Der gute Mensch « , murmelte er gerührt . » Wie er sich nun gar selbst anklagt , und er hat mir doch gewiß geraten , so gut er ' s verstanden hat . Zum Glück irrt er sich obendrein , er weiß ja nicht , was für einen Lehrer ich inzwischen gehabt habe und was ich schon kann ... Freilich , nun reise ich erst gegen Ende Februar , aber an den drei Wochen kann doch mir nichts liegen und dem Herrn Prior hoffentlich auch nicht .... Aber dieser Stickler - prügeln sollt ' man ihn , solche Lügen auszusprengen : wegen fünfzig Gulden - hahaha ! « Er lachte vergnügt auf . Auch Pater Marian wünschte ihm aufrichtig Glück . » Das scheint ein redlicher und verständiger Mann « , sagte er . » Du bist in guten Händen .... Und daß sich Dawison für dich interessiert , kann dir einmal sehr nützen .... « » Gewiß « , sagte Sender . » Aber wenn er « , fügte er zögernd bei , » nur dabei bleibt , auch wenn ich berühmt geworden bin . Künstler sind oft sehr auf einander neidisch . In meinem Lesebuch steht eine Geschichte von Talma - « » Nun « , lachte der Pater , » für einige Jahre hat ja wohl Dawison noch keinen Grund dazu ... « Sender errötete . » Natürlich ... Aber ich werd ' nie neidisch sein ... « Sie lasen heute die Gerichtsszene . Sender hustete so oft , daß ihn der Pater besorgt anblickte . » Das kommt von dem Brief « , entschuldigte sich Sender . » Sobald mich etwas aufregt , ob es nun traurig oder lustig ist , spür ' ich ' s hier . « Er deutete auf die Brust . Der Pater schüttelte den Kopf . » Kein Wunder « , sagte er , » du hast ja diesen Winter wieder unvernünftig gelebt , die Nächte gearbeitet , kaum vier Stunden geschlafen . « » Aber habe ich « , wendete Sender ein , » wissen können , daß der Prior meiner Mutter hilft und Nadler mir ? Jetzt freilich bedaure ich es . Übrigens bin ich ja gesund genug . « Dieser Meinung war der Pater nicht , aber er schwieg . » Wozu ihm bange machen « , dachte er , » halten läßt er sich ja doch nicht . « Laut aber sagte er : » Du mußt dich recht schonen , auf der Reise , aber auch in Czernowitz . Mit deinen dreihundert Gulden reichst du freilich nicht allzuweit ! « » Mit dreihundert Gulden ? « rief Sender erstaunt . » Damit würd ' ich zehn Jahre auskommen . Aber ich hab ' ja nicht einmal so viel und nehm ' gar nur einen Teil mit . Von den dreihundert Gulden ist der Zehnte für die Armen abgegangen , macht zweihundertsiebzig , meine Zinsen und Ersparnisse dazu macht zwanzig , zusammen zweihundertneunzig . Davon nehm ' ich vierzig mit und zweihundertfünfzig laß ' ich der Mutter . « » Das ist zu viel ! « rief der Pater heftig . » Ich meine nur « , erwiderte Sender zaghaft , » weil er schreibt , ich brauche deutsche Kleider . « » Zu viel , was du der Mutter hinterläßt . Sie behält ja ihren Erwerb . « Sender schüttelte den Kopf . » Bedenken Sie , ich muß ja gehen , aber gegen sie ist es schlecht und herzlos . Auf andere Art kann ich ihr nicht beweisen , daß ich doch ein guter Sohn bin . « Der Kummer , den er der Mutter bereiten würde , war nun wieder wie im Vorjahr die einzige Last , die er empfand . Denn im übrigen gestaltete sich alles gut ; die Pacht wurde der Mutter zu den alten Bedingungen zugesprochen , von Nadler kam auf seinen Dankbrief ein zweites Schreiben , das ihn herzlich willkommen hieß . Mit aller Sorgfalt bereitete er nun seine Reise vor . Am Mittwoch , den 24. Februar , wollte er sie antreten , dann war er Freitag abend in Czernowitz und konnte sich Sonntag bei Nadler melden . Da die Mutter sein Reiseziel nicht ahnen durfte , so wollte er vor Tagesanbruch das Haus verlassen , bis zum Dorfe Miaskowka zu Fuße wandern und dort einen Bauernschlitten mieten , der ihn bis zum Städtchen Tluste brachte . Unter den Leuten des Ghetto wollte er von niemand Abschied nehmen , als von Jütte ; sie verriet ihn gewiß nicht , und wenn er sie recht bat , stand sie der Mutter gewiß in den ersten schweren Tagen bei . Die anderen aber , die ihm nahe gestanden , wollte er zum mindesten vor der Reise noch besuchen . Am letzten Sonnabend , den er im Ghetto verbrachte , lud er sich bei seinem einstigen Lehrherrn , Simche Turteltaub , zu Tische . Außer ihm war noch ein anderer Gast anwesend , ein » Schnorrer « , » Meyer mit dem langen Bart « genannt , der damals seiner Schnurren wegen einen guten Ruf in der Bukowina und Südrußland besaß ; Galizien bereiste er zum ersten Male . Simche ehrte ihn durch die besten Bissen , wie es die Sitte gebot , ganz besonders freundlich aber war Sender gegen ihn . Er liebte das abenteuerliche , sorglose Wesen dieser fahrenden Leute und hatte sich immer gut mit ihnen verstanden . Und Meyer sah nicht bloß stattlich und ehrwürdig aus - der Bart floß ihm silbern über die Brust nieder - , sondern war auch ein berühmter Vertreter seiner Zunft . Dieses Rufes war er sich auch stolz bewußt . » Ich bin ja zum ersten Mal in diesem Land « , sagte er , » aber ich hab ' keinen getroffen , der nicht schon meinen Namen gehört hätt ' . Kein Wunder ! So viel wie unser König , mein armer Freund , Mendele Kowner , mit dem Friede