. Auf dem Dorfe war man wie in einem dunklen , engen , dumpfen Zimmer , in welches das Licht höchstens durch Ritzen und Klinzen eindringt . Da draußen in der Welt , in der Stadt , da winkte das große , rauschende Glück , das Vergnügen , die Freiheit , die Selbständigkeit ! - So gab er denn seiner Schwester Ernestine , als sie Halbenau verließ , seine Papiere mit , die sie Häschke übergeben sollte . Das Mädchen ging der Zukunft leichten Herzens entgegen . Sie hatte bereits der vorige Sommer der Heimat entfremdet . Sie lebte längst mit ihren Gedanken und Plänen in einer neuen Welt , die mit dem ländlichen Heim wenig gemein hatte . Ein Vaterhaus , von dem sie hätten Abschied nehmen müssen , gab es ja für die Büttnerschen Kinder nicht mehr . Um die Zukunft machte sich die leichtfertige Ernestine wenig Sorge . Häschke verdiente jetzt zwanzig Mark in der Woche . Mit der Zeit hatte er Aussicht , Monteur zu werden , so schrieb er selbst . Außerdem konnte man zur Verbesserung des Einkommens ja auch Kostgänger und Schlafburschen aufnehmen . Ein größeres Quartier war darauflos schon gemietet worden . Das Mädchen würde vielleicht nicht einmal vom Vater Abschied genommen haben , wenn nicht Gustav es ausdrücklich von ihr verlangt hätte . Der Abschied war kühl und steif . Ernestine , die doch sonst nicht gerade auf den Mund gefallen war , wußte dem Vater kein liebes Wort zu sagen . Der alte Mann brachte es auch zu keiner herzlichen Äußerung dem letzten Kinde gegenüber , das nun von ihm ging . * * * Karl war , nachdem man seine Wunde im Kretscham notdürftig gewaschen und verbunden hatte , in seine Behausung nach Wörmsbach geschafft worden . Nachdem ihm der Arzt das dichte Haar rings um die Wunde abgeschnitten hatte , fand sich , daß die Schädeldecke stark verletzt war . Es mußte geradezu ein Wunder genannt werden , daß er mit dem Leben davon gekommen war . Die Heilung ging langsam vonstatten . Seine Frau leistete in dieser Zeit Übermenschliches . Der Kranke war trotz seiner Schwäche nicht leicht zu pflegen , er delirierte stark . Die Nahrung mußte ihm auf künstlichem Wege zugeführt werden . Therese hatte sich bis dahin nie sonderlich um die Krankenpflege gekümmert ; jetzt ließ die Not sie auch diese Dienste erlernen . Sie mußte dazu die Kinder versorgen , das Hauswesen im Gange erhalten , dabei kein Geld im Hause ! Denn Karl hatte in der Periode seiner Liederlichkeit alles bis auf einen kleinen Rest vertan . Und nun kam das Frühjahr heran ; da hätte das Feld bestellt werden mögen . Wovon sollte man denn die Pacht an Harrassowitz bezahlen ? Sam war schon einmal dagewesen . Er zeigte sich sehr ungehalten . Wenn es nicht besser werde , müsse er sie heraussetzen . Säufer und Nichtstuer könne er nicht gebrauchen . Was blieb für Therese da anderes übrig , als selbst das Feld zu bestellen ! Die Kühe hatte Harrassowitz inzwischen weggenommen . Sie spannte sich also vor die Egge . Der älteste Junge , kaum sechs Jahre alt , mußte mit Hacke und Schaufel hantieren . Es galt die größten Anstrengungen , denn wenn Harrassowitz sein Wort wahrmachte , dann blieb ihnen nichts als das Armenhaus . Daß Karl jemals wieder zu vollen Kräften kommen werde , war unwahrscheinlich . Auch nachdem die Kopfwunde verheilt war und das Fieber nachgelassen hatte , blieb ein allgemeiner Schwächezustand zurück . Die Sprache hatte gelitten ; bestimmte Laute vermochte die Zunge überhaupt nicht mehr zu bilden . Das Gedächtnis war geschwächt . Karl , der sich niemals durch besondere Geistesgaben ausgezeichnet hatte , war völlig zum Trottel geworden . Eines Tages , als Therese vom Felde heimkehrte , fand sie den Kretschamwirt von Halbenau bei Karl sitzen . Kaschelernst schien bereits eine ganze Weile mit ihm gewesen zu sein . Was die beiden zusammen gesprochen , erfuhr Therese nicht . Der alte Kaschel machte einen durchaus vergnügten Eindruck . Er spielte sich ganz auf den Unbefangenen ; meinte , er sei nur im Vorübergehen mal eingetreten , um zu sehen , wie sie eigentlich lebten . Was zu essen hatte er mitgebracht - auch ganz zufällig , wie er behauptete - einige Würste und einen Schinken . Die ließ er da , damit Karl davon esse und wieder zu Kräften kommen möge . » Er is wie a bissel dumm im Koppe ! « sagte Kaschelernst zu Theresen , als er in sein Korbwägelchen gestiegen war . » Er meent , er kann sich uf nischt nich mehr besinnen , meent er . « Dabei beobachtete er , durch sein verschmitztes Lächeln hindurch , Theresens Miene genau . » Weeß er denne gar nischt mehr , wie er damals hingefallen is , in der Besoffenheet und sich das Luch in Kupp geschlagen hat ? - he ! « » Ar is ne gefallen ! « erwiderte Therese . » Ibern Kupp ha ' n se ' n gehaun . « » Soit Karl su ? « » Ne ! ar soit ' s ne , weil daß er vun nischt ne mih was weeß . « » Wer soit ' s denne ? « » Nu , was de Leite sen , die soin ' s alle , ' s hätt ' ' n eener ibern Kupp gehaun . « Kaschelernst schnalzte mit der Zunge . » De Leute raden vill , was ne wahr is . - Desderwegen ... « Vergnügt schmunzelnd fuhr er von dannen . Wenige Tage darauf erschienen zwei Herren vom Gericht bei Karl Büttner . Es handelte sich um die Voruntersuchung gegen Richard Kaschel . Karl wurde aufs eingehendste vernommen . Viel war freilich nicht aus ihm herauszubekommen . Er wußte nur noch wenig von jenem für ihn so verhängnisvollen Abend im Kretscham zu Halbenau . Darüber , wie er zu der Wunde am Kopfe gekommen , vermochte