sich schier fürchten könnt . Aber ich darf freilich gar nichts sagen . Sieh mich an , was ich alt worden bin . Ach , ich muß oft denken , du könnest an meinen Runzeln keinen großen Gefallen mehr haben . « Er hatte sie bereits betrachtet und in der Stille die Veränderungen wahrgenommen , die Zeit und Schicksal an ihr hervorgebracht hatten . Nicht eben Runzeln , aber hart eingegrabene Furchen zogen sich unter dem nicht mehr so weichen und hellgelben Scheitel quer über die Stirne , und eine senkte sich wie ein tiefer Einschnitt zwischen den Augen hinab . Doch lag in diesen Spuren nicht die eigentliche Verwüstung , die in dem einst so freundlichen Gesichte vorgegangen war . Auch sah es an sich selbst nicht auffallend gealtert aus , und in den treugebliebenen Zügen hatte keine häßliche Entstellung , wie sie oft mit den Jahren kommt , ihren Wohnsitz aufgeschlagen ; aber die jugendliche Frische , die lieblich malende Zuversicht und Lebenslust war aus ihnen verschwunden und hatte sie verwandelt hinterlassen , wie das Morgenlicht , wenn es von einer Landschaft Abschied nimmt , dieselbe Gegend zwar in unveränderter Gestalt , aber arm , nüchtern und verkümmert hinterläßt . » Du bist die Mutter meiner Kinder « , sagte er , » kannst nicht ewig jung bleiben . Diese Furchen sind mein Werk , denn du hast viel um mich leiden müssen ; aber du siehst nicht so alt aus , wie du meinst , und wenn du einmal eine glückliche Hausmutter bist , so wirst du wieder jünger werden . « » Gott geb ' s « , erwiderte sie , » denn so wie ich jetzt bin , bin ich doch zu alt für dich . - Ach , wenn ich dran denk , wie der Friederle auf die Welt kommen ist , ' s sind jetzt bald sechs Jahr , wie bin ich damals in einem Umsehen so elend und wieder so reich gewesen ! Wie ich gemerkt hab , daß mein Stündle kommen will , hab ich meinem Jammer kein End gewußt , bin allein auf der Bühne gelegen , mein Mutter hat gesagt , sie könn vom kranken Vater nicht weg , und mein Jerg hat sich verdingt gehabt nach Faurndau zum Dreschen . Über einmal hör ich auf ' m Stiegle ' n Mannstritt , so gibt ' s bloß ein ' auf der Welt , und wer kommt mir vors Bett und nimmt mich in Arm , während ich ihn im Zuchthaus gemeint hab ? Und wie du mir die Hebamm hast geholt und die eine Kraftbrüh für mich verlangt hat , weil ' s hart gehen werd und ich so von Kräften sei , weißt noch ? da hat mein arm ' s Lämmle dran glauben müssen , mit dem unsere Bekanntschaft angefangen hat . Ich hab nicht einmal um das Tierle weinen können , und du hast recht prophezeit gehabt , es werd eine Zeit kommen , wo mir etwas anders mehr am Herzen lieg . Und hart ist ' s auch gangen , ich will ' s nicht vergessen , aber wie ' s geheißen hat : Vater , hier ist dein Sohn ! ach Frieder , was ist das eine Seligkeit gewesen ! Und nachher ist die Kathrine kommen und hat gesagt , sie sei jetzt mit einem wackeren Mann versprochen und mach sich nichts mehr aus der Amtmännin ihrem Zorn , und hat mich treulich gepflegt - « » Ja « , sagte er , » darum hab ich auch ruhig wieder in mein Ludwigsburger Heimwesen zurückkehren können . Aber heut noch reut ' s mich , daß ich mich in Göppingen gestellt hab ! Berichtet der Vogt nach Ludwigsburg , er habe den mittels Ausbruchs echappierten Gefangenen wiederum gefänglich zur Hand gebracht und schicke ihn hier wieder ein . Ausgebrochen war ich allerdings , das ist wahr , denn man hat mir keine Brücke gebaut ; aber daß ich mich freiwillig bei ihm gestellt hab , davon hat er kein Wort geschrieben , sondern hat die Ehr allein haben wollen . So ein Vogt ! was bild ' t sich der ein ! es gibt auch Bettelvögte . Deswegen hab ich mich nach meinem zweiten Ausflug nicht mehr bei ihm , sondern unmittelbar in Ludwigsburg beim Kammerrat selbst gestellt . Der ist zwar rauhbauzig , wie man ' s von einem Zuchthausverwalter nicht anders erwarten kann , aber er hat doch gelacht und hat mir nun auch für meine frühere Versicherung Glauben geschenkt , so daß mir weiter nichts geschehen ist , als daß ich eben die paar Tag länger hab sitzen müssen . « » Dein zweiter Besuch « , versetzte sie , » ach , der ist traurig gewesen . « » Ja « , sagte er , » schon wie ich das Tal heraufkommen bin , bei Reichenbach , ich weiß nicht , ob du ' s einmal bemerkt hast , da ist in den Anhöhen eine Lücke , durch die der Staufen hereinschaut , und der hat damals so grau und trüb ausgesehen , daß ich gedenkt hab : Alter , bist auch traurig und hast mir eine Trauermär zu verkünden ? Wie ich aber nach Ebersbach kommen bin , hab ich deinen Vater wenigstens noch am Leben gefunden , und das wird mir wohltun , so lang ich leb . Christine ! Respekt vor dem Mann ! Der ist gestorben wie ein Patriarch ! Er ist sein Leben lang in Armut und Demut und im Staub dahergegangen und hat selber nicht gewußt , was in ihm steckt , aber in der Todesstunde ist ihm der Geist mächtig auf die Zunge getreten . « » Weißt noch , wie er uns gesegnet hat « , rief sie , » und dich absonderlich , weil dein Will vor Gott gut sei und dein Herz aufrichtig , und wie er dir alles vergeben hat , was ihm Leids durch dich geschehen ist