badenschen Grund- und Erwerbspapiere geworfen , und da ihm um diese Zeit einige feurig aufmunternde Briefe ehemaliger Ordens- und Gesinnungsbrüder zukamen , des Inhalts , daß er aus der Untätigkeit hervortreten möchte , da Medon auch , ohne zuzureden , seinen Entschluß für gefaßt annahm , so war eines Morgens in einer leeren unmutigen Stunde die bindende Unterschrift unter dem ihm vorgelegten Dokumente geleistet und letzteres zur Post gefördert . Er saß nachdenklich , die Feder noch in der Hand , und überlegte den wichtigen Schritt , welchen er soeben getan , als Medon eintrat . Dieser umarmte ihn , da er das Geschehene vernommen , und rief : » So sehe ich Sie doch endlich in der rechten Straße , und dem zwecklosen Umherstreifen enthoben ! « » Es ist sehr zu wünschen , daß dem so sei « , versetzte Hermann . » Denn mein väterliches Vermögen reicht kaum zu , den Kaufpreis des Guts zu decken , und ob ich bei der Bewirtschaftung desselben sonderliche Geschäfte machen werde , steht dahin , weil ich in diesen Dingen noch völlig unwissend bin . « Wie groß war sein Schreck , als er die Verfassungsurkunde jenes Landes nachsah , was er bis jetzt unterlassen hatte , und bemerkte , daß er das wahlfähige Alter noch gar nicht erreicht habe ! Er konnte sich nicht enthalten , Medon einige Vorwürfe darüber zu machen , daß er von ihm auf diesen Umstand nicht aufmerksam gemacht worden sei . Medon lehnte dieselben jedoch ganz sanft mit der Bemerkung ab , daß er ja nicht verordnet gewesen sei , seine Jahre zu zählen , und daß er ihn nach der Reife seines Urteils und nach seinem äußeren Ansehen schließend , für älter gehalten habe . » Übrigens ist noch nichts verloren « , fügte er hinzu . » Sie sind nur als Bürgerlicher zu jung ; wenn Sie geadelt werden , besitzen Sie die erforderliche Weisheit . Wir wollen also auch diese Metamorphose versuchen , und ich werde Ihnen dazu die Mittel und Wege angeben . « Diese neue Aussicht , für deren Verwirklichung gleich allerhand geschah , vermehrte die Unruhe , welche das Wesen unsres Freundes aufregte , seitdem er in den Zauberkreis der großen Stadt getreten war . Nicht leicht ging ein Tag hin , an welchem nicht das , was ihm festzustehen schien , von andern bezweifelt , und häufig auch widerlegt worden wäre . Die Stadt war gewissermaßen eine Freistätte aller Gedanken und Meinungen , und wenn diese selbst friedlich nebeneinanderher gingen , so hatte der Anblick so vieler unvermittelter Gegensätze für den dritten Beschauer auf die Länge etwas Seelenzerstörendes . Um nur ein Beispiel anzuführen : Er hatte geglaubt , durch die Gespräche in Medons Hause über die Lage des Staats , und über das , was dessen vorzüglichste Männer hauptsächlich beschäftige , ziemlich in das Klare gesetzt worden zu sein . Wie erstaunte er , da er an einem andern Orte zufälliger Zeuge einer Unterredung wurde , aus welcher er abnahm , daß die Frage über das Verhältnis der neuen Provinzen von den eigentlichen Lenkern nur als eine untergeordnete betrachtet wurde , daß man sich vielmehr im höchsten Rate mit Dingen beschäftige , welche , weitgreifender Art , über ganz Deutschland ihre Folgen zu verbreiten bestimmt waren ! Diese ganze Welt , in welcher er sich seit einigen Monaten bewegte , kam ihm so doppeldeutig und unsicher , und trotz alles scheinbaren Lebens so tot vor , daß ihm oft übel zumute ward . Was ihn vor allem unangenehm berührte , war der Mangel jeglicher Poesie , der ihm bald anschaulich wurde . Zwar arbeitete der junge Dichter rastlos an seinen Bildern aus der Kunstgeschichte fort , und hatte für den nach Weimar mitgeteilten florentinischen Zeitraum von dort ein aufmunterndes Schreiben empfangen , » in so löblichen Bestrebungen treufleißig fortzufahren « , zwar bestanden einige literarische Gesellschaften ; aber Hermann wollte durch alles , was er hier hörte und sah , wenig erbaut werden . Was einem Fremden , wie er war , bald kein Geheimnis blieb : Es hielt niemand etwas von dem andern , und wenn sie sich auch gegenseitig besangen , so lachten sie sich im stillen doch nur untereinander aus . Vom Theater zu reden , ward beinahe für unanständig gehalten , es stand in einer Art von Verruf , warum ? ließ sich auch nicht wohl begreifen ; es war um nichts schlimmer , als manches andre , was in hohen Ehren gehalten wurde . So zwischen Staatskunst , Gelehrsamkeit und dem Enthusiasmus für Malerei eingeklemmt , fühlte Hermann recht deutlich , daß ihm nur wohl werden könne , wo der frische Glaube an die fortzeugende Kraft der Dichtung wehe . Hier aber ward alles Neue mehr oder minder höflich verneint , man hatte sich und sein ästhetisches Gewissen in der schwärmerischen Verehrung des alternden großen Autors abgefunden . Es ließ sich aber erkennen , daß mindestens ein Teil der Verehrer ihn auf gut Nicolaitisch wiederum gekreuzigt haben würde , wenn er unter ihnen neu mit dem » Werther « aufgetreten wäre . Die Tage waren kurz geworden . An einem Abende , an dem es draußen recht unheimlich stürmte , besuchte er Johannen . Er hatte gewünscht , sie allein zu finden , und es ward ihm so wohl . Sie saß in einem kleinen Zimmerchen , und hatte Briefe , getrocknete Blumen , Schattenrisse vor sich auf dem Tische ausgebreitet . An den Wänden dieses Zimmerchens hingen viele kleine Bildnisse , Freunde und Freundinnen einer glücklicheren Zeit . Ihre Augen waren verweint , sie schien matt und abgespannt zu sein . » So kommen Sie doch noch « , rief sie ihm sanft und freundlich entgegen , » das ist schön ! Der Abend ward mir unter meinen lieben Schatten hier gar zu schwer , ich kam mir selbst schon ganz vergangen vor , und meinte , zum zweiten Male zu leben . Wie es draußen stürmt , und hier