von Kannawurf nach . » Grauenhaft ist mir der Mensch « , flüsterte sie . Caspar blieb völlig teilnahmslos . Frau von Kannawurf begleitete ihn schweigend nach Hause . Als er in seinem Zimmer war , bekamen seine Augen einen geisterhaften Glanz und flammten in der Dämmerung wie zwei Glühwürmer . Er stellte sich in die Mitte des Raumes , und vom Kopf bis zu den Füßen zitternd , sagte er in beschwörendem Ton folgendes : » Kenn ich dich , so nenn ich dich . Bist du die Mutter , so höre mich . Ich geh zu dir . Ich muß zu dir . Einen Boten schick ich dir . Bist du die Mutter , so frag ich dich : warum das lange Warten ? Keine Furcht hab ich mehr , und die Not ist groß . Caspar Hauser heißen sie mich , aber du nennst mich anders . Zu dir muß ich gehn ins Schloß . Der Bote ist treu , Gott wird ihn führen und die Sonne ihm leuchten . Sprich zu ihm , gib mir Kunde durch ihn . « Plötzlich ergriff ihn eine sonderbare Ruhe . Er setzte sich an den Tisch , nahm einen Bogen Papier und schrieb , ohne daß ihn die Dunkelheit hinderte , dieselben Worte nieder . Darauf faltete er den Bogen zusammen , und da er kein Wachs besaß , zündete er die Kerze an , ließ das Unschlitt aufs Papier träufeln und drückte das Siegel darauf , das ein Pferd vorstellte mit der Legende : Stolz , doch sanft . Es verging eine halbe Stunde ; er saß regungslos da und lächelte mit geschlossenen Augen . Bisweilen schien es , als bete er , denn seine Lippen bewegten sich suchend . Er dachte an Schildknecht . Er wünschte ihn herbei mit aller Kraft seiner Seele . Und als ob diesem Wünschen die Macht innegewohnt hätte , Wirklichkeit zu erzeugen , schallte auf einmal vom Hof herauf der wohllautende Triolenpfiff . Caspar ging zum Fenster und öffnete ; es war Schildknecht . » Ich komm hinunter « , rief ihm Caspar zu . Unten angelangt , packte er Schildknecht beim Rockärmel und zog ihn durch das Pförtchen auf die einsame Gasse . Dort forderte er ihn stumm auf , ihm weiter zu folgen . Bisweilen hielt er zögernd inne und spähte umher . Sie kamen beim Häuschen des Zolleinnehmers vorüber und auf einen Wiesenplan . Auf dem Rain stand ein Bauernwagen . Caspar setzte sich auf die Deichsel und zog Schildknecht neben sich . Er näherte seinen Mund dem Ohr des Soldaten und sagte : » Jetzt brauch ich Sie . « Schildknecht nickte . » Es geht um alles « , fuhr Caspar fort . Schildknecht nickte . » Da ist ein Brief , « sagte Caspar , » den soll meine Mutter bekommen . « Schildknecht nickte wieder , diesmal voll Andacht . » Weiß schon , « antwortete er , » die Fürstin Stephanie - « » Woher wissen Sies ? « hauchte Caspar betroffen . » Habs gelesen . Habs in dem Buch vom Staatsrat gelesen . « » Und weißt auch , wo du hingehen mußt , Schildknecht ? « » Weiß es . Ist ja unser Land . « » Und willst ihr den Brief geben ? « » Will es . « » Und schwörst bei deiner Seligkeit , daß du ihr selber den Brief gibst ? aufs Schloß gehst ? in die Kirche , wenn sie dort ist ? ihren Wagen aufhältst , wenn sie auf der Straße fährt ? « » Ist kein Schwören nötig . Ich tus , und wenns Knollen regnet . « » Wenn ichs tun wollte , Schildknecht , ich käm nicht bis ins nächste Dorf . Sie würden mich abfangen und einsperren . « » Weiß es . « » Wie willst dus anstellen ? « » Bauernkleider anziehen , bei Tag im Wald schlafen , bei Nacht laufen . « » Und wo den Brief verstecken ? « » Unter der Sohle , im Strumpf . « » Und wann kannst du fort ? « » Wanns beliebt . Morgen , heute , gleich , wenns beliebt . Ist zwar Fahnenflucht , macht aber nichts . « » Wenns gelingt , macht es nichts . Hast du Geld ? « » Nicht einen Taler . Macht aber nichts . « » Nein . Geld ist nötig . Brauchst viel Geld . Geh mit mir , ich hole Geld . « Caspar sprang empor und schritt in der Richtung des Imhoffschlößchens voran . Am Tor gebot Caspar dem Soldaten zu warten . Er ging hinein und sagte zum Pförtner , er müsse Frau von Kannawurf sprechen . Es war etwas in seinem Aussehen , was dem alten Hausmeister Beine machte . Frau von Kannawurf kam ihm alsbald entgegen . Sie führte ihn über eine Stiege in einen kleinen Saal , der nicht erleuchtet war . Ein wandhoher Spiegel glitzerte im Mondschein . Der Pförtner machte Licht und entfernte sich zögernd . » Fragen Sie mich nichts , « sagte Caspar mit fliegendem Atem zu der Freundin , die keines Wortes mächtig war , » ich brauche zehn Dukaten . Geben Sie mir zehn Dukaten . « Sie blickte ihn ängstlich an . » Warten Sie « , antwortete sie leise und ging hinaus . Es dünkte Caspar eine Ewigkeit , bis sie wiederkam . Er stand am Fenster und strich beständig mit der einen Hand über seine Wange . Still , wie sie gegangen , kehrte Frau von Kannawurf zurück und reichte ihm eine kleine Rolle . Er nahm ihre Hand und stammelte etwas . Ihr Gesicht zuckte über und über , ihre Augen schwammen wie im Nebel . Verstand sie ihn ? Sie mußte wohl ahnen ; doch sie fragte nicht . Ein trübes Lächeln irrte um ihre Lippen , als sie Caspar hinausbegleitete . Sie war ergreifend schön in diesem Augenblick . Schildknecht lehnte