nicht zu leugnen , neben ihr , der Junogestalt , war ich das unbedeutendste Geschöpfchen , das sich denken ließ - aber die Blumen waren doch von Herrn Claudius , ich wußte es genau , wenn ich auch die beseligende Gewißheit tief im Herzen versteckte ... Meine Tante betrat das Zimmer nicht wieder ; sie versicherte , der einmalige kurze Aufenthalt in der » Treibhausluft « habe ihr entsetzliche Kopfschmerzen verursacht ... Seltsam , daß es der schönen Frau mit der sanften Stimme und dem geschmeidigen Wesen nicht gelingen wollte , sich im Schweizerhäuschen einzuschmeicheln ! Der alte Schäfer machte mir stets ein vorwurfsvolles Gesicht , wenn ich auf Tante Christine zu sprechen kam , und meinte , sein schönes , sauberes Zimmer sähe zum Spektakel aus - die Dame rühre kein Staubtuch an und scheine gar nicht zu wissen , wozu die Nägel an den Wänden seien - sie lasse die Kleider auf dem Fußboden liegen ; und Frau Helldorf zürnte ernstlich , als sie eines Tages sah , wie ich meiner Tante Geld gab . » Sie versündigen sich förmlich , « sagte sie , als wir allein waren ; » denn Sie unterstützen geflissentlich die Faulheit und Verschwendung ... Drüben stehen die Tische voll Naschwerk aller Art - Die Frau sollte sich schämen , Austern und marinierten Aal zu essen , Champagnerflaschen hinter dem Sopha stehen zu haben , und das alles durch Sie bezahlen zu lassen ! - das können Sie unmöglich durchsetzen ! ... Mag sie doch mit Gesangsunterricht ihr Brot verdienen - ihre Stimme ist ausgesungen , aber sie hat eine brillante Schule . « Zu meiner eigenen Beruhigung konnte ich ihr versichern , daß das jedenfalls auch geschehen werde ; Tante Christine habe wiederholt gesagt , daß sie einen festen Plan verfolge . Sie bedürfe zu der Ausführung aber eines männlichen Rates und Beistandes und habe gehofft , beides bei meinem Vater zu finden ; nun er sie jedoch lieblos verstoßen , wolle sie warten , bis Herr Claudius genesen sei - nach allem , was sie von diesem Manne höre , sei er am ersten imstande , ihr für einen längeren Aufenthalt in K. Rat und Unterstützung zu gewähren . Ich fand an der Idee nichts auszusetzen und ward ein klein wenig unwillig , als Frau Helldorf mit Kopfschütteln meinte , Herr Claudius werde sich schwerlich damit befassen , wenn er einmal der Dame in das geschminkte Gesicht gesehen habe . Die kleine Frau war mir in der Leidenszeit unbeschreiblich lieb geworden . Welches Opfer brachte sie , indem sie das Haus betrat , welches ihr unversöhnlicher Vater bewohnte ! In völliger Flucht kam sie stets atemlos und mit klopfendem Herzen an - die Furcht vor einer abermaligen Begegnung jagte sie . Die arme Verstoßene liebte trotz alledem ihren Vater innig und war tief bekümmert , als sie hörte , daß er seine gesamte Habe verpfändet habe , um die Missionsgelder herbeizuschaffen . Trotz aller Bemühungen war man dem Diebe nicht auf die Spur gekommen ... Mir erschien der alte Buchhalter seltsam verändert ; er grüßte mich jetzt bei jeder Begegnung und hatte sich sogar einige Male herbeigelassen , nach meinem kranken Vater zu fragen . Charlotte bestätigte meine Wahrnehmung ; sie behauptete zornig , er gehe ihr und Dagobert aus dem Wege ; » der alte Schwachkopf « bereue entschieden , das Geheimnis seines Chefs verraten zu haben , und werde schließlich - das sehe sie voraus - im entscheidenden Moment zu leugnen versuchen ... Das leidenschaftliche Mädchen litt unsagbar . Die Prinzessin war leidend , hielt sich seit jenem Abend fern von allem Geräusch des Hoflebens , und das Haus in der Mauerstraße schien für sie nicht mehr zu existieren . Was sollte nun geschehen ? Mein abermaliger Vorschlag , Herrn Claudius selbst alles zu sagen , wurde auch von Charlotte mit Entrüstung und der anzüglichen Bemerkung zurückgewiesen , der Blumenduft in meinem Zimmer umschmeichle und besteche mich . Ich schwieg von da ab auf alle Klagen . Fünf Wochen waren seit dem Feuerunglück vergangen , und die furchtbare Heimsuchung lag hinter mir . Mein Vater war längst außer Bett ; er erholte sich auffallend rasch , war durch die Aerzte schonend von allen Vorgängen unterrichtet worden , und hatte sich zur Verwunderung aller ziemlich schnell und leicht in die betrübende Thatsache gefunden , daß sein Manuskript Staub und Asche sei . Weit schmerzlicher berührte ihn die Nachricht , daß eine Anzahl kostbarer Bücher und Handschriften nicht habe gerettet werden können , daß die prachtvollsten Exemplare der antiken Thongefäße vernichtet seien , und wie man mit dem besten Willen das abgeschlagene Marmorhändchen des schlafenden Knaben nicht wieder aufzufinden vermöchte . Er vergoß Thränen des Schmerzes und konnte sich nur schwer darüber beruhigen , daß er der Welt und Herrn Claudius diesen nie zu ersetzenden Schaden zugefügt . Der Herzog besuchte ihn sehr oft ; er wurde damit unmerklich wieder in das Fahrwasser seines gewohnten Denkens und Wirkens geleitet und hatte bereits zahllose Pläne und Entwürfe im Kopfe ... Mir begegnete er mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit - das Unglück hatte Vater und Tochter eng verbunden - er mochte mich nicht mehr missen : trotzdem versicherte er mir oft und ernstlich , er werde mich mit Beginn des Frühjahrs auf vier Wochen in die Heide schicken - ich sei zu blaß geworden und müsse mich erholen . Es war ein trüber Märznachmittag . Zum erstenmal wieder seit fünf Wochen wollte ich in das Schweizerhäuschen gehen ; meine Tante hatte mir in einigen Zeilen Vorwürfe gemacht , daß ich sie , nachdem mein Vater doch genesen , so konsequent vernachlässige . In der Halle stürmte mir Charlotte entgegen . Ich erschrak vor ihr - solch einen wilden Triumph und Jubel hatte ich noch nicht auf einem Menschenantlitz gesehen . Sie riß ein Papier aus der Tasche und hielt es mir unter die Augen . » Da , Kind ! « keuchte sie atemlos . » Endlich , endlich geht die Sonne über mir auf