, wenn sie kamen , um ihn heimzuholen . 9 Mit sprachlosem Schreck hatte Fräulein von Kleesberg am Morgen die Nachricht von Kittys Verschwinden aufgenommen . Der Brief , der in Kittys Zimmer gefunden wurde , beschwichtigte ihre Sorge , brachte aber einen neuen Sturm von Erregung . Dabei liefert sie eine Konfusion um die andere . Beim Frühstück goß sie den Tee in die Zuckerdose statt in die Tasse , gebrauchte den wunden Arm und legte den gesunden in die seidene Schlinge . Dann ließ sie den Lehnstuhl an das offene Fenster rücken ; hier saß sie und träumte vor sich hin . Immer von neuem las sie Kittys Brief . » Natürlich ! Sie mußte nach München ! Ob sie wollte oder nicht ! Zu Tas ? So ? Wirklich ? Nur zu Tas ? « Beim Gedanken an Graf Egge lief ihr freilich ein kaltes Gruseln über den Rücken . Aber Graf Egge saß vorerst noch weit da droben in seiner Jagdhütte . Und schließlich mußte Willy alle Schuld an diesem Streich auf sich nehmen ; er hatte leichteres Spiel beim Vater und konnte sagen , daß er die Schwester zu dieser Reise beredet hätte . Nein , die nächste Sorge war nicht Graf Egge , sondern Robert ! Sie grübelte sich eine Geschichte aus von einer Landpartie , die Kitty mit Willy unternommen hätte . Aber sie sollte keine Gelegenheit finden , diese Geschichte an den Mann zu bringen . Robert war früh am Morgen in den Sattel gestiegen und mit dem Stallburschen davongeritten . Als er gegen neun Uhr nach Hubertus zurückkehrte - da kam auch ein anderer in das väterliche Haus zurück , auf fremden Füßen . Der Fischer hatte in der Seebachklamm den » Verunglückten « gefunden ; auf seinen Armen brachte er den Toten in das Schloß getragen , umringt von einem Schwarm erregter Menschen . Unter ihnen befand sich auch der Pointner-Andres , den das Geschrei , das auf der Straße entstanden war , aus dem Zaunerhaus gerufen hatte . Mitleidig betrachtete er den Toten ; aber sein junges Glück war so groß , daß in seinem überfüllten Herzen das Erbarmen keinen ausreichenden Platz mehr fand . Als der wirre Menschenlauf in der Ulmenallee an dem Käfig vorüberkam , wurden die Adler scheu und tobten hinter dem Gitter . Der alte Moser , der den Vögeln das Futter bringen wollte , war von den Bewohnern des Schlosses der erste , der hören und sehen mußte , was geschehen war . Er ließ die blutige Schüssel fallen . » Jesus , Maria ! So an Unglück ! Aber gleich hab ich ' s gsagt , wie der Adler hin worden is : dös bedeut nix Guts ! « Man trug den Entseelten in seine Stube . Auf der Treppe fiel Gundi von Kleesberg beim Anblick des Toten ohnmächtig zu Boden . Als sie wieder zum Bewußtsein kam , lag sie in ihrem Bett , und vor ihr saß der Doktor . Sie war vom Schreck so betäubt , daß sie nur zur Hälfte verstand , was man ihr sagte . Robert wäre mit dem Fischer zu Berg gestiegen , um Graf Egge zu holen und ihn schonend auf das Unabänderliche vorzubereiten . Von Hilfe keine Rede mehr . Der Tod mußte schon vor Stunden eingetreten sein . Der Doktor schrieb die Katastrophe einer inneren Verblutung zu , da er an dem Körper des Verunglückten nur unbedeutende Schrammen und auf der Stirn einen blauen Fleck gefunden hatte , der als Überbleibsel einer harmlosen Beule zu erkennen war . Die äußerliche Ursache des unglücklichen Sturzes erschien nicht rätselhaft ; es war bekanntgeworden , daß Graf Willy vergangenen Abend bis Mitternacht beim Seewirt schwer gekneipt hatte . Drei Flaschen Monopol - da war ein Fehltritt begreiflich . In Jammer aufgelöst , wurde die Kleesberg auch noch gepeinigt durch den Gedanken an Kitty . » Willy begleitet mich , also mach dir keine Sorge ! « So hatte die Komtesse geschrieben . Nun lag Willy da drüben , still und kalt . Was war aus Kitty geworden ? Fritz und Moser wurden ins Dorf geschickt , um Nachfrage bei jedem Bauern zu halten , der ein Fuhrwerk besaß . Gegen zwölf Uhr kam Fritz mit der Nachricht gelaufen , daß der Mooshofer das gnädige Fräulein zur Bahn gebracht hätte . Diese Entdeckung genügte nicht , um die Kleesberg zu beruhigen . Die Tränen rollten ihr über die ungeschminkten Wangen , während sie dem Diener ein Telegramm an Professor Werner diktierte . Dann unerträgliche Stunden eines angstvollen Wartens ! Erst nach fünf Uhr kam die Antwort , die von Gundi Kleesberg bei allem Jammer , der sie erfüllte mit einem Freudenschrei empfangen wurde . Wenige Minuten später traf , von Robert begleitet , Graf Egge in Schloß Hubertus ein . Wie sonst bei der Heimkehr hängte er im Flur die Büchse an das Zapfenbrett . Sein Gesicht war von kalkiger Blässe und schien gealtert . » Wo liegt er ? « » In seinem Zimmer . « Robert sprach mit gedämpfter Stimme . » Willst du dich nicht vorher umkleiden ? « Der Vater streifte ihn mit einem Blick , wie man etwas Fremdes , Unbehagliches betrachtet . Dann stieg er langsam über die Treppe hinauf ; seine genagelten Bergschuhe klappten auf den roten Marmorstufen wie müde Hammerschläge . Vor Willys Zimmer blieb er stehen und stützte sich eine Weile an die Mauer . Dann öffnete er die Tür . Das Zimmer war ausgeräumt , das Bett in die Mitte gerückt . Durch die beiden Fenster fiel das Abendlicht über die mit der Uniform bekleidete Gestalt und über das wächserne Gesicht des Toten . Die gefalteten Hände umschlossen ein kleines , elfenbeinernes Kruzifix und ein Sträußchen Edelweißblüten , die der alte Moser gespendet hatte . An den Kanten des Bettes brannten vier dicke Wachskerzen auf hohen , silbernen Leuchtern . Ein röchelnder Laut . Wie von einem Keulenschlag getroffen , warf Graf Egge sich über den Leichnam