Unrecht durch neues Unrecht getilgt werden kann . Wir versicherten , daß wir keinen anderen Wunsch hegten , als den nunmehrigen Frieden nicht mehr gebrochen zu sehen . Dasselbe war - so behauptete er wenigstens - auch der Wunsch Napoleons III. Wir verkehrten so viel mit Personen , welche dem Kaiser ganz nahe standen , daß wir genügend Gelegentheit hatten , dessen politische Gesinnungen , wie er sie in vertraulichen Aussprüchen laut werden ließ , kennen zu lernen . Nicht nur , daß er den momentanen Frieden wünschte , er hegte den Plan , den Mächten allgemeine Abrüstung vorzuschlagen . Aber um dieses auszuführen , fühlte er sich augenblicklich nicht sicher genug im Innern des Landes . Eine große Unzufriedenheit kochte und gährte unter der Bevölkerung , und in der nächsten Nähe des Thrones gab es eine Partei , welche darzustellen bemüht war , daß dieser Thron nicht anders zu festigen wäre , als durch einen auswärtigen glücklichen Krieg : so eine kleine Triumphpromenade am Rhein , und der Glanz und Bestand der napoleonischen Dynastie wäre gesichert . » ll faut faire grand « meinten diese Ratgeber . Daß der Krieg , welcher im vorigen Jahre über die Luxemburger Frage in Aussicht stand , vereitelt worden , war jenen sehr unlieb : die beiderseitigen Rüstungen waren schon so schön gediehen , und jetzt wäre das Ding überstanden ... Aber auf die Länge sei ein Kampf zwischen Frankreich und Preußen doch unvermeidlich ... Unaufhörlich ward in dieser Richtung weitergehetzt . Doch nur ein schwaches Echo drang von solchen Dingen zu uns . Dergleichen ist ja man gewöhnt , in den Zeitungen anschlagen zu hören - so regelmäßig , wie die Brandung an der Küste . Dabei braucht man noch nicht an den Sturm zu denken ; man lauscht ganz ruhig der Musikkapelle , die am Strande ihre lustigen Weisen spielt - die Brandung gibt nur einen leisen , unbeachteten Grundbaß dazu ab . Das glänzende , von Vergnügungsmühen überbürdete Treiben erreichte seinen Höhepunkt in den Frühlingsmonaten . Da kamen noch die langen Bois-Fahrten in offenem Wagen , die verschiedenen Gemäldeausstellungen , Gartenfeste , Pferderennen , Picknick-Ausflüge hinzu - und bei alledem nicht weniger Theater , nicht weniger Visiten , nicht weniger große Diners und Soiréen , als mitten im Winter . Wir begannen schon stark , uns nach Ruhe zu sehnen . Diese Art Leben hat eigentlich nur dann den wahren Reiz , wenn Koketterie- und Liebschaftsgeschichten damit verbunden sind . Mädchen , welche eine Partie suchen , Frauen , die sich den Hof machen lassen und Männer , die Abenteuer wünschen - für solche bietet jedes neue Fest , bei welchem man dem Gegenstand seiner Träume begegnen kann , ein lebhaftes Interesse - aber Friedrich und ich ? ... Daß ich meinem Gatten unwandelbar treu war , daß ich mit keinem Blick einem anderen gestattete , sich mir mit verwegenen Hoffnungen zu nahen - das erzähle ich ohne jeglichen Tugendstolz . Es ist doch ganz selbstverständlich . Ob ich unter anderen Verhältnissen auch all den Verlockungen widerstanden hätte , denen in solchem Vergnügungswirbel hübsche junge Frauen ausgesetzt sind - das kann ich ja nicht wissen ; wenn man aber eine so tiefe und so vollbeglückte Liebe im Herzen trägt , wie ich sie für meinen Friedrich empfand , da ist man doch gegen alle Gefahr gepanzert . Und was ihn anbelangt : war er mir treu ? Ich kann nur so viel sagen : ich hab ' es nie bezweifelt . Als der Sommer ins Land gezogen kam , der » grand-prix « vorüber war und die verschiedenen Mitglieder der Gesellschaft Paris zu verlassen begannen - die einen nach Trouville und Dieppe , nach Biarritz und Vichy , die Anderen nach Baden-Baden , die Dritten auf ihre Schlösser - Prinzessin Mathilde nach St. Gratien , der Hof nach Compiègne - da wurden wir mit Aufforderungen , das gleiche Reiseziel zu wählen und mit Einladungen nach den Landsitzen bestürmt ; aber wir waren durchaus nicht gesonnen , die eben durchgemachte Luxus- und Vergnügungscampagne des Winters auch noch ins Sommerliche zu übertragen . Nach Grumitz wollte ich vor der Hand nicht zurückkehren : ich fürchtete zu sehr das Wiedererwachen der schmerzlichen Erinnerungen ; auch hätten wir dort - der vielen Verwandten und Nachbarschaften wegen - nicht die gewünschte Einsamkeit gefunden . So wählten wir denn abermals als Aufenthaltsort einen stillen Winkel der Schweiz . Wir versprachen unseren pariser Freunden im nächsten Winter wiederzukommen , und traten vergnügt , wie ferienreisende Schüler , unsere Sommerfahrt an . Was nun folgte , war wirklich eine Erholungszeit . Lange Spaziergänge , lange Lesestunden , lange Spielstunden mit den Kindern und keine Eintragungen in die roten Hefte - letzteres ein Zeichen von Sorglosigkeit und Seelenruhe . Auch Europa schien damals so ziemlich sorgenlos und ruhig zu sein . Wenigstens sah man nirgends » schwarze Punkte « . Selbst von der berühmten Revanche de Sadowa hörte man nichts mehr verlauten . Den größten Verdruß , den ich damals empfand , der war mir durch die seit einem Jahr bei uns in Österreich eingeführte allgemeine Wehrpflicht bereitet . Daß mein Rudolf einst werde Soldat sein müssen - das konnte ich nicht fassen . Und da phantasieren die Leute von Freiheit ! » Ein Jahr Freiwilliger - tröstete mich Friedrich - das ist nicht viel . « Ich schüttelte den Kopf : » Und wäre es nur ein Tag ! Keinen Menschen sollte man zwingen können , ein bestimmtes Amt , das er vielleicht haßt , auch nur einen Tag zu bekleiden , denn an diesem Tag muß er das Gegenteil von dem , was er fühlt zur Schau tragen , muß beschwören , das mit Freuden zu thun , was er verabscheut - kurz , er muß lügen - und meinen Sohn wollte ich vor Allem zur Wahrhaftigkeit erziehen . « » Dann hätte er um ein paar hundert Jahre später geboren werden müssen , Liebste ! « erwiderte Friedrich . » Ganz wahr kann nur ein ganz