Boden wich nicht unter ihm , wohltätig kühlend drang ihm des Bergsees Frische durch Mark und Bein . Schon stund er bis an die Brust im Wasser , da hemmte er seinen Schritt . Wirr schaute er auf , die weißen Wolken waren verschwunden , vom Mond in Duft zerlöst , traurig prächtig funkelte Stern an Stern ihm zu Häupten . In kühn phantastischer Linie schwang die Möglisalp ihren bis zur höchsten Höhe grasumwachsenen Gipfel mondaufwärts ; ihr zur Linken ruhig und ernst das durchfurchte Haupt des alten Mann , zur Rechten aus gedoppeltem Eisfeld sich emportürmend die graue Pyramide des Säntis , Zacken und Felshörner ringsum wie furchtbare Schrecken der Nacht . Da knieete Ekkehard auf den Steinboden des Sees , daß ihm die Flut über dem Haupt zusammenschlug , dann tauchte er wieder auf und stund unbeweglich , die Arme hoch erhoben wie ein Beter264 . Der Mond ging über dem Säntis unter , bläulicher Schimmer leuchtete auf dem alten Schnee der Gletscher , da zuckte ein stechender Schmerz durch Ekkehards Gehirn , die Berge um ihn tanzten und schwankten , sausendes Getön strömte durch die Wälder , aufschäumte der See , viel tausend werdende Frösche in schwarzer Kaulquappengestalt wimmelten in den Wogen ... Aber in tauiger Schöne stieg die Gestalt eines Weibes265 empor und entschwebte bis zum Gipfel der Möglisalp , dort saß sie im samtweichen Grün und strich das Wasser aus dem langen triefenden Haar und flocht sich einen Kranz aus Alpenblumen , in den Schluchten hob sich ein Krachen , der Säntis reckte sich auf , der alte Mann zur Rechten nicht minder , Gestalten himmelstürmenden Ursprungs tobten sie gegeneinand , der Säntis griff seine Wände und schleuderte sie hinüber , und der alte Mann riß sich sein Haupt ab und warf ' s auf die Säntispyramide - itzt stund der Säntis zur Rechten und der alte Mann floh vor ihm zur Linken , aber die Jungfrau des Sees saß in lächelnder Ruhe auf ihrer Alpe und spottete der steinernen Zweikämpfer und rang ihr felsgelbes Gelock , draus entströmte perlender Wasserfall und strömte stärker und strömte wilder und wirbelte die Maid mit den feuchten Augen rauschend hinab in den See - da schwichtigte sich das Toben der Berge , der Altmann griff sein weggeworfenes Haupt und setzte es auf und wandelte schmerztraurig jodelnd zurück zur Kluft , in die er gehörte , und der Säntis stund wieder am alten Platz und seine Schneefelder leuchteten wie vordem . ... Als Ekkehard des andern Tages erwachte , lag er in seiner Höhle , von fiebrigem Frost durchschüttelt - in den Knieen todmüde Zerbrochenheit . Die Sonne stand in der Mittagshöhe . Benedicta huschte draußen vorbei und sah ihn zitternd daliegen , den Wolfspelz umgeschlagen . Die Kutte hing triefend und wasserschwer über einem Felsstück . » Wenn Ihr wieder Forellen im Seealpsee fangen wollt , Bergbruder « , sprach sie , » so laßt mich ' s wissen , daß ich Euch führe . Der Handbub , der Euch vor Sonnenaufgang begegnete , hat gesagt , Ihr seid den Berg heraufgewankt wie ein Nachtwandler . « Sie ging und läutete die Mittagglocke für ihn . Dreiundzwanzigstes Kapitel . Auf der Ebenalp . Sechs Tage lang war Ekkehard krank gelegen . Die Sennen pflegten ihn , ein Trank aus blauem Enzian gekocht , schwichtigte das Fieber . Die Alpenluft tat das ihre . Eine starke Erschütterung war ihm notwendig gewesen , um an Körper und Geist das gestörte Gleichgewicht herzustellen . Jetzt war ' s in Ordnung . Er hörte keine Stimmen und sah keine Phantasmen mehr . Lindes Gefühl von Ruhe und aufsprossender Gesundheit durchströmte ihn ; es war jener Zustand sanfter Ankraft , der schwermütigen genesenden Menschen so wohl ansteht . Sein Denken war ernst , aber nimmer bitter . » Ich hab ' von den Bergen was gelernt « , sprach er zu sich selber , » Toben hilft nicht , wenn auch die zauberreichste Maid vor uns sitzt , der Mensch muß von Stein werden , wie der Säntis , und kühlenden Eispanzer ums Herz legen , kaum der Traum der Nacht soll wissen , wie es drinnen kocht und glüht , das ist besser . « Und mählich ward ihm die Trübsal der letzten Vergangenheit in mildem Duft verklärt ; er dachte an die Herzogin und alles , was auf dem hohen Twiel geschehen , es tat ihm nimmer weh . Und das ist das Fürtreffliche gewaltiger Natur , daß sie nicht nur sich selber als ein mächtig wirkend Bild vor den Beschauenden stellt , sondern den Geist überhaupt ausweitend anregt und fernliegende verschwundene Zeit im Gedächtnis wieder heraufbeschwört . Ekkehard hatte lang ' nimmer auf die Tage ' seiner Jugend rückgeschaut , jetzt flüchtete sich sein Denken am liebsten dorthin , als wär ' es ein Paradiesgarten , aus dem ihn der Sturm des Lebens hinausgeweht . Er hatte etliche Jahre in der Klosterschule zu Lorsch am Rheine verbracht ; damals ahnte er nicht , was in der Frauen dunkeln Augen für herzverzehrende Glut verborgen glimmt , die alten Pergamente waren seine Welt . Aber eine Gestalt stand ihm schon damals fest ins Herz geschrieben , das war der Bruder Konrad von Alzey . An ihn , den wenig Jahre älteren , hatte Ekkehard die erste Neigung junger Freundschaft geheftet ; ihr Lebensweg ging auseinand , es war Gras gewachsen über die Tage von Lorsch , jetzt tauchten sie strahlend vor der Betrachtung auf , gleich dem dunkeln Hügelland der Fläche , wenn die Morgensonne ihre Strahlen drauf geworfen . Es ist mit des Menschen Geist wie mit der Rinde der alten Erde ; auf den Anschwemmungen der Kindheit türmen sich in stürmischer Hebung neue Schichten auf , Fels und Grat und hohe Bergwand , die bis in den Himmel zu reichen wähnt , und der Boden , drauf sie ruht , ist mit Trümmern überschüttet und vergessen , - aber wie die starren Gipfel der Alpen oft sehnsüchtig zu Tale schauen