« Wenn es nicht anders sein könne , sagte Uli , so lasse er es sich gefallen , Geld wäre ihm freilich lieber gewesen . Ihr Rechnung hatte nicht viel Stößiges , und wo was sich zeigte , gab alsbald der Wirt nach . » Du wirst recht haben , « sagte er , » nimm es nicht für ungut , aber wenn man in einem so großen Wesen ist , wie ich bin , und so viel im Kopf haben sollte , daß es mir manchmal ist , als fahre der Napoleon mit seiner Reiterei darin herum , so ist bald was vergessen oder bald was unrichtig aufgeschrieben . Nimm es nicht übel , daß ich in deiner Krankheit nicht zu dir kam , aber es hieß , du kämest nicht davon . Das hat mich zu sehr gedauert , als daß ich hätte kommen können , ich hätte deiner Frau nur angst gemacht . Es weiß kein Mensch , wie ich so ein lindes Herz habe , ich muß mich manchmal deretwegen schämen und darf es nicht zeigen , es kömmt gar zu lächerlich heraus für so einen großen Mann , wenn er plären muß wie ein Kind . « Uli mußte dann noch mit ihm zu Abend essen , eine Flasche vom Besten trinken , kurz der Wirt war die Liebe und Güte selbst . Die Wirtin brachte noch was in einem Papier , ein alt Stück Kuchen ; das sei für den Gevattersmann , sagte sie , daß Uli ganz glücklich und Rühmens voll nach Hause kam . Es seien doch nicht alle Menschen gleich , sagte er , und wenn man von Einem Unrecht leide , so müsse man sich hüten , auch Andern Böses zuzutrauen , man könnte sich sonst leicht versündigen . » Ich will dem Wirt nichts Böses nach , reden , « sagte Vreneli , » aber urteile auch du nicht zu schnell , sondern warte , bis du das Geld hast . Hast du dann einmal dies , dann will ich dir gegen den Wirt gar nichts mehr haben , ich verspreche es dir . « Es ist immer das Gleiche , dachte Uli bei sich selbst ; haßt es jemanden , so haßt es ihn , und wen es liebt , den liebt es , und dann ists fertig . Indessen versprach er , sein Urteil nicht abzuschließen und einstweilen vor dem Handeln mit dem Wirte sich zu hüten . Daß Uli wiederum so viel Glauben zu ihm hatte , freute Vreneli sehr , doch eins freute ihns noch mehr : Ulis Gedanken hatten wieder eine höhere Richtung genommen , verarbeiteten nicht mehr bloß in ewigem und doch mühseligem Kreislauf das Einmaleins , sondern betrachteten Gottes Worte und Wege , forschten nach seinem Willen und bestimmten nach ihm das Tun . Er sprach gerne mit Vreneli über höhere Dinge und erzählte gerne göttliche Fügungen , welche die , die ihn lieben , zur Seligkeit führen , und wie Gott das Verlorne suche und trachte selig zu machen . Er fühlte einen unbestimmten Drang , ein Ungenügen , und dieses verschwand , wenn er mit Vreneli sprach oder las in der heiligen Schrift oder an göttliches Schaffen dachte , die Wunder der Welt betrachtete . Es war dies der geistliche Hunger und Durst , welche begehren nach den Worten , welche aus des Herrn Munde gehen , welche kennen die Speise des Erlösers , das Vollbringen von des Vaters Willen . Es war der eigentliche Zug in ihm erwacht , ohne welchen niemand zum Vater kömmt ; das wunderbare , unerklärliche Verlangen ward in ihm stark und mächtig , welches Christus mit den Worten ausdrückte : » Mich verlanget , das Passahmahl mit euch zu essen . « Es verlangte ihn nach dem Pfande , daß er einer sei , der wohl in der Irre gewesen , aber wieder gefunden worden und über den nun Freude im Himmel sei , nach dem Bewußtsein , zu denen zu gehören , welche lebendige Glieder sind am Leibe , dessen Haupt Christus ist . In gesunden Menschen lebt ein Trieb des Zusammenhaltens , des Einsseins mit Andern , man nennt ihn auch den gesellschaftlichen Trieb . Derselbe kömmt in hunderterlei Gestalten zum Vorschein . Wie oft ists einem Menschen , wenn er doch nur da oder dort eingeladen , in diese oder jene Gesellschaft aufgenommen würde , es ist der höchste Gegenstand seines Sehnens und Strebens . Ist er aufgenommen , ist er mitten unter ihnen , sitzt er am ersehnten Tische , dann fühlt er sich unendlich gehoben ; er steht an einem Ziele , er ist glücklich , hoffnungsvoll , er gehört einem Kreise an , der ihm Halt im Leben gibt , eine Stellung verschafft . Ähnlich hat es das Kind mit dem Triebe , in die Kreise der Erwachsenen aufgenommen zu werden , und einmal aufgenommen , wird es nicht fehlen , wenn der Kreis sich sammelt , die Stunde mag es nicht erwarten , lange vor der Zeit steht es draußen und klopfet an . Grade das gleiche Sehnen und Trachten nach der Gemeinschaft ergreifet die , welche Christus angenommen haben . Es zieht sie zu den Brüdern , sie sehnen sich , das Pfand zu erhalten und das Bewußtsein zu stärken , daß sie aufgenommen seien , Christus angehören und vom Vater zu seinen Kindern gezählt werden . Es strömt eine eigene Wonne durch die Berechtigten , wenn sie weilen dürfen in den heiligen Kreisen und empfangen die heiligen Pfänder , und keiner betrachtet die Berechtigung so gleichsam als ein altes Recht , welches man ererbt hat , nichts abträgt , man jedoch nicht erlöschen lassen darf . Davon hat natürlich keinen Begriff , wer den christlichen Zug nicht in sich trägt , nicht geistigen Hunger und Durst hat , sondern bloß fleischliche Triebe und moderne Richtung nach Kneipen , Kaffeehäusern , Spektakeln von allen Sorten , kurz nach etwas Diesseitigem . Solcher Richtungen und Triebe schämt