Eva wurde nachdenklich . Es machte sie besorgt , daß ihr Bruder heute von dem Freiherrn nicht in gewohnter Weise entlassen worden war , daß es eben heute Verdrießlichkeiten gegeben habe , und da sie sich immer gern an die Aussprüche ihrer verstorbenen Mutter hielt , meinte sie , von einem Unmuthigen müsse man nichts begehren , denn der suche gern seinen Unmuth auf Andere zu wälzen . Zudem konnte von dem ersten Einfalle Herbert ' s , Eva gleich von Rothenfeld zu entfernen , in keinem Falle die Rede sein , und Herbert sagte sich dies selbst , nun die Aufwallung seines eifersüchtigen Ehrgefühls besänftigt war . Der Amtmann konnte bei der vielverzweigten Wirthschaft die Hausfrau nicht entbehren ; ein Ersatz für Eva war nicht leicht , nicht gleich zu finden , und wie lästig ihr die gelegentlichen Besuche des Marquis auch sein mochten , fand Eva selbst in ihnen jetzt , da sie verlobt war , noch weniger als früher irgend eine Gefahr oder auch nur ein Bedenken . Aber die Anfrage bei dem Freiherrn beunruhigte sie , ohne daß sie Gründe dafür angab , und da Herbert sie ohnehin am nächsten Tage verlassen mußte , wünschte sie , daß dieser selbst in einem Briefe die Werbung bei ihrem Vormunde machen und seine Einwilligung zu ihrer Heirath fordern möge . Dreizehntes Capitel Die Gäste des Schlosses verabschiedeten sich eben von der Baronin , als man am nächsten Tage dem Freiherrn den Brief des Architekten überbrachte . Er kannte die Handschrift , steckte das Schreiben in die Brusttasche und befahl , da er eine Geschäftsanfrage vermuthen mochte , den Boten anzuweisen , daß er die Antwort erwarten solle . Wohl aufgelegt durch die letzte Unterhaltung mit seinen Gästen , erheitert von dem glücklichen Witzworte , welches einer derselben gesprochen , kehrte er in das Zimmer der Baronin zurück , in welches die Hausgenossenschaft sich nach dem Frühstücke begeben hatte und in dem sie noch beisammen geblieben war . Die Herzogin und Angelika saßen am Kamine einander gegenüber , der Marquis und Renatus ließen das Hündchen der Baronin auf den Hinterfüßen tanzen oder warfen einen Ball durch das Zimmer , dem das kleine , schnellfüßige Thier dann mit großen Sätzen eifrig folgte , und der Caplan hörte , den Rücken gegen das Fenster gelehnt , mit jenem Wohlgefallen , das gute Menschen an der Fröhlichkeit der Kinder finden , dem hellen Lachen und dem Jubel zu , mit welchem der hübsche Knabe jeden Scherz des Marquis und jeden Sprung des Hündchens begleitete . Auch der Freiherr vergnügte sich an der Lust seines Sohnes , aber er hatte nicht mehr Jugend genug , sie durch persönliche Theilnahme an dem Spiele zu erhöhen , und nachdem er dem Knaben den feinen Mund und das blonde Gelock geküßt , setzte er sich nieder und nahm mit dem Bemerken , daß er Herbert ' s Brief beinahe vergessen hätte , das Schreiben zur Hand , welches er mit einem Lächeln zusammenfaltete , nachdem er es gelesen . Angelika ' s Auge hing mit Spannung an den Mienen ihres Gatten . Die Herzogin , wie immer bereit , den Wünschen der Baronin zuvorzukommen , übernahm es , mit ihrer gewohnten Gelassenheit die Frage zu thun , was das Lächeln des Barons bedeute . Wenn Sie sich herbeigelassen hätten , unsere Sprache zu lernen , liebe Freundin , antwortete der Freiherr , so würde ich sagen : lesen und entscheiden Sie ! Denn die Sache gehört im Grunde vor Ihr Gericht , vor das Gericht der Damen ! Es sind Herzensbekenntnisse , ein kleiner Roman ! Er reichte damit den Brief seiner Gattin hin und es fiel ihm auf , daß sie die Farbe plötzlich wechselte . Er fragte , ob sie sich nicht wohl befände , sie versicherte das Gegentheil ; aber während er der Herzogin erzählte , daß der Baumeister um des Amtmanns Schwester , um die hübsche Eva werbe , die sein Mündel sei , erhob sich die Baronin von ihrem Sessel und blieb , wie von einem Schwindel erfaßt , plötzlich stehen , sich mit geschlossenen Augen an dem weit vorspringenden Simse des Kamins haltend . Der Freiherr , die Herzogin , der Geistliche eilten herbei , auch der Knabe drängte sich an das Knie der Mutter , da er die Erwachsenen um sie besorgt sah . Die Baronin nahm sich jedoch schnell zusammen . Es ist mein altes Herzweh , weiter nichts , sagte sie ; ich bitte , achtet nicht darauf ! Sie trat an das Fenster , welches man für sie öffnete , schöpfte mehrmals tief Athem und kehrte dann , den Knaben an der Hand haltend , zu den Uebrigen zurück , obschon die Blässe von ihren Wangen nicht weichen wollte und sie offenbar Mühe hatte , ihre Fassung zu behaupten . Es war dadurch eine ängstliche Unterbrechung in die bis dahin so heitere Stimmung der Anwesenden gekommen . Der Freiherr wußte , daß seine Gattin vor Paulinens Leiche zum ersten Male von diesem Herzkrampfe befallen worden , welcher seitdem bei heftigen Gemüthsbewegungen mehrmals wiedergekehrt war , und das machte ihm diese Zufälle doppelt peinlich . Was der Baronin in diesem Augenblicke einen Anfall zugezogen haben konnte , war ihm unbegreiflich ; indeß er mochte in Gegenwart dritter Personen nicht darum fragen , und bemüht , den Vorgang vergessen zu machen , sagte er , auf den letzten Gegenstand der Unterhaltung eingehend : Herbert drückt sich sehr gut aus , man sieht , daß er seine Dichter nicht umsonst gelesen hat . Er ist für Eva eine sehr schickliche Partie . Er ist tüchtig in seinem Fache , und da er das Mädchen , wie er sagt , seit lange im Herzen trägt und .... Um Gottes willen , sehen Sie die Baronin ! rief der Marquis , und mit einem leisen Aechzen , die Hände auf das Herz gepreßt , sank Angelika ohnmächtig zurück . Man rief ihrer Kammerfrau , sie wurde aus dem Zimmer entfernt ,