kreuzen . Rother mußte grüßen und that es . Ella dankte kaum und sah gradaus . » Wen grüßtest Du denn da ? « fragte Wolffert verwundert . » Ella , « erwiderte Jener lakonisch . » Kennst Du sie denn ? « » Oberflächlich . - Was Marat betrifft « - - Sie trafen nachher noch einmal den Lassen , diesmal allein , dessen Gesicht voll Glück strahlte . Im selben Augenblick kam die » Freundin « und winkte ihm . Er stürzte ihr nach und schlug sich seitwärts in die Gebüsche . » Aha , die Alten sind weg oder haben das Lamm aus den Augen verloren ! « gähnte Wolffert . » Der Glückliche ! Unbeobachtet von tausend Argusaugen ! « » Hm , « machte Rother kalt . » Wird wohl Schwindel sein . Der sieht mir doch gar nicht aus , als ob ein anständiges Mädchen - « » Das verstehst Du nicht , « kanzelte ihn der Olympier mit überlegenem Lächeln ab . » Uebrigens bekannte Geschichte . Ich selber weiß es ja . Habe ihre Briefe an ihn gelesen . Sie hängt sehr an ihm , sehr ! « » So , so ! « verlautbarte sich Rother gedehnt . » Also , um auf den besagten Hammel zurückzukommen , Desmoulins « - - Er ging langsam nach Hause . Der Lärm der Wagen und das Rauschen der Musik verhallten hinter ihm , wie ein Rausch von Lust und Leichtsinn . Aus Versehen schlug er eine falsche Richtung ein und gerieth in das Erlenwäldchen , welches den Kanal entlang nach der heutigen Stadtbahnstation führt . Er war mutterseelenallein , diese Gegend damals noch völlig unbelebt , nach der Richtung des heutigen Kurfürstendamm lauter öde Sandflächen und Sümpfe . Hier konnte Einem der Hals abgeschnitten werden , ehe man einen Laut von sich gab . Er schritt fürbaß mit wildpochendem Herzen . Eine nebelige Mondnacht . Man konnte Erklönig lind seine Töchter durch die silberborkigen Erlen flattern sehen . Kohlschwarz lagen im Kanal die Torfschiffe Und Obstkähne , die einen eigenthümlich fauligen , Geruch verbreiteten . In der Finsterniß sahen sie wie Krokodile aus . In der Ferne brausten die Wogen der sogenannten Selbstmörder-Schleuse und ein einsamer Hund bellte den Mond an . Auch der einsame Wanderer sah zum Monde und fühlte einen geheimnißvollen Schmerz , als wolle seine eingesargte Seele den Körper sprengen . Ihm war , als fräße ein Polyp an seinem Herzen , als athme er umsonst nach freier Luft . Er athmete überhaupt schwer und unregelmäßig - schon damals spürte er sein Brustleiden . Wie der Mond sich wunderte über das thörichte Menschenkind voll Jünglingsbrunst und Mannesernst , dessen Seele zu groß für seinen schmächtigen Körper ! Wie er so dastand an der Schleusenbrücke , schien Alles um ihn zu versinken . Alles verloren . Was eigentlich , er wußte es nicht klar . Aber sein Lebensglück , sein Leben für immer verloren , verdorben . Diesen Ekel , diese Verachtung , diese gräßliche Selbsttäuschung überwand er nicht . Einen Augenblick dachte er ernstlich nach , ob er nicht ins Wasser springen solle . Es war damals Mode in Jung-Berlin , sich wegen Durchfall im Examen oder Schuldenmachen rundweg ins Jenseits zu befördern - eine wahre Manie , die sich bis auf die überbürdeten Tertianer der Gymnasien hinab erstreckte . Aber seine geistige Natur war denn doch zu nervig auf Selbstgefühl erbaut und sein Größenwahn kam ihm zu Hülfe . Er verzweifeln wegen eines solchen Geschöpfes ? Pfui ! Lächerlich ! - - Er fand sich richtig zur Charlottenburger Pferdebahn quer durchs Wäldchen nach rechts hinüber , die ihn nach Berlin zurückbrachte . Wie lange war das Alles vergessen ! wie lange war diese erste Jugendflamme des Narrenherzens , nachher eine glänzende Ballkönigin , die eine ihrer würdige » große Parthie « machte , seiner Erinnerung entschwanden ! Seltsam , daß er heut so klar an das Alles dachte , als wäre es gestern gewesen . War es nicht symbolisch gewesen für sein ganzes Leben ? Eine mimosenhaft zarte Natur wie die seine konnte nur bestimmt sein , sich ewig zu täuschen und getäuscht zu werden . Das Naturgesetz , das in des Menschen Wesen bei seiner Geburt gelegt , entwickelt sich logisch fort in tausend Varianten . So gleiten die Tage spurlos dahin in Lebenshaß und Todesfurcht , sie häufen sich hinter uns wie welke Blätter , wie schemenhafte Nebel . Wir fühlen das Naturgesetz , daß die Tugend sich selbst belohnt , und fröhnen dennoch dem Laster , um die entnervende Langeweile abzuschütteln . Wille ? Selbstwiderspruch ist das einzige Unrecht . Warum hat die Natur uns unglückliche Schufte und schuftige Unglückliche zur Sünde erzeugt , und straft uns hinterher , weil wir dieser Bestimmung folgen ? Warum lauert der Vampyr des Ueberdrusses über dem Schlangensumpf der Begierden . Arbeite ! Was ? Warum ? Ja , so erbärmlich ist unser Loos , daß der Fluch Adams unser einziger Segen scheint - eine Art Opium , um den Dämon des Gedankens zu betäuben , der uns umherjagt wie einen Verbannten , der sein Exil und sein Urtheil in sich selber trägt . - - Es giebt Momente , wo das Gefühl des Schmerzes zu maßloser Ungerechtigkeit in Beurtheilung der Mitmenschen und überspannter Geringschätzung des gesammten Außenlebens , der Sansara , führt . Ein Abgrund scheint sich plötzlich vor dem Auge des Denkenden zu öffnen : die Nichtigkeit menschlichen Strebens , die Eitelkeit menschlicher Genüsse grinst dem menschlichen Geist entgegen , der zurückschaudert wie der Basilisk bei seinem Anblick im Spiegel . Graue Wüsten ohne Palmen der Schönheit und Quellen der Reinheit dehnen sich endlos umher , die Oase der Liebe ist vom Samum der Leidenschaft verschüttet und Bülbul Poesie scheint eine geschwätzige Elster . Das ist der Abgrund des ewigen Weltwehs - der Schemen Nirvana steigt aus ihm empor , um uns mit Spinnenarmen ins Nichts hinabzureißen . Von Hügel zu Hügel schweifen meine Blicke über die unendliche