mir jetzt alles mit , was er Interessantes auf den vielen Feldern des Wissens , auf denen sich sein unersättlicher und unermüdlicher Geist umhertrieb , entdecken konnte : bald ein schönes Gedicht , bald eine tiefsinnige Sentenz , - und er empfand es jetzt nicht weniger schmerzlich , daß ich mit diesen Schätzen nicht haushälterischer umging , als mit den Blumen , die ich vertrocknen ließ , und den Steinen und Muscheln , die ich wegwarf . Ich wußte , daß ich keinen treueren Freund hatte , als ihn , und er , daß sich in das Gefühl , welches ich für ihn empfand , auch nicht die mindeste Liebe mischte ; um so uneigennütziger war seine Freundschaft , und um so unverantwortlicher der Wankelmuth , mit dem ich ihn behandelte . Seine Freundschaft sollte bald eine traurige Gelegenheit finden , sich zu bethätigen . Die Schwermuth , in die Carlo kurz nach Julius Geburt gefallen war , nahm einen immer krankhafteren Charakter an . Ausbrüche einer unberechenbaren Laune , die Vorboten der letzten fürchterlichen Katastrophe , wurden immer häufiger . Er wollte jetzt Niemand um sich haben , als Adalbert , was um so auffallender war , als er , der Lebemann , den tiefsinnigen , melancholischen , und um so viel jüngeren Baron - den Jüngling von Sais nannte er ihn - früher stets verlacht , verspottet und eigentlich wohl gehaßt hatte . Jetzt begleitete er ihn auf Tritt und Schritt , jetzt war Oldenburg ' s Stimme die einzige , welche die finsteren Dämonen , die um sein Haupt die Flügel schlugen , auf Augenblicke wenigstens verscheuchen konnte . Und die Aufopferung , mit der Oldenburg sich diesem Liebesdienst unterzog , ist nicht hoch genug anzuerkennen und ich müßte sie ihm , so lange ich lebe , danken . Dann kam die Katastrophe . Oldenburg stand mir in diesen Tagen treu zur Seite ; oder genauer : er nahm alle Last und Verantwortung so ganz auf sich und leitete Alles mit solcher Energie und Umsicht , daß ich nur immer Ja zu sagen hatte . Carlo war in eine Anstalt in Thüringen gebracht und ich war allein hier auf Berkow , mich ganz der Erziehung meines Julius , der damals fünf Jahre alt war , und dem ich auf Oldenburg ' s Rath schon jetzt in Bemperlein einen Freund und Lehrer gegeben hatte , widmend . Oldenburg kam jetzt seltener , als früher , aber doch noch immer sehr häufig , wie mir schien . Ich glaubte zu bemerken , daß sich ein Ton von Zärtlichkeit in die Freundschaft mischte , die ich einzig von ihm wünschte und erwartete : und kaum hatte ich diese Bemerkung gemacht , als ich mich schon berechtigt glaubte , ihn , so schonend wie möglich freilich , auf die allzugroße Häufigkeit seiner Besuche aufmerksam zu machen . Es war dies vielleicht sehr undankbar von mir ; aber uns Frauen wird es auch sehr schwer , gegen den dankbar zu sein , den wir nicht lieben . Den nächsten Tag schon war Oldenburg abgereist ; Niemand wußte wohin . Dann wollte ihn ein halbes Jahr später Einer in London gesehen haben ; ein Anderer sah ihn ein Jahr darauf in Jerusalem . Er war bald hier , bald dort , ruhelos umhergetrieben von seinem wilden Herzen und seinem unersättlichen Wissensdurst . So waren vier Jahre verflossen , die in meinen Verhältnissen sehr wenig geändert hatten . Oldenburg ' s gedachte ich selten und immer wie eines Verstorbenen . Da - es ist nun drei Jahre her - ließ ich mich von meinem Vetter und meiner Cousine bereden , sie auf einer Reise nach Italien zu begleiten . Als wir eines Abends im Mondschein das Coliseum besuchten , stand plötzlich Oldenburg vor uns . » Endlich ! « sagte er leise , indem er mir die Hand drückte . Er wollte uns ganz zufällig getroffen haben ; hernach gestand er mir , daß er , ich weiß nicht wie und durch wen ? unsern Reiseplan erfahren , uns schon von München aus verfolgt und immer verfehlt habe , bis es ihm endlich hier gelang , uns einzuholen . Ich muß gestehen , ich freute mich aufrichtig über dies Zusammentreffen und empfand es mit einiger Genugthuung , daß es kein zufälliges war . Es vereinigte sich Alles , um Oldenburg bei mir einen guten Empfang zu bereiten . Man schließt sich auf Reisen selbst an Fremde leicht an ; wie sollte uns der Freund unserer Jugend , wenn wir ihn plötzlich in fremden Landen treffen , nicht willkommen sein ? Oldenburg hatte Italien schon mehrmals bereist und kannte jeden Meister von jedem Altargemälde in jeder Klosterkirche und Kapelle . Seine lehrreiche Unterhaltung stach gegen das banale Geschwätz meiner Verwandten gar sehr zu seinem Vortheile ab , und dazu kam , daß Oldenburg durch die vielfache Berührung mit der feinsten Gesellschaft jetzt die schroffen und rauhen Seiten seines Wesens bedeutend abgeschliffen hatte . Sein Auftreten war , wie Du es jetzt siehst , das heißt , bei aller bis an Nachlässigkeit streifenden Ungezwungenheit , doch im schönsten Sinne des Wortes vornehm . Mit einem Worte : er machte jetzt einen Eindruck auf mich , den ich früher nie für möglich gehalten hätte . Es war nicht Liebe , was ich für ihn empfand , aber es war doch auch mehr als die kühle Freundschaft , welche ich ihm bis jetzt entgegengebracht hatte . Aber seltsam , in demselben Maße , in welchem ich die geheime Antipathie , die ich schon von meinen Kinderjahren her gegen ihn empfand , einer beinahe herzlichen Zuneigung weichen fühlte , wurde sein Benehmen gegen mich schroffer und kälter . Er richtete seine Unterhaltung , wenn wir beisammen waren , fast ausschließlich an meine Cousine und behandelte mich wie ein verzogenes Kind , dem man den Willen thut , nur damit es nicht anfängt zu weinen . Das verletzte meine Eitelkeit und dieser verletzten Eitelkeit und der Eifersucht , die ich