, Sie haben rein vergessen , was Sie damals über den Grafen Hohenthal sprachen , über seine Ergebenheit gegen die Franzosen , über den verwundeten Herrn St. Julien , dessen Leben ich mit Mühe erhalten hatte und der ein Spion sein sollte , der arme Mensch , der weder sprechen , noch sich rühren durfte damals ; jetzt , Gottlob ! ist er hergestellt und kann sich selbst verantworten . Haben Sie das alles ganz aus Ihrem Gedächtnisse vertilgt ? Wenn ich damals in der That solche Ansichten hatte , erwiederte der junge Lorenz mit unzerstörbarer Ruhe und Gleichgültigkeit , so habe ich sie gewiß mit allen , die etwas von den Verhältnissen des Grafen wußten , getheilt , und ich sehe nicht ein , was Sie darin beleidigen kann , und wenn Sie wirklich zur guten Gesellschaft gehören , wie Sie versichern , so werden Sie selbst einsehen , daß es nicht passend ist , mich in einem fremden Hause über eine Ansicht , die Ihnen unrichtig scheint , mit Heftigkeit zur Rede zu stellen . Nach diesen sehr ruhig gesprochenen Worten ließ er den kampflustigen Arzt stehen und nahm einen gleichgültigen Antheil an dem Gespräche seines Vaters mit dem Prediger . Der alte Lorenz hatte dem Geistlichen schon auf seine gewöhnliche heuchlerische Weise mitgetheilt , daß er ein kleines Gut für ' s Erste gepachtet habe , daß er aber wohl hoffen dürfe , es werde in Jahresfrist das Eigenthum seines Sohnes werden , der für jetzt eine Stelle als Privatsekretair bei einem bedeutenden französischen Generale annehmen würde , der mit seinen Truppen noch so lange in Preußen verweilen würde , bis die Kontributionen alle abgetragen wären ; und es ist dieß eine vernünftige Einrichtung , schloß der alte Heuchler , und Gott möge seinen Segen dazu geben , denn mein Sohn kann dem Herrn General nützlich sein in tausend Fällen , weil er die Rechte studirt hat , und kann auch wiederum manchem Freunde dienen , der die Hülfe eines Landsmannes bei dem Herrn General brauchen sollte . Es entgingen die schlechten Gründe dem Pfarrer nicht , welche die Handlungen des Sohnes wie des Vaters bestimmten , und er betrachtete den jungen Mann mit mißtrauischen Blicken , als er sich in das Gespräch mischte . Die Base des Arztes redete diesen an und begann ihm Mancherlei von ihrem verstorbenen Gemahl zu erzählen ; dadurch lenkte sich die Unterhaltung ohne Zwang auf die Bibliothek und das Naturalienkabinet , und ging endlich auf merkwürdige Krankheitsfälle über , die dem Arzte vorgekommen waren , und die sie sich umständlich erzählen ließ , so daß dessen üble Laune gänzlich schwand und er nach dem Abendessen , von ihr aufgefordert , mit Vergnügen diese Verwandte , die er sich eingestand verkannt zu haben , nach Hause zu begleiten versprach . Als sie nach einem formellen Abschiede von dem Prediger und dessen Familie , und einer kaum merklichen Verbeugung gegen Lorenz und dessen Sohn nun den Arm ihres Neffen gefaßt hatte und im hellen Mondenscheine der friedlichen Wohnung des Schulzen zuwandelte , sagte sie gutmüthig scheltend : Er hat immer noch seinen unvernünftigen Trotzkopf , Vetter ; was fing Er nur für unnütze Händel mit einem Menschen an , der ihn in ' s Unglück bringen kann ? So wie ich hörte , daß der alte Vater dem Prediger ohne Scham und Scheu erzählte , daß sein Sohn ein Franzose wird , so fing ich nur gleich mit Ihm an Allerlei zu reden und ließ mir geduldig vorerzählen , wovon ich kein Wort verstehe , damit Er nur nicht wieder mit dem schlechten , jungen Menschen in Zank und dadurch in Unglück gerathen sollte ; aber sei Er für die Zukunft vorsichtig , versprech Er mir das . Sie meinen es gut mit mir , sagte der Arzt nicht ohne Bewegung . Das habe ich immer gethan , erwiederte seine Verwandte , und umarmte und küßte ihn herzlich , da sie das Haus des Schulzen erreicht hatten . Die schlanke Marie reichte dem Vetter die Hand , die dieser höflich küßte , worüber das junge Mädchen lebhaft erröthete , und die Verwandten trennten sich in der wohlwollendsten Stimmung . Der Prediger hatte den Verdruß , daß Lorenz und sein Sohn nicht die mindeste Anstalt machten ebenfalls aufzubrechen , und er war gezwungen ihnen ein Nachtlager anzubieten , damit er sich selbst zur Ruhe begeben könnte , und dieß wurde von Beiden wie eine Sache , die sich von selbst verstände , angenommen . X Der Arzt hatte am Morgen des nächsten Tages den ihm etwas beschwerlichen Auftrag seiner Base zu besorgen , und der Gräfin ihre Ankunft und ihren Besuch für denselben Vormittag zu melden ; denn wie sehr er sich auch mit dieser Verwandten innerlich versöhnt hatte , so kostete es ihm doch Viel , seinen Hochmuth zu besiegen , und sie als Verwandte und zugleich als die ehemalige Dienerin der Gräfin zu bezeichnen . Diese war sichtlich erschreckt und erfreut durch die unerwartete Nachricht , und suchte , sobald sie nur Fassung gewann , den Arzt auf eine geschickte Art über alle beim Prediger geführten Gespräche auszufragen , aber ihre Unruhe wurde nicht gehoben , denn jenes Seele war besonders davon erfüllt , wie heldenmüthig er sich nach seiner Meinung dem Verräther , dem jungen Lorenz , gegenüber benommen hatte . Er hatte die Gräfin kaum verlassen , als diese Dübois rufen ließ , um ihm das Unerwartete mitzutheilen und ihn zu bitten , die ehemalige Dienerin zuerst zu empfangen , um ihr die nöthige Schonung zu empfehlen . Der alte Mann war bereit zu thun , wozu sein eigenes Herz ihn trieb , und er begab sich hinunter , um die Ankommende zu empfangen , ehe sie einen Diener des Hauses sprechen konnte , denn der Haushofmeister kannte aus früheren Zeiten ihre große Redseligkeit und konnte nicht wissen , ob die Veränderung ihres Standes sie zurückhaltender gemacht haben würde . Seine Geduld wurde auf keine lange Probe gestellt ; denn