Laufe des Herkömmlichen liegen , da gibt es allerlei Beute , die nicht mühsam lange vorbereitet zu werden braucht . Diese Stegreifritter des Wissens , des Herzens und schneller Hände , diese bilden die sogenannte revolutionäre Jugend . « Wenn die Leute dennoch recht hätten ! Er stand an einer Straßenecke still . » Es ist freilich ein Räsonnement des Theaters , « sprach er weiter , » ebenso oberflächlich , wie das , was sie oberflächlich nennen , ebenso einseitig , eine schnelle Antwort für den schnellen Frager , der die Bühne verlassen muß , weil man zur Verwandlung geklingelt hat . Aber wie sieht es aus in mir ? Muß nicht ein jedes Individuum seine ganze Partei vertreten , muß es nicht all seine Verhältnisse , Stimmungen und Wünsche fortwährend den Forderungen der Welt , der Bildung gegenüberstellen , um zu prüfen , ob die neue Generation auf richtigem Wege sei ? Ist es bloß persönliches Ungeschick , daß nichts in mir und um mich passen will , bin ich ein falscher Ausdruck unserer Jugend ? Gehetzt lauf ' ich durch die Tage hin , alles entwickelt sich mir zu langsam , überall finde ich Hindernisse , nur der Rausch , wie meine Liebe für Konstantien zu sein scheint , hält mich eine Zeitlang aufrecht , einsames Krankenlager wirft mich wieder in das Chaos zurück - kann das der rechte Weg sein ? « » Vorgesehen ! « riefen plötzlich zwei Stimmen neben ihm . Eine Tragbahre streifte an dem Träumer hin ; sein Auge fiel auf einen Kranken , der ausgestreckt auf derselben lag . Entsetzt wendete er den Blick hinweg . Es war ein aufgeschwollenes , todblasses Frauengesicht , dessen vortretende Augen ihn mit einem gespenstischen Todesblicke anstarrten . Jetzt fiel ihm ein , daß seine Krankenpfleger erzählt hatten , seit der Schlacht bei Iganie sei die Cholera unter den Polen zum Vorschein gekommen , das Pahlensche Korps habe sie aus Beßarabien mitgebracht , und jetzt wüte sie in Warschau . Die Träger hatten jenes kranke Weib niedergesetzt und reichten einander die Schnapsflasche , um sich für den weiteren Weg zu stärken . Dabei lachten sie , und auf die Kranke deutend , meinte der eine : » Sie geht aufs letzte Stadium los , wie der Doktor zu sagen pflegt , frisch Kamerad , daß wir sie noch lebendig ins Hospital bringen . « Valerius schauderte , aber er konnte sich nicht enthalten , noch einen Blick auf das Weib zu werfen . Mit Entsetzen glaubte er zu bemerken , wie sich die schwarzen Todesschatten der Pest immer dichter um Augen und Schläfe legten , mit Entsetzen erkannte er in den verzerrten Zügen das Antlitz Ludmillas . Auch sie schien sich eines Bekannten in ihm zu erinnern - bekanntlich bleiben die von dieser Pest Befallenen ihrer vollen Verstandeskräfte mächtig . Vielleicht wußte sie auch weiter nichts , als daß sie das Gesicht des jungen Mannes schon einmal gesehen hatte , und in dieser Todesverlassenheit , in den Händen stockfremder , roher Gesellen mochte ihr das schon Aufmunterung sein , irgend eine Hilfe anzusprechen . Kurz , sie arbeitete sichtbar mit den Händen unter der wollenen Decke und streckte endlich einen kreideweißen Arm heraus nach Valerius hin . Der hintere Träger , welcher mit seinem Gefährten eben die Last wieder aufheben wollte , sprang fluchend herbei und drückte den Arm wieder zurück . Valerius aber , vom krampfhaften Mitleide durchdrungen , versprach den stier auf ihn blickenden Augen , er werde mitgehen . Je näher sie dem Hospital kamen , um so größer wurde die Anzahl der Tragbahren , welche herbeigeschafft wurden . Aus allen Gäßchen kamen welche , und im Hofe des Krankenhauses stockte der Zug , weil die Vorderen nicht so schnell ihrer Last entledigt werden konnten , als die Hinteren nachdrängten . Da stand denn der ohnedies schon geistes- und körperkranke Deutsche , entsetzt von dem schrecklichen Anblicke der Verpesteten , welche sich zum Teil in der Todesangst aus den Bahren herauszuarbeiten trachteten , betäubt von dem wüsten Lärm der Träger , die sich schreiend zutranken , rohe Scherze zuriefen , ihre unruhigen Schützlinge unter die Decken drückten und das Ganze mit nicht mehr und nicht weniger Teilnahme behandelten , als trügen sie Kulissen und Garderobe für ein Schauspiel zusammen . Zu einer Seitentür des Gebäudes sah er einen Leichnam nach dem andern heraustragen und kopfüber in eine ungeheure Grube stürzen - wenn ein unglücklicher Kranker sich einen Augenblick aufrichten konnte , so sah er , was seiner wahrscheinlich in wenig Stunden harrte . Man machte für ihn Platz , und bald gab er denen Raum , die nach ihm kamen . Der Anblick eines Schlachtfeldes dünkte Valerius Erholung neben dieser Szene . Man könnte sagen , dort sieht der Tod und das Leiden gesund aus , und in dem Schmerzensgeschrei der Verwundeten bekundet sich noch eine Lebenskraft . Hier sah man nichts als faulen Tod , die betroffenen Opfer schwiegen größtenteils , nur aus den verzerrten , zu Schmerz versteinerten Gesichtern sprach die unendliche Qual . Und wenn man ein Wimmern hörte , so klang es so übermenschlich schmerzhaft , so unnatürlich jammervoll , als käme es aus einer fremden , in lauter Elend wogenden Welt , aus einer qualvollen Hölle . Valerius schauderte im Innersten . So entsetzlich war ihm das Menschenleben noch nie erschienen , und gefoltert von den Fragen der Gesellschaft , umgeben von dem Elende des Körpers , war er wohl zu entschuldigen , wenn er einen Augenblick dem Gedanken Raum gab : wozu das ganze Dasein dieser Art ? So sehr ihm sonst die Verzweiflungshelden zuwider waren , die überall Zorn und Klagen gegen die Weltordnung ausstoßen , in diesen Augenblicken wußte er keinen Tadel gegen sie . Beim Drängen am Eingange wurde eine Bahre umgestürzt ; der Kranke fiel auf das Pflaster mit dem Gesicht nach unten . Ohne nachzusehen , was ihm begegnet sein könne , warfen ihn die Träger wieder auf sein Lager ,