischen den groben Fäusten schleppte , während die Schweißtropfen ihm unter der schmalen Kopfbandage hervorperlten ; er hielt stöhnend inne und sah sich um . Da flog ihm ein junges Weib entgegen ; der Koffer polterte zu Boden ; er fing eine Ohnmächtige auf . » Sein Leutnant fiel , - das ist die Frau , « sagte ein Verwundeter zum anderen . Der nickte langsam : » Kein Offizier ist von meiner Kompagnie übrig geblieben , « sagte er . Der Bahnhof war schon leer ; nur eine schlanke