aufhören würden , sich vor Frankreich zu fürchten , dessen Mithilfe sie benötigten . So würde sich die allgemeine Entwaffnung von selber einstellen , das Prinzip der Eroberung wäre auf immer aufgegeben und die Konföderation der Staaten würde ganz natürlich einen obersten Gerichtshof internationaler Gerechtigkeit bilden , welcher im stande sein wird , auf dem Wege des Schiedsrichteramtes alle Streitigkeiten zu schlichten , welche der Krieg niemals zu entscheiden vermocht . Indem es so handelte , würde Frankreich die einzig reelle und einzig dauerhafte Kraft - nämlich das Recht - auf seine Seite gebracht , und dem Menschengeschlecht auf ruhmreiche Weise eine neue Ära eröffnet haben . « ( Opinion Nationale 25. Juli 1868 . ) Beachtung hat dieser Artikel natürlich wieder nicht gefunden . Im Winter 1868 bis 1869 kehrten wir nach Paris zurück und diesmal - auch von dieser Seite wollten wir das Leben kennen lernen - stürzten wir uns in die » große Welt « . Es war ein etwas ermüdendes , aber für einige Zeit doch recht genußreiches Treiben . Wir hatten - um ein Zuhause zu haben - uns ein kleines möbliertes Hotel im Viertel der Champs Elisées gemietet , wo wir unseren zahlreichen Bekannten , bei denen wir täglich zu irgend welchen Festen geladen waren , auch manchmal » revanche « bieten konnten . Von unserem Gesandten beim Tuilerienhofe eingeführt , waren wir für den ganzen Winter zu den Montagen der Kaiserin vergeben ; außerdem standen uns die Häuser sämtlicher Botschafter offen , so wie die Salons der Prinzessin Mathilde , der Herzogin von Mouchy , der Königin Isabella von Spanien und so weiter . Auch viele litterarische Größen lernten wir kennen - den größten freilich nicht , denn dieser , ich meine Viktor Hugo , lebte in der Verbannung ; doch sind wir Renan , Dumas , Vater und Sohn , Octave Feuillet , George Sand , Arsène Houssaye und einigen Anderen begegnet . Bei dem Letztgenannten haben wir auch einen Maskenball mitgemacht . Wenn der Verfasser der » Grandes dames « in seinem prachtvollen kleinen Hotel der Avenue Friedland eines seiner venetianischen Feste gab , so war es Gewohnheit , daß daselbst die wirklich großen Damen unter dem Schutze der Maske sich in der Nähe die » kleinen Damen « - bekannte Schauspielerinnen u. dgl. - besahen , welche hier ihre Diamanten und ihren Witz funkeln ließen . Wir waren auch sehr fleißige Theaterbesucher . Mindestens dreimal wöchentlich verbrachten wir die Abende entweder in der italienischen Oper , wo Adelina Patti - eben mit dem Marquis de Caux verlobt - die Zuhörerschaft entzückte , oder im Théâtre Francais , oder auch in einem der kleineren Boulevard-Theater , um Hortense Schneider als Großherzogin von Gerolstein oder andere Operetten- und Vaudeville-Berühmtheiten zu sehen . Es ist doch sonderbar , wie , wenn man in diesen Wirbel des Glanzes und der Unterhaltungen gestürzt ist , wie einem diese kleine » große Welt « plötzlich so schrecklich wichtig vorkommt und die darin waltenden Gesetze von Eleganz und » chic « ( damals hieß es noch » chic « ) eine Art ganz ernsthaft genommener Pflichten auferlegen . Im Theater einen geringeren Platz einnehmen , als eine Prosceniumsloge ; in den Bois mit einem Wagen sich zeigen , dessen Gespann nicht tadellos wäre ; auf den Hofball gehen , ohne eine von Worth » unterschriebene « 2000 Franks-Toillette zu tragen ; sich zu Tische setzen ( Madame la baronne est servie ... ) , auch wenn man keine Gäste hat , ohne sich von dem würdevoll amtierenden maître d ' hotel und einigen Lakaien die feinsten Gerichte und edelsten Weine auftragen zu lassen : - das wären alles arge Verstöße ... Wie leicht - wie leicht geschieht es einem , wenn man von dem Räderwerk solcher Existenz erfaßt worden , daß man alle seine Gedanken und Gefühle auf dieses im Grunde gedanken- und gefühllose Treiben verwendet ; daß man darüber vergißt , Anteil zu nehmen an dem Gang der wirklichen Welt da draußen - ich meine das Universum - und an dem Bestande der eigenen Welt da drinnen - ich meine das häusliche Glück . Mir wäre es vielleicht so ergangen - aber davor schützte mich Friedrich . Er war nicht der Mann dazu , sich von dem Strudel der Pariser » haute vie « hinreißen und verschlingen zu lassen . Er vergaß über der Welt , in der wir uns bewegten , weder das Universum , noch unseren Herd . Ein paar Vormittagsstunden blieben uns nach wie vor der Lektüre und der Familie geweiht , und so brachten wir das größte Kunststück fertig , neben dem Vergnügen auch das Glück zu pflegen . Für uns Österreicher hegte man in Paris viel Sympathie . Oft wurde in politischen Gesprächen auf eine » Revanche de Sadowa « angespielt , so gewiß als müßte die uns vor zwei Jahren geschehene Unbill wieder gut gemacht werden . Als ob sich überhaupt derlei wieder gut machen ließe ! Wenn Schläge nicht anders zu tilgen sind , als wieder durch Schläge - dann kann das Ding ja niemals aufhören . Gerade meinem Mann und mir , weil dieser beim Militär gewesen und den böhmischen Feldzug mitgemacht , gerade uns glaubten die Leute nichts Angenehmeres und Höflicheres sagen zu können , als eine hoffnungsvolle Anspielung auf die bevorstehende Sadowa-Rache , welche bereits als ein geschichtliches , das » europäische Gleichgewicht « sicherndes und durch politisch-diplomatische Vorkehrungen gesichertes Ereignis behandelt wurde . Eine bei nächster Gelegenheit den » Preußen « zu gebende Schlappe war eine völkerpädagogische Notwendigkeit . Die Sache würde nicht tragisch ausfallen ... nur so etwas den Übermut gewisser Leute dämpfen . Vielleicht genügte zu diesem Zwecke auch schon diese an der Wand hängende Peitsche : sollte der Übermütige etwa kecke Anwandlungen bekommen , so war er ja gewarnt , daß sie auf ihn heruntersausen werde - die Revanche de Sadowa . Wir lehnten natürlich solche Tröstungen entschieden ab . Altes Unglück wird durch neues Unglück nicht verwischt , ebensowenig als altes