er nichts Stichhaltiges anzugeben . Immerhin belasteten die Aussagen anderer Zeugen den jungen Kaschel so weit , daß es zur Verhandlung kam . Es ward festgestellt , daß es Streit gegeben habe zwischen Karl und seinem Vetter . Ferner wurde ausgesagt , daß Richard Kaschel es gewesen , der die Leute aufgefordert habe , den Betrunkenen hinauszuwerfen . Das Gravierendste aber war , daß mehrere Zeugen sich besinnen konnten , die eiserne Stange , die zum Festhalten der Tür diente , in der Hand des Angeklagten gesehen zu haben . Daß aber Richard den Schlag geführt habe , der Karl verletzt haben sollte , wollte niemand beschwören . Der Angeklagte selbst behauptete , er sei nicht mit draußen gewesen vor dem Kretscham , habe vielmehr die eiserne Stange , auf Befehl seines Vaters sofort wieder eingelegt . Der alte Kaschel , der unbeeidigt vernommen wurde , bestätigte die Aussagen seines Sohnes . Der Angeklagte wurde freigesprochen . Die öffentliche Meinung schrieb trotzdem dem Gastwirtssohne die Tat zu . Man schimpfte weidlich auf die Kaschels und verwünschte sie . Erst hatten sie den alten Büttner ruiniert , ihn von Haus und Hof gebracht , und nun hatten sie ihm auch noch den Sohn für Lebzeiten elend gemacht . Aber solche Worte fielen nur hinter dem Rücken der Kaschels . Ihnen etwas ins Gesicht zu sagen , wagte niemand ; sie waren zu gefährlich . Richard Kaschel zeigte sich , nachdem er hier mit einem blauen Auge davon gekommen , anmaßender und übermütiger denn je . Das Spielen setzte er fort . Er ging oft weit über Land oder fuhr in die Stadt , um seiner Leidenschaft zu frönen . Dem alten Kaschel wurde unheimlich zumute dabei . Mehr als einmal schon hatte er ein Loch zustopfen müssen für den hoffnungsvollen Sprößling . XII. Nun begannen große Umwälzungen im Bauernhofe . Baumeister und Zimmermann erschienen . Im Wohnzimmer wurden die Dielen aufgerissen , die alten erblindeten Fensterscheiben durch neue große und glänzende ersetzt . Dann kamen die Ofensetzer . Der alte Kachelherd mit Backröhre und Pfanne , der zwei Zimmer geheizt hatte , auf dem die verstorbene Bäuerin das Essen für die Familie zugleich mit dem Angemenge für das Vieh zubereitet hatte , wurde weggerissen und an seine Stelle ein städtischer Porzellanofen gesetzt . Die Küche kam in den Nebenraum . Maler und Tapezierer erschienen . Die Holzverkleidung ward von den Wänden gerissen , gemalt und geweißt wurde , und in die Zimmer für die zukünftige junge Frau kamen sogar Tapeten . Der neue Herr kam öfters von der Stadt heraus und trieb die Handwerksleute zur Eile an ; er wollte bald einziehen . Der Büttnerbauer wurde von einem Winkel in den anderen getrieben . Er war wie ein altes Tier , dem aus Gnade das Leben gelassen wird . Überall im Hause herrschten die Handwerker . Schließlich zog sich der Alte mit einem Bündel Sachen in einen Bretterverschlag auf dem Boden zurück , um dort zu hausen . Auf dem Felde war ' s ein Gleiches . Überall Neuerungen ! - Die Ziegelei wuchs und dehnte sich aus . Jetzt hatten sie ein neues Lehmlager entdeckt , das noch besseres Material enthalten sollte als das erste . Dort wurde abgegraben . Herr Berger , der neue Besitzer , ließ einen Schienenstrang von der Grube nach der Ziegelei legen . Das ganze Gut ward verbitzelt . Die großen Schläge , einstmals des alten Bauern Stolz und Freude , waren in lauter schmale Streifen zerteilt , auf denen kleine Wirte ihre vier , fünf verschiedenen Früchte bauten . Auch im Walde gab es Veränderungen . Schon im Herbste hatte der gräfliche Oberförster Kahlschlag machen und Hügel zur Kultur auswerfen lassen . Kaum war der Schnee gewichen , wurde mit der Anpflanzung begonnen . Der alte Mann haßte all das Neue , das vor seinen Augen entstand . Es lag so etwas Aufdringliches , Vorwitziges in dem , was diese jungen Leute anstellten . Vierzig Jahre hatte er nach der Väter Weise gewirtschaftet , und nun über Nacht , plötzlich , ward alles umgestürzt , das Oberste zu unterst gekehrt , seine Arbeit verwüstet , als sei sie nichts wert . Sein Lebenswerk wurde für nichts geachtet . Die Spuren seiner Tätigkeit waren ausgewischt . Das , was jeder Mensch als mächtigsten Trieb und Sporn zum Handeln in sich trägt , der eigentliche Erreger alles menschlichen Strebens und Schaffens , das Verlangen nach irdischer Unsterblichkeit , der Wunsch , in seinen Werken das ewige Leben zu haben - dieses Denkmal , das jeder Tüchtige sich zu errichten strebt , damit Kinder und Kindeskinder seiner gedenken , auf daß sein Wesen und Wollen nicht von der Vergessenheit Nacht verschlungen werde - dieser Abdruck seiner Persönlichkeit , der in diesem Grundstück : Haus , Hof , Feldern , Wiesen und Wald , eingeschlossen lag , war zerstört ; fremde Hände hatten in wenigen Monaten das zur Unkenntlichkeit verändert , was er und seine Vorfahren im Laufe eines Zeitraumes , der nach Generationen gerechnet werden mußte , in Treue und Liebe und Frömmigkeit aufgerichtet hatten . Die Zeit war über ihn hinweggeschritten . Nun wurde er in die Ecke gestellt , ein verbrauchtes , altmodisches Gerät . Er war ein Baumstumpf , der mitsamt den Wurzeln ausgerodet ist ; so lag er auf dem Boden , dem er , als er in voller Kraft und Blüte gestanden , seinen Schatten gespendet hatte . Die tausendfältigen Beziehungen , die jeden mit der Mitwelt verbinden , die unzähligen Würzelchen , mit denen wir jeden Augenblick Kräfte saugen und Kräfte zurückgeben , waren durchschnitten . Er war unnütz geworden für sich und die anderen . Er konnte aus der Welt gehen , und nirgends würde eine Lücke klaffen . Zweck- und ziellos ging er umher , im Dorfe , über die Felder , durch den Wald . Wann wäre das früher jemals vorgekommen ! Da hatte jeder Gang sein Ziel , da wurde er , außer Feiertags , niemals unbeschäftigt