abermals , noch immer halb erzürnt . » Ich bedarf nichts von alle dem , um überzeugt zu seyn , daß dieses verächtliche sich selbst Wegwerfen ihr unmöglich war , denn Liebe schützte sie damals vor jeder Erniedrigung ihrer edlern Natur ; eben jene Liebe , welche die Frau Gräfin Eugenia in so unwürdigem Lichte zu zeigen sich abmühte . « Ein unartikulirter Ausruf Hippolits , den er bei diesen Worten nur halb zu unterdrücken vermochte , wurde vom Professor nicht beachtet , der , hingerissen von dem Vergnügen Gabrielen zu vertheidigen , im Feuer seiner Rede fortfuhr . » Ich war freilich bei Gabrielens Ankunft und bei jener Tableauscene zugegen , dessen die Gräfin Eugenia so spöttisch erwähnte . Ich pflegte damals immer gern die mir zur Erholung gegönnten Stunden in dem gastfreien Hause und in dem geistreichen Kreise der Gräfin Rosenberg zuzubringen . Die kindliche Grazie , das unglaublich schüchterne Wesen des jungen Mädchens , bei dem Geiste , der unter den dunkeln Wimpern hervorblitzte , so wie die über ihr ganzes Wesen ergossene unverkennbare Traurigkeit , machten sie mir gleich in der ersten Stunde höchst interessant . Die gänzliche Verlassenheit , in der sie bald darauf oft mitten in den größten Gesellschaften , furchtsam in sich gekehrt , dastand , erregte mein innigstes Mitleid ; schon wollte ich als väterlicher Freund ihr mich nähern , aber da entdeckte ich , daß ein Andrer mir zuvorgekommen sey , der in jeder Hinsicht sich freilich besser zu ihrem Beschützer eignete als ich , ein bedeutender Künstler und wie ich späterhin vernahm , ein alter Freund ihrer Mutter . « Hippolit , der bei Erwähnung dieses Freundes sehr aufmerksam geworden war , athmete bei den letzten Worten des Professors hoch auf , mit sichtbar erleichterter Brust , und jener fuhr fort . » So begnügte ich mich denn , dem Entfalten dieser lieblichen Blume von weitem , ohne thätige Theilnahme zuzusehen . Mit unaussprechlichem Vergnügen beobachtete ich das erste Erwachen des reinsten Herzens , das vielleicht je in einer Mädchenbrust geschlagen hat . Es zu erwecken , war einem Manne beschieden , den ich vor allen andern dieses hohen Glücks werth achten mußte . Wie oft betrachtete ich mit wahrer Freude das schöne Paar , wenn beide der Zufall neben einander gestellt hatte ! Er , das Bild männlicher Hoheit , sie ganz weibliche Anmuth und Bescheidenheit . « » Er ist todt ? Er starb ? « fragte Hippolit beinahe athemlos . » Nicht daß ich wüßte , « erwiderte der Professor , er hat mit letzter Post mir geschrieben . Aber seit Jahren sind sie getrennt , und so viel man menschlicher Weise die Zukunft berechnen kann , sind sie getrennt auf immer . O hätten Sie Gabrielen damals gesehen ! Zwar ihre sterbliche Hülle wäre dem Schmerz der Trennung beinahe erlegen , doch Psyche hob die glänzenden Flügel , und schwebt noch immer in ewiger Klarheit . Darum , mein junger Freund ! trägt diese seltne Frau alles so leicht , was andre erdrücken würde , sie hat ja das Schwerste früher überwunden . « Schweigend erhob sich Hippolit von seinem Sitze , und beantwortete des Professors Bitte , dieses Gesprächs gegen niemanden zu gedenken , nur mit einem Händedruck . Dieser blickte abermals verwundert ihn an und eine leise Ahnung , daß er hier wohl Unheil gestiftet haben könne , während er durch Gabrielens Vertheidigung gegen jeden Argwohn , Gutes zu stiften gedachte , flog ihm durch den Sinn , doch blieb ihm zu keiner Aeußerung hierüber Zeit . Es ward zur Abendtafel geläutet , und Hippolit eilte , noch immer in düsterem Schweigen versunken , an seinem Arm dem jetzt hell erleuchteten Pavillon zu , wo die Gesellschaft eben im Begriff war , an mehrein kleinen Tischen sich zu ordnen . Gabriele , die den Professor schon längst vermißt hatte , trat ihm an der Thüre entgegen , um ihm in ihrer Nähe seinen Platz anzuweisen , und Hippolit nahm diesen Augenblick wahr , um sich , von jedermann unbemerkt , in das dichte wilde Gebüsch neben dem Pavillon zu stürzen . Unfähig , jetzt Gabrielens Anblick zu ertragen , irrte er planlos umher . Auf ungebahntem Wege , zwischen Felsentrümmern gelangte er in der tiefen Dunkelheit zum Eisenhammer ; über wüstes Gestein , am Rande tiefer Abgründe hin , hatte er den Weg gefunden , ohne ihn zu suchen . Die Stille der Nacht verdoppelte das dröhende Tosen der Räder , das Klopfen des Hammers . Die Gluth im hohen Ofen , um welche schwarze , wie der Unterwelt entstiegene Gestalten sich bewegten , leuchtete mit rothem Schein fernhin durch die Einöde ; die verdorrten Tannen , die wunderlichen Felsenzacken schienen im flackernden Licht zu gespenstischen Erscheinungen sich umzuwandeln und in seltsamem Tanze auf- und abzuschweben . Jede rege Phantasie mußte hier mit grausenvollen Bildern sich erfüllen . Hippolit fühlte den Eindruck , ohne sich dessen deutlich bewußt werden zu können . Ermattet an Seele und Leib , warf er sich auf die alte steinerne Bank neben dem Felsbach hin , und überließ sich dumpfen ängstlichen Träumen . Weit nach Mitternacht traf ihn dort der Förster , welcher mit seinen Hunden in den Wald wollte , um nächtlichem Holzfrevel zu wehren . Er erkannte ihn , und führte ihn auf dem kürzesten Wege nach seiner Wohnung , wo er ihn einlud , in Ernestos Stübchen bis zum Morgen zu verweilen ; denn es war zu spät geworden , als daß Hippolit noch in das Schloß hätte gelangen können , ohne die Hälfte von dessen Bewohnern aus dem Schlaf zu stören . Hippolit ließ sich schweigend alles gefallen . In der stillen Einsamkeit der einfachen engen vier Wände , zu denen nur aus der Ferne das Dröhnen des Hammers , das Rauschen der Wasserbäche herüber tönte , kam Hippolit bald wieder zu einigem Besinnen . Doch mit diesem erwachte auch das ganze volle Gefühl des Schmerzes , der , sein Innres zerreißend , durch Nacht