Denn dies war das Schönste bei dem Feste , daß man sich nicht an die theatralische Einschränkung hielt , daß man es nicht auf Überraschung absah , sondern sich frei herumbewegte und wie aus der Wirklichkeit heraus und wie von selbst an den Orten zusammentraf , wo die Handlung vor sich ging . Hundert kleine Schauspiele entstanden dazwischen , und überall gab es was zu sehen und zu lachen , während doch bei den wichtigen Vorgängen die ganze Menge andächtig und gesammelt zusammentraf . Schon war unser Zug ansehnlich gewachsen , um mehrere Berittene und auch durch Fußvolk verstärkt , welche alle zu dem Ritterzuge gehörten ; wir kamen an eine neue Brücke , die über einen großen Fluß führt ; von der anderen Seite näherte sich ein großer Teil der Bergfahrt , um das Vieh nach Hause zu bringen und nachher wieder als Volk zu erscheinen . Nun war ein knauseriger Zolleinnehmer auf der Brücke , welcher durchaus von Kühen und Pferden den Zoll erheben wollte , gemäß dem Gesetze ; er hatte den Schlagbaum heruntergelassen und ließ sich durchaus nicht bereden , diesmal von seiner Forderung abzustehen , indem man jetzt nicht eingerichtet und aufgelegt sei , diese Umständlichkeiten zu befolgen . Es entstand ein großes Gedränge , ohne daß man jedoch wagte , mit Gewalt durchzukommen . Da erschien unversehens der Tell , welcher mit seinem Knaben einsam seines Weges ging . Es war ein berühmter fester Wirt und Schütze , ein angesehener und zuverlässiger Mann von etwa vierzig Jahren , auf welchen die Wahl zum Tell unwillkürlich und einstimmig gefallen war . Er hatte sich in die Tracht gekleidet , in welcher sich das Volk die alten Schweizer ein für allemal vorstellt , rot und weiß mit vielen Puffen und Litzen , rot und weiße Federn auf dem eingekerbten rot und weißen Hütchen . Überdies trug er noch eine seidene Schärpe über der Brust , und wenn dies alles nichts weniger als dem einfachen Weidmann angemessen war , so zeigte doch der Ernst des Mannes , wie sehr er das Bild des Helden in seinem Sinn durch diesen Pomp ehrte ; denn in diesem Sinne war der Tell nicht nur ein schlichter Jäger , sondern auch ein politischer Schutzpatron und Heiliger , der nur in den Farben des Landes , in Sammet und Seide , mit wallenden Federn denkbar war . Der Schnitt seines Kleides war aus dem sechszehnten Jahrhundert , so wie er überhaupt als alte Schweizertracht noch bei dem Volke gilt und aus den letzten großen Heldentagen der Schweizer herrührt . Sie pflegten sich mit einer Last von Federn zu schmücken und sonst großen Aufwand zu treiben aus Beute und fremdem Gold und gingen so in den Tod für fremde Herren . Aber in seiner braven Einfalt ahnte unser Tell die Ironie seines prächtigen Anzuges nicht ; er trat mit seinem eigenen Knaben , der wie eine Art Genius aufgeputzt war , besonnen auf die Brücke und fragte nach der Verwirrung . Als man ihm die Gründe angab , setzte er dem Zöllner auseinander , daß er gar kein Recht habe , den Zoll zu erheben , indem sämtliche Tiere nicht aus der Ferne kämen oder dahin gingen , sondern als im gewöhnlichen Verkehr zu betrachten seien . Der Zollmann aber , erpicht auf die vielen Kreuzer , beharrte spitzfindig darauf , daß die Tiere in einem großen Zuge los und ledig auf der Straße getrieben würden und gar nicht vom Felde kämen , also er den Zoll zu fordern berechtigt sei . Hierauf faßte der wackere Tell den Schlagbaum , drückte ihn wie eine leichte Feder in die Höhe und ließ alles durchpassieren , die Verantwortung auf sich nehmend . Die Bauern ermahnte er , sich zeitig wieder einzufinden , um seinen Taten zuzusehen , uns Rittersleute aber grüßte er kalt und stolz , und er schien uns auf unseren Pferden für wirkliches Tyrannengesindel anzusehen , so sehr war er in seine Würde vertieft . Endlich gelangten wir in den Marktflecken , welcher für heute unser Altorf war . Als wir durch das alte Tor ritten , fanden wir das winzige Städtchen , welches nur einen mäßigen Platz bildete , schon ganz belebt , voll Musik , Fahnen und Tannenreiser an allen Häusern . Eben ritt Herr Geßler hinaus , um in der Umgegend einige Untaten zu begehen , und nahm den Müller und den Harras mit ; ich stieg mit Anna vor dem Rathause ab , wo die übrigen Herrschaften versammelt waren , und begleitete sie in den Saal , wo sie von dem Ausschusse und den versammelten Gemeinderatsfrauen bewunderungsvoll begrüßt wurde . Ich war hier nur wenig bekannt und lebte nur in dem Glanze , welchen Anna auf mich warf . Jetzt kam auch der Schulmeister angefahren mit seiner Begleiterin ; sie gesellten sich zu uns , nachdem das Gefährt notdürftig untergebracht , und erzählten , wie soeben auf der Landschaft dem jungen Melchthal die Ochsen vom Pfluge genommen , er flüchtig geworden und sein Vater gefangen worden sei , wie die Tyrannen überhaupt ihren Spuk trieben und vor dem Stauffacherschen Hause merkwürdige Szenen stattgefunden hätten vor vielen Zuschauern . Diese strömten auch bald zum Tore herein ; denn obgleich nicht alle überall sein wollten , so begehrte doch die größere Zahl die ehrwürdigen und bedeutungsvollen Hauptbegebenheiten zu schauen und vor allem den Tellenschuß . Bereits sahen wir auch aus dem Fenster des Rathauses die Spießknechte mit der verhaften Stange ankommen , dieselbe mitten auf dem Platze aufpflanzen und unter Trommelschlag das Gesetz verkünden . Der Platz wurde jetzt geräumt , das sämtliche Volk , mit und ohne Kostüm , an die Seiten verwiesen und vor allen Fenstern , auf Treppen , Galerien und Dächern wimmelte die Menge . Bei der Stange gingen die beiden Wachen auf und ab , jetzt kam der Tell mit seinem Kanben über den Platz gegangen , von rauschendem Beifall begrüßt ; er hielt das Gespräch mit dem Kinde nicht , sondern wurde bald in den