ihm nicht ein , seine Person hervorzuheben . Wenn es einer besonderen Betonung der Person bedurfte , so ließ er diesen Ton vielmehr nicht auf sich sondern auf Tifl fallen . Freilich gelang es ihm nicht , in ruhigem Zusammenhange zu sprechen . Zwar ich hörte ihm zu , ohne ihn zu stören , aber seine Mutter unterbrach ihn mit ungezählten Fragen und Bemerkungen . Ihr Liebling hatte ja etwas sehr Wichtiges erlebt , etwas , was Hadschi Halef Omar , wenn er jetzt bei uns gewesen wäre , ganz unvermeidlich eine » Heldenthat « genannt hätte , und diese That mußte natürlich in mütterlichem Stolze von allen Seiten auf das Sorgfältigste beleuchtet werden . Als er geendet hatte , sah sie mich an und fragte : » Du hast gehört , oh Sihdi , was er , die Wonne meiner Augen , uns erzählte . Nun sag , was du an seinem Verhalten auszusetzen hast ! « » Nichts , « antwortete ich . » Wirklich nichts ? « » Nein . « » Glaubst du , daß sein Vater , mein guter Hadschi Halef Omar , derselben Meinung sein würde ? « » Ja . « » Ich danke dir ! Denn das ist eine Anerkennung , welche gar nicht größer sein könnte ! Bedenke doch , wie jung er ist . Ihr beide aber seid erfahrene Männer . Wenn er so gehandelt hat , wie ihr selbst gehandelt hättet , und du sagst ihm das , so ist das ein Lob , zu dem ich nichts hinzuzufügen habe . Für die Sorge aber , welche die Mutter um ihn hegt , ist er doch wohl etwas zu verwegen gewesen . Man soll Mut und Tapferkeit besitzen ; aber man braucht sich doch nicht so mit aller Gewalt der Gefahr auszusetzen . « » Hat er das gethan ? « » Ja . « » Inwiefern ? « » In sofern , als er so offen gesagt hat , daß er der Gast der Dschamikun sei . Es wäre besser gewesen , wenn er das verschwiegen hätte . Dann hätten sie ihn nicht als ihren Gefangenen betrachten dürfen . « » Es ist in Wirklichkeit ja gar nicht dazu gekommen , daß man ihn als solchen behandelt hat . « » Aber man hätte es sehr leicht thun können ! Man war ja berechtigt , ihn sofort zu töten , und da er keine anderen Waffen als sein Messer besaß , hätte er sich gar nicht dagegen wehren können . « » So schnell geht das nicht ! « » In der Regel nicht . Jedem Blutgerichte pflegt eine Verhandlung vorauszugehen . Aber du weißt ja ebenso gut wie ich , daß es keine Regel giebt , die nicht ihre Ausnahmen hat . Du hast Kara gelobt , und ich stimme in dieses Lob so gern mit ein ; dabei aber habe ich seine allzu große Kühnheit zu tadeln , ohne zu berücksichtigen , ob du dich an diesem Tadel beteiligst oder nicht . Er mußte unbedingt verschweigen , daß er jetzt zu den Dschamikun gehört . « » Das hätte , wie er ja selbst ganz richtig gesagt hat , ihn zu Lügen führen müssen . « » Lügen ! Giebt es nicht Notlügen ? « » Für mich nicht . « » Freilich giebt es die . Man wird durch die Not dazu getrieben , und darum sind sie erlaubt ! « » So sagt man . Aber grad daß es Notlügen gebe , das ist die größte aller Lügen . Ich nenne sie anders . « » Wie ? « » Feigheitslügen ! Es ist gar nicht schwer , sich bei jeder Lüge , die man macht , einen zwingenden Grund zu denken , den man dann als Not bezeichnet . Aber nicht diese größere oder geringere Not ist es , welche zu der Lüge zwingt , sondern die Feigheit , mit welcher man vor ihr die Flucht ergreift , verhindert den furchtsamen Menschen , die Wahrheit offen zu bekennen . Es giebt keine Not , und wäre es sogar der Tod , die so groß wäre , daß die Folgen der Notlüge nicht noch weit über sie hinauswachsen könnten . Das hat unser Kara trotz seiner Jugend eingesehen , und darum ist es zwar sehr tapfer , aber noch vielmehr klug von ihm , daß er sich so fest vorgenommen hat , niemals , und würde er auch noch so sehr zu ihr gedrängt , eine Lüge zu sagen . « » Aber wenn er sich nun durch sie das Leben retten kann ? Sein Leben gehört doch nicht ihm allein , sondern auch mir und seinem Vater und uns allen . Er hat alles , alles zu thun , um es sich und uns zu erhalten ! « » Giebt es irgend eine Lüge , von der er ganz bestimmt voraussagen könnte , daß sie es ihm retten werde ? « » Da fragst du mich zu viel , Effendi . Es ist ja bei jeder Lüge möglich , daß sie sofort erkannt und durchschaut wird . « » Sehr richtig ! Und wird sie durchschaut , so verschlimmert sie nur die Lage . Sie verzehnfacht das Mißtrauen und verstärkt die Gefahr , die man durch sie vermeiden will . Das ist aber noch das Geringste , was ich gegen sie zu sagen habe . Die Lüge , auch die Notlüge , ist eine Mörderin . Sie tötet die Selbstachtung . Und geradezu fürchterlich ist es , daß der Lügner gar nicht bemerkt , daß er diesen Selbstmord fortgesetzt an sich begeht . Grad er setzt gern und stets den höchsten Trumpf auf seine Ehre . In Wirklichkeit aber fühlt er gar wohl , daß sie ihm vollständig fehlt . Das macht ihn ungewiß und mißtrauisch gegen andere . Der Glaube an sie geht ihm verloren . Er verliert das Vertrauen zur Menschheit durch seine eigene Schuld , durch seine eigene Lügenhaftigkeit .