Gehirne gibt ' s - und die wuchern in meiner Familie ! aber nun hab ' ich ' s satt , nun schieb ' ich einen Riegel vor . Diese Influenza soll nicht weiter grassieren ! Corona heiratet Orest , lieber heute als morgen - so wahr ich ein Windecker bin ! Basta . « Als Uriel erfreut seine Hand küßte , wendeten sich seine Gedanken aber wieder diesem , seinem Lieblingsneffen zu , den er seit so langen Jahren als seinen Erben und Schwiegersohn geliebt hatte , und er sagte kopfschüttelnd : » Wenn Du aber nach zwei Jahren wiederkehrst - was willst Du beginnen ? Aus der diplomatischen Karriere bist Du ausgetreten , Stamberg hast Du abgegeben . Also was bist Du , was hast Du dann ? Sollte ich bis dahin sterben , so bekommst Du freilich Windeck mit allem , was dazu gehört , und damit kannst Du schon in der Welt bestehen . Aber ich sollte meinen , daß ich noch so zwanzig , dreißig Jahre leben und Kinder meiner Enkel sehen könnte . « » Ich habe mir eine kleine Apanage vorbehalten , die der Besitzer von Stamberg mir alljährlich zahlen wird und die mir genügen soll . « » Du hast aber immer wie der Sohn eines reichen Mannes gelebt ! « » Ja , bester Onkel , Dank Deiner Güte . Aber - so gewiegt zu werden im Wohlleben , so aufzuwachsen in allem Behagen , so zu genießen die Vorzüge des weltlichen Glücks - darin liegt ein Etwas , das die Entwickelung des inneren Menschen hemmt , seine sinnlichen Bedürfnisse ins Unglaubliche steigert und seine geistigen nicht befriedigt . Nie war die Welt in einem so rasenden Rennen nach eben diesem Zustande begriffen : Glücksgüter erringen und genießen ist ihr Ideal . Ein sehr brutales - man muß es gestehen ! Darum ist sie denn auch selbst ungemein brutal unter ihrem glatten , blanken Bildungsfirniß ; oberflächlich der Verstand , schwach der Charakter , trüb das moralische Bewußtsein , lahm der Sinn für Höheres , Null - das Verlangen danach . Im kläglichsten Subjektivismus zerfällt die große Einheit der Menschheit , wie ein toter Körper in widerliche Atome sich zersetzt . Ich habe nicht wie ein Blinder und Tauber diese letzten verhängnisvollen Jahre durchlebt . Ich hab ' mich umgeschaut , ich habe aufgehorcht ; ich bin da gestanden , wo es genug zu sehen und zu hören gab . Eines ist mir klar : in ihrem tiefsten Grunde ist die Welt ratlos . Sie hat die Wahrheit nicht . Hinter all ' der pomphaften Prahlerei mit Civilisation und Aufklärung , mir Wissensdurst und Freiheitsdrang , mit Völkerglück und Bildungsfortschritt liegt eine ungeheuere Leere . Bildungsfortschritt ? - und die Gefängnisse , die Zuchthäuser , die Strafanstalten vergrößern sich mehr und mehr , und die statistischen Tabellen weisen nach , daß diese Vergrößerung nicht Schritt hält mit der wachsenden Zahl derer , für welche diese Anstalten bestimmt sind . Völkerglück ? und das Proletariat und das Elend des Fabrikwesens wächst in monströser Progression . Freiheitsbedürfnis ? und Niemand will das edle Joch der Selbstbeherrschung tragen , und jeder spricht sich das Recht zu , Selbstherrscher - über andere zu sein . Wissensdurst ? - ja : freche Neugier und Forschungen auf der Oberfläche der Dinge und Erscheinungen . Aufklärung ? - ja : Bankrott an gesundem Menschenverstand , an Sinn für Recht und Unrecht , an klarer Einsicht und Beurteilung der Verhältnisse und entschiedene Sympatie für jede Art von Marktschreierei und Charlatanismus . Civilisation ? - ja : Eisenbahnen , Telegraph , Schreibfedern , Papiergeld , Zeitungen , stehende Heere , Büreaukratie , Branntweinschenken , allgemeine Begier nach materiellen Freuden und Genüssen , allgemeines Mißvergnügen , weil sich Keiner auf dem Punkt befriedigt fühlt . So sieht es aus in der Welt ! Weil sie die Wahrheit nicht hat , wird sie wehrlos sein , wenn der Umsturz kommt . Und er wird kommen , denn es ist unmöglich , daß die Fiktion oder , deutsch gesprochen , die gleißende Lüge dauernd die Menschheit beherrsche . Frei muß sie werden von der Lüge ; dann kann die Wahrheit sie retten . Ich will suchen nach dieser rettenden Wahrheit und deshalb brechen , so weit ich vermag , mit der großen Lüge der Zeit , mit der Überschätzung von Geld und Gut . « » Uriel ! « rief der Graf , » Du wirst ja ein leibhafter Don Quixote : ziehst aus für Deine Dulzinea - Wahrheit ! « » Uriel ! « sagte Levin , » wenn Du alles , was Du tun willst , aus übernatürlichen Beweggründen tätest und die Wahrheit mit dem Auge des Glaubens suchtest : so würde sich Dir ein seliges Leben erschließen , und - wenn nicht die Welt , so doch gewiß Deine Seele fände sicher ihren Rettungshafen . « » Ich suche die Wahrheit , weil ich die Liebe verloren habe und weil ich ohne etwas Göttliches nicht leben kann , « sagte Uriel kalt . » O sage doch : nicht ohne Gott leben kann ! « rief Levin . » In ihm hast Du die ewige Wahrheit vereint mit der ewigen Liebe - und folglich das , was Deine Seele , was jede Seele begehrt . « » Nicht doch ! « sagte Uriel und blieb bei seiner abwehrenden Kälte ; » wer nur mit dem Auge des Glaubens sucht , verliert gar leicht die Liebe aus dem Gesicht und gerät auf Irrwege . « Levin schwieg . Er hatte Mitleid mit diesem wunden Herzen . Der Graf sagte gelangweilt : » Um auf die praktische Wahrheit , nämlich auf das wirkliche Leben zu kommen , Uriel : willst Du denn gar nicht heiraten ? Auch ohne Stamberg bist Du als Windecker Erbgraf eine brillante Partie . « » Hu ! schrecklicher Gedanke , eine brillante Partie zu sein ! « rief Uriel scherzend . » Da sehe ich im Vordertreffen