und getastet , und das vermeintliche Gespenst wandelte stolz und hochmütig durch die Straßen der Stadt , ließ sich » Herr Rat « titulieren , war der Reichste unter den Reichen im weiten Umkreise , und hatte es nie der Mühe wert gefunden , den ehrlichen Dienstboten des Schillingshofes für ihren ehrerbietigen Gruß auch nur mit einem Augenwink zu danken ! – Dieser Spion , dieser Horcher an der Wand , dieser Spitzbube , der dem alten Freiherrn die Gedanken aus dem Kopfe und damit Unsummen aus der Tasche gestohlen hatte ! Nie hatten sich die braven Leute so viel in der Flurhalle und im Gang zu schaffen gemacht als an diesem Nachmittage , wo sie hofften , durch eine offengelassene Tür einen Einblick in den interessanten Salon zu gewinnen und die Verwüstung zu begucken , die der » tapfere « Pirat mit der Wucht seines Sprunges angerichtet . Allein Jack stand wie eine schwarze Marmorfigur ernsthaft vor der Tür , und die stolze Bewohnerin des Zimmers , die sonst immer um diese Zeit in den Garten ging , verließ heute ihre Gemächer nicht . Zudem erschien plötzlich Baron Schilling ; und wenn er auch , durch Jack angemeldet , nur für wenige Minuten im Salon verblieben war , um sich als Herr des Hauses vom Sachverhalt zu überzeugen , so konnte er doch jeden Augenblick wiederkommen , und der finstere , verweisende Blick , mit dem er die Wißbegierigen in der Flurhalle gemessen hatte , war allen in die Glieder gefahren . Am Morgen des anderen Tages aber standen sie doch schon wieder alle am Eisengitter des Vorgartens ; sie schielten flüsternd nach dem Klosterhause und sprachen mit den Vorübergehenden , die auch zu Haufen stehen blieben – der Bäckerjunge hatte die Nachricht von dem Tode des Rates mitgebracht . Die Leute waren nicht wenig erstaunt , als eine Magd vom Klostergute mit verweinten Augen hastig und schweigend an ihnen vorüber nach dem Säulenhause schritt und gleich darauf mit Donna Mercedes zurückkam . Sie hielt sich in scheuer Entfernung hinter der schönen , schlanken Frau , die ein schwarzes Spitzentuch über den Kopf und die Büste geworfen hatte , und die kleine Paula an der Hand führte . Alles wich scheu zur Seite vor der schwebenden majestätischen Erscheinung , die mit ihren feinbekleideten Füßen zum erstenmal den Gehweg vor dem Eisengitter betrat , um gleich darauf im Mauerpförtchen des Klostergutes zu verschwinden . Es war der Majorin nicht so gut geworden , wie sie gehofft und gewünscht , sie hatte nicht am Schillingshof anklopfen und Einlaß begehren können , um bei den Enkeln , den einzigen Wesen auf der Welt , die zu ihr gehörten , Trost und Beruhigung zu suchen . Als der erste Schein des ersehnten Frührots am Himmel aufgeflogen war , die Vögel im Gebüsch sich geregt und die Haushähne auf dem Hinterhofe ihren Weckruf in die Morgenstille hineingeschickt hatten , da war auch ein seltsames Raunen und Regen jenseits des Hintergebäudes laut geworden . Sie hatte gehört , wie die Mägde nach ihr riefen und sie ohne Zweifel im ganzen Hause suchten . Aber sie hatte sich nicht finden lassen wollen ; für sie gab es keinen Weg mehr zu dem Bruder zurück . Sie war von der Bank aufgestanden und förmlich flüchtenden Fußes nach der Tür geschritten , die in die öde Straße führte , bis der alte Knecht des Hauses , Thomas , suchend den Kopf durch die Gartentür gesteckt und ihr eine grauenhafte Botschaft nachgerufen hatte ... Vorbei war alles , alles ! – Da auf der Tragbahre , die man inmitten des Hausflurs niedergestellt hatte , lag das Ende eines mehr als dreihundertjährigen Wirkens und Strebens , lag der Stürmische , Gewalttätige , der zuletzt mit bösen Dämonen gerechnet , in der wahnsinnigen Sucht , alles weit zu überbieten , was die Altvorderen geleistet hatten . Tränenlosen Auges war sie nach dem Refektorium gewankt , hatte die Tür weit zurückgeschlagen und den Leuten stumm gewinkt , den letzten Herrn des Klostergutes in das stolzeste Zimmer des Hauses zu tragen . Sie hatte eigenhändig seinen kleinen Sohn neben ihn gebettet und dann an den getäfelten Wänden die massiv silbernen Armleuchter befestigt , die zum letztenmal bei Veits Taufe gestrahlt hatten – noch einmal sollte ihr Kerzenlicht aufflammen , dann leuchteten sie keinem Wolfram wieder . Wie eine Schlafwandelnde ging sie umher ; ihre Schläfen hämmerten und das Blut fieberte ; aber was geschehen mußte , das wurde getan mit übermenschlicher Willenskraft und Selbstüberwindung , und später , als es still im festverschlossenen Hause geworden war , ließ sie Donna Mercedes sagen , sie könne heute nicht kommen – sie müsse Totenwache auf dem Klostergute halten . Da war es nun freilich , als schwebe über den Gerüsten , die sich in der verhängnisvollen Nacht aufgetan hatten , eine holde Psyche empor – das kleine , blondlockige Mädchen im weißen Kleide flatterte an Donna Mercedes ' Hand in die düstere Flur des Klosterhauses ; aber es sah sich plötzlich mit großen , erschreckten Augen um und steckte das kleine Gesicht in die Kleiderfalten der Tante , genau so , wie es einst der arme , kleine Knabe im blauen Samtröckchen getan hatte . Und die Frau , die damals ihr Kind heftig gescholten hatte , weil sie stets der Meinung gewesen war , es gäbe nichts Stolzeres , Gediegeneres , kein Haus , das mehr anheimeln könnte als ihr Vaterhaus auf dem Klostergute , sie ließ jetzt unwillkürlich den Blick über die Wände und das schwarzbraune Deckengebälk hinfliegen , und da war es , als sei droben alles verschoben und verzogen wie ein über Nacht gealtertes , aus den Linien gegangenes Gesicht , als sei mit dem letzten gebrochenen Manneswillen , der drin auf der Bahre lag , auch das uralte » Falkennest « der Wolframs morsch geworden , und die schiefen Balken mußten demnächst wie Späne zersplittern unter der Wucht der von oben herabstürzenden Mauertrümmer , in welche der düstere Mönchsbau zusammensinke