Johannes ! “ „ Nun , sieht man so was alle Tage ? “ brummte der alte Heim stolz . „ Ich hab ’ s ja immer gesagt , die wird noch einmal schön ! “ „ Hört , sie ist himmlisch , und ich muß sie lieb haben ! Jetzt macht mit mir , was Ihr wollt , “ flüsterte Angelika und flog , ohne sich um Mann und Mutter zu kümmern , auf die in qualvoller Verlegenheit Dastehende zu : „ Fräulein Ernestine , kennen Sie mich noch ? “ Ernestine sah sie einige Sekunden an . „ Das kann nur die kleine Angelika sein . “ „ Richtig erraten , “ sagte die junge Frau , stellte sich auf die Zehen und drückte ihre purpurnen Lippen auf Ernestinens feinen Mund . Jetzt näherte sich auch Moritz und sagte in seiner barschen , humoristischen Weise : „ Und ich bin der Mann von der Frau . Nebenbei nenne ich mich Kern und bin einer der Unholde , die den Mut hatten , einer so schönen Dame unsern Hörsaal zu verschließen ! “ Ernestine sah ihn groß an , sie fand sich indessen rasch in die Art des originellen Mannes und ein Lächeln überflog ihre Züge . „ Na , “ fuhr er fort , „ es reut mich nicht , nachdem ich Sie gesehen , denn , wenn die Burschen solch einen Kommilitonen neben sich sitzen hätten , lernte ja keiner mehr was ! “ Ernestine schlug die Augen nieder und schwieg betroffen und beschämt . Moritz beobachtete sie eine Zeit lang , dann gab er Johannes einen wohlgemeinten Schlag auf die Schulter und flüsterte ihm zu : „ Na , übelnehmen kann ich Dir ’ s nicht , wenn Dir die gefällt . “ „ So sind die Männer , “ sagte die Staatsrätin leise zu Frau Professor Meibert . „ Meinen Schwiegersohn , der sonst kein Frauenzimmer ansieht , hat sie schon gewonnen mit ihrer hübschen Larve . “ , Ja und sehen Sie ’ mal , mein Alter steuert auch auf sie los , “ war die Antwort . „ Aber still und anständig ist sie , das muß man sagen . “ „ Stille Wasser sind tief ! “ meinte die Staatsrätin . „ Ja , ja ! Ei ja ! “ bestätigte die Andere . „ Was meinen Sie , Herr Professor , “ sagte die Gattin Tauns zu Herbert und blickte bewundernd nach Ernestinen , „ da könnten wir nächsten Winter lebende Bilder stellen , wie ? Was meinen Sie , die und Angelika als die beiden Leonoren70 — wie ? “ „ Aber , liebste Taun , “ sagte Frau Berk , „ Angelika kann nächsten Winter ja nicht in Bildern stehen ! “ „ Ach daran dachte ich nicht ! Ei , ei , ei , über die jungen Frauen ! — Schade , meine Tochter ist zu brünett . Zwei Brünetten nebeneinander , das paßt nicht . “ „ Stellen Sie doch Herkules und Omphale.71 Teilen Sie der Hartwich die Omphale zu und setzen Sie Professor Möllner an den Spinnrocken . Das wird ein recht lebensvolles Bild werden ! “ bemerkte Herbert . „ Sie sind ihr nicht hold , wie ich höre , “ sagte Frau Taun , „ aber seit ich sie sehe , kann ich nicht mehr an all das Schlechte glauben , was man von ihr erzählt . Auch ist wohl Möllner nicht der Mann , der sich an das Spinnrad setzen ließe — selbst wenn sie eine Omphale wäre . Ihr Vergleich paßt also nicht hierher . “ Herbert zuckte wieder die Achseln . „ Nun , meine liebe Freundin , “ hörte man jetzt Möllners kräftige Stimme , „ erlauben Sie mir , Sie mit Ihren Freunden und Feinden näher bekannt zu machen . Sehen Sie hier , das ist ein alter Freund von Ihnen , Professor Hilsborn . Erinnern Sie sich seiner noch ? “ Ernestine besann sich , aber es fiel ihr nicht ein , wer es sein könne . „ Wir trafen uns einmal in einer Kindergesellschaft , “ erklärte Hilsborn , „ und Sie wetteiferten mit uns im Werfen von Steinen nach einer Glaskugel der Fontaine . Sie besiegten uns Alle und zogen deshalb viel Neid und Anfeindungen auf sich . “ Ernestine errötete . „ O ja , jetzt weiß ich — Sie waren ein sanfter , freundlicher Knabe , der Pflegesohn des Herrn Heim — aber wo — wo ist Heim ? “ „ Er ist hier , “ sagte der alte Herr und schaute sie mit seinen durchdringenden Augen forschend an . Ernestine reichte ihm die Hand , aber sie ertrug seinen Blick nicht und sah zu Boden . „ O Vater Heim , darf ich Sie noch so nennen ? “ „ So ist ’ s recht , “ rief der Alte . „ Also doch noch nicht vergessen ? “ Und er nahm ihren Kopf in beide Hände . „ Wie könnte ich Sie vergessen , der mich einst aus Lebensgefahr errettet ? “ „ Na , “ sagte Heim so leise , daß es kein Anderer hören konnte , „ weißt Du Kind , ich habe Dich immer lieb behalten , ich nehme Dich vor Allen in Schutz . Aber Dir unter vier Augen kann ich ’ s sagen , daß mir das Herz um Dich blutet , und wenn ich nicht hoffte , daß all das dumme Zeug in dem kleinen Kopf da doch endlich heraus und was Besseres hineinkommt , so sollte mir die Mühe leid tun , womit ich ihn seinerzeit wieder zusammengeflickt habe . Na , nichts für ungut , Du wirst von mir so was nicht hören wollen , vielleicht gibt es Einen , von dem Du Dir ’ s lieber sagen läßt . Und nun segne Gott Deinen Eingang in dieses Haus ! “ Ernestine erwiderte nichts , aber sie hatte tief empfunden , was er meinte