ihre Tochter an , » und sprich erst mit Eberhard . « Jedoch Emilie hatte ihren Bruder in den neun Jahren ihrer Ehe nicht gesehen und fürchtete sich vor der Begegnung noch mehr als ihre Mutter . Die Freifrau in ihre Wohnung zu bringen , daran war ganz und gar nicht zu denken ; die alte Dame hatte offenbar vergessen , daß sie dem Grafen Urlich vor mehreren Jahren , als es bekannt geworden war , daß er die Bonne seines Kindes geschwängert , in den stärksten Ausdrücken ihr Haus verboten hatte . Da sich die Freifrau beharrlich weigerte , in ihre Stadtwohnung zurückzukehren und ebensowenig Lust bezeigte , wieder nach Siegmundshof zu fahren , blieb Emilie nichts anderes übrig , als sie in ein Hotel zu führen . Herr Carovius , der den zwei Damen auf die Straße gefolgt war und ihr klägliches Gebaren mit innigem Genuß verfolgt hatte , schlug den Bayrischen Hof vor . Er setzte sich auf den Bock , gab dem Kutscher mit leutseliger Miene Anweisung und blickte triumphierend auf die Fußgänger hinunter . Gräfin Emilie , die sich keinen Rat mehr wußte , sandte eine Depesche an ihre Tante Agathe . Am nächsten Mittag kam Frau von Erfft mit ihrer Tochter Sylvia . » Clotilde ist wie von Sinnen , « sagte sie zu Emilie , nachdem sie eine Stunde lang im Zimmer der Schwester gewesen war ; » ich gehe jetzt zu deinem Vater , ich muß einmal mit Siegmund reden . « Der Freiherr empfing seine Schwägerin nicht eben freundlich , trotzdem er gerade vor ihr immer große Achtung gehabt hatte . Frau von Erfft vermied es klüglich , über die Familienverhältnisse zu sprechen . Sie erzählte von Sylvia , daß die nun Siebenundzwanzigjährige alle Heiratsvorschläge gleichmütig abgewiesen habe und daß sie und ihr Mann darüber in Sorge seien . » Sie will sich nicht begnügen , « sagte Frau Agathe , » sie sucht in der Ehe eine Mission und fürchtet nichts so sehr wie den Verlust ihrer Freiheit . So sind unsere Kinder , lieber Siegmund , und wenn wir sie anders zur Welt gebracht hätten , wären sie anders . Zu unserer Zeit war Gehorsam das Ideal , jetzt haben sie die Pflicht gegen sich selbst entdeckt . « » Dann sollen sie nur sich selber helfen , « antwortete der Freiherr , der die Anspielung verstand , mit finsterem Blick . Aus den wirren Reden ihrer Schwester hatte Agathe doch entnommen , was zwischen den Eheleuten vorgefallen war . Sie kannte die schmerzliche Vergangenheit , und als sie nun in das Gesicht des Mannes schaute , erriet sie , was hier nötig war . Sie faßte den Entschluß , Eberhard zu seinem Vater zu führen . Vor allem wollte sie Clotilde beruhigen und zur Rückkehr in ihre Häuslichkeit veranlassen . Die Aufgabe war bei der Schwäche und Haltlosigkeit der Freifrau nicht schwer . Sylvia blieb bei ihrer Tante , und ihre stille Festigkeit übte einen wohltuenden Einfluß auf sie aus . Agathe hatte sich unterdessen Eberhards Adresse verschafft . Nach einigem Suchen fand sie das Haus ; Eberhard war daheim . 4 Die erste Unterredung mit ihm verlief ohne Resultat . Er wich ihren mutigen Worten aus und überhörte , was er nicht hören wollte . Er war zugeknöpft , höflich und verdrossen . Voll Ärger berichtete Agathe ihrer Tochter von der Enttäuschung , die sie erlitten , da äußerte Sylvia den Wunsch , ihre Mutter zu begleiten , wenn sie wieder zu Eberhard ging . Agathe schüttelte den Kopf , doch war sie keineswegs gesonnen , ihre Absicht aufzugeben . Im freiherrlichen Hause änderte sich nichts . Baronin Clotilde befand sich dauernd in einer Erregung , die sie und alle , die um sie waren , quälte , und der Baron bildete ein beunruhigendes Rätsel für seine Umgebung . Er verließ seine Zimmer nie , in denen er viele Stunden lang mit gleichmäßigen Schritten , die Hände auf dem Rücken , hin und her wanderte . Agathe kam ein zweites , ein drittes , ein viertes Mal zu ihrem Neffen . Wenn auch Eberhards Kälte unüberwindlich schien und er sich um nichts nachgiebiger zeigte , so gelang es ihr allmählich doch , ihn aus seinen Hinterhalten zu reißen , und als sie dann Sylvia mitbrachte , die bei der Mutter wie gewöhnlich ihren Willen durchgesetzt hatte , eröffnete er sich plötzlich ganz unerwartet , und man sah , wie es in seinem Innern kämpfte . Stockend und in seiner nicht selten gespreizten und schnörkelhaften Redeweise erzählte er von seiner Jugend , dem ewigen Unfrieden zwischen Vater und Mutter , dem häßlichen Gezänke ; daß die Mutter , kaum hatte sie einen Befehl erteilt , stets Gegenbefehl vom Vater erfahren ; wie die Kinder bald gemerkt , daß der Vater seine eigenen Wege ging und die Mutter ihre eigenen ; daß sie einander mißtraut , einander Fallen gelegt ; daß die Mutter bei all ihrer liebenswürdigen Sanftmut doch in dem einen Punkt von geradezu teuflisch zu nennendem Drang besessen gewesen sei , den Mann immer wieder dort zu reizen , zu stacheln und zu verwunden , wo sie ihn schon tausendmal gereizt , gestachelt und verwundet hatte ; daß dieser Mangel an Vernunft und Überlegenheit auf der einen und von Güte und Offenheit auf der andern Seite das Haus allmählich zu einer Hölle gemacht , die Herzen der aufwachsenden Kinder zerrissen und in der Zerrissenheit verhärtet habe und sie keine freundliche Miene irgend eines Menschen für aufrichtig genommen , jede Hand , die sich ihnen entgegengestreckt , gemieden hätten . Wie dann in dieser liebeleeren Ödnis sich Bruder und Schwester leidenschaftlich aneinander geklammert und diese Beziehung sowohl in Eberhards wie in Emiliens Innern heiligster , unantastbarer Besitz geworden und sie förmlich einen Bund gegen alle übrige Welt geschlossen , sich alles mitgeteilt , stets beraten , jedes Buch gemeinsam gelesen , Glück und Unglück gemeinsam getragen hätten ; wie dann eines Tages der Vater vor Emilie hingetreten ,