» Nur was man fähig ist , für die andern zu leisten , ohne Rachsucht , ohne Eitelkeit persönlicher Natur , namenlos womöglich , nur das nenn ich eine Tat . « Georg mußte endlich fort . Was hatte er noch alles zu besorgen ! » Ich begleite Sie ein Stück « , sagte Therese zu ihm . Leo umarmte ihn noch einmal und sagte : » Es war wirklich schön von Ihnen . « Therese verschwand , um Hut und Jacke zu holen . Georg begab sich ins Nebenzimmer ; die alte Frau Golowski schien ihn erwartet zu haben . Mit einem sonderbar ängstlichen Gesicht trat sie auf ihn zu und gab ihm ein Kuvert in die Hand . » Was ist das ? « » Der Schein , Herr Baron , ich habe ihn nicht der Anna geben wollen ... es hätt sie vielleicht zu sehr aufgeregt . « » Ach ja ... « Er steckte das Kuvert ein und fand , daß es sich seltsamer anfühlte , als andre ... Therese erschien mit einem spanischen Hütchen , zum Fortgehen bereit . » Da bin ich . Auf Wiedersehen , Mama . Zum Nachtmahl komm ich nicht nach Haus . « Sie ging mit Georg die Treppe hinab , sah ihn vergnügt von der Seite an . » Wohin darf ich Sie führen ? « fragte Georg . » Nehmen Sie mich nur mit , irgendwo steig ich halt aus . « Sie stiegen ein , der Wagen fuhr davon . Sie fragte ihn um allerlei , worauf er schon in der Wohnung Antwort gegeben hatte , als nähme sie an , daß er jetzt , mit ihr allein , aufrichtiger sein müßte , als vor den andern . Sie erfuhr nichts anderes , als daß er sich in der neuen Umgebung wohl fühlte und daß seine Arbeit ihm Befriedigung gewährte . Ob sein Erscheinen eine große Überraschung für Anna bedeutet hätte ? Nein , das nicht , er hatte sie ja verständigt . Und ob es denn wahr sei , daß er zu Ostern wiederkommen wollte ? Es sei seine bestimmte Absicht ... Sie schien verwundert . » Wissen Sie , daß ich mir fest eingebildet hatte ... « » Was ? « » Man würde Sie niemals wiedersehen . « Er erwiderte nichts , etwas betroffen . Dann fuhr es ihm durch den Sinn : Wär es nicht vernünftiger gewesen ... ? Er saß ganz nahe neben Therese , fühlte die Wärme ihres Körpers wie damals in Lugano . In welchem ihrer Träume mochte sie jetzt leben ? In dem wirr-düstern der Menschheitsbeglückung , oder in dem heiter-leichten eines neuen Liebesabenteuers ? Sie sah angelegentlich zum Fenster hinaus . Er nahm ihre Hand , die sie ihm nicht entzog , und führte sie an die Lippen . Plötzlich wandte sie sich zu ihm und sagte harmlos : » So , nun lassen Sie halten , hier steig ich am besten aus . « Er ließ ihre Hand los und sah Therese an . » Ja , lieber Georg , wohin geriete man « , sagte sie , » wenn man sich nicht ... « , sie verzog spöttisch den Mund , » für die Menschheit zu opfern hätte . Wissen Sie , was ich mir manchmal denke ... ? Vielleicht ist das alles nur eine Flucht vor mir selbst . « » Warum ... warum fliehen Sie ? « » Leben Sie wohl , Georg . « Der Wagen hielt . Therese stieg aus , ein junger Mann blieb stehen , starrte sie an ; sie verschwand in der Menge . Ich glaube nicht , daß sie auf dem Schafott enden wird , dachte Georg . Er fuhr in sein Hotel , aß zu Mittag , zündete sich eine Zigarette an , kleidete sich um und begab sich zu Ehrenbergs . Im Speisezimmer , beim schwarzen Kaffee , mit den Damen des Hauses waren James , Sissy , Willy Eißler und Frau Oberberger anwesend . Georg nahm zwischen Else und Sissy Platz , trank ein Gläschen Benediktiner und beantwortete alle Fragen , die seinem neuen Wirken galten , geduldig und mit Humor . Bald begab man sich in den Salon , und nun saß er eine Weile im erhöhten Erker mit Frau Oberberger , die heute wieder ganz jung aussah und vor allem über Georgs persönliche Erlebnisse in Detmold näheres zu hören wünschte . Sie glaubte ihm nicht , daß er nicht mit sämtlichen Sängerinnen Verhältnisse angeknüpft hatte , wie ihr überhaupt das Theaterleben nur als Anlaß und Vorwand für galante Abenteuer zu gelten schien ; jedenfalls bestand sie darauf , über Vorgänge hinter den Kulissen , in den Garderoben und in der Direktionskanzlei Ungeheuerlichkeiten zu vernehmen . Als Georg nicht umhin konnte , sie durch seine Berichte von der bürgerlich anständigen , beinahe philiströsen Lebensweise der Bühnenmitglieder und durch die Schilderung eines eigenen arbeitsvollen Daseins zu enttäuschen , begann sie sichtlich zu verfallen , und bald saß ihm eine gealterte Frau gegenüber , in der er dieselbe erkannte , die ihm im verflossenen Sommer zuerst in der Loge eines weiß-roten Theaterchens und später in einem nun fast vergessenen Traum erschienen war . Dann stand er mit Sissy neben der marmornen Isis , und während des harmlosen Plauderns suchte jeder in den Augen des andern die Erinnerung einer glühenden Stunde unter den tiefen Nachmittagsschatten eines dunkelgrünen Parks . Aber beiden schien sie heute wie in unzugängliche Tiefen versunken . Endlich saß er mit Else an dem kleinen Tischchen , auf dem Photographien und Bücher lagen . Auch sie stellte zuerst gleichgültige Fragen , wie alle andern . Plötzlich aber , ganz unvermutet und etwas leiser fragte sie : » Wie geht ' s denn Ihrem Kind ? « » Meinem Kind ... ? « Er zögerte . » Sagen Sie mir , Else , warum fragen Sie mich eigentlich ... ? Es ist ja doch nur Neugier . « » Sie irren sich , Georg «