walten ließen . Der Abend begann schon herein zu dämmern - im Haus des Fabrikanten herrschte Todtenstille . Alles war in banger Erwartung des Kommenden , was man thun konnte , war gethan . Es blieb nichts Anders übrig , als zu warten . Dieses Warten war fürchterlich ! Pauline war nicht mehr eingeschlossen in ihrem Zimmer , die Vorsicht war nicht nöthig , da nun das ganze Haus verrammelt war . Aber sie war allein in ihrer Stube geblieben , weil sie bei diesem Ereigniß ganz anders dachte und fühlte , als die Andern alle , welche mit ihr in dies Haus eingeschlossen waren . » Das Alles wäre nicht geschehen , wenn mein Vater nicht seine Härte und Unbarmherzigkeit auf ' s Aeußerste getrieben hätte , es wäre nicht geschehen , wenn seine Geschäftsführer und Diener auch in den armen Menschen den Menschen geehrt hätten ! Und das Verbrechen , das jetzt diese armen entehrten , gemißhandelten , gequälten Menschen begingen , was war es denn anders , als ein zweites Verbrechen , um ein erstes zu rächen ? Was war es denn anders , als eine zweite schlechte That , die eine erste voraussetzte , ohne welche sie nie geschehen konnte und die ihr Geschehen eben voraussetzte ? Und selbst diese rohen abscheulichen Töne , welche wie ein thierisches Geheul durch die Luft hallten und doch von Menschen kamen - was waren sie anders als der Aufschrei der beleidigten menschlichen Natur , welche zum thierischen Stumpfsinn herabgestoßen und entwürdigt war - durch andere Menschen ? « So sagte sie zu sich - aber sie wollte die grauen Haare ihres Vaters ehren und nicht jetzt , wo er oft in Verzweiflung in sie hineinfuhr , um sie auszuraufen , seinen Jammer noch mit ihrer Anklage vermehren , sie wollte nicht zu ihm sprechen : » Vater - ich hab ' es Dir vorausgesagt - wie ein Strafgericht Gottes kommt es nun über uns - und wir dürfen in der Stunde der Gefahr und des Entsetzens nicht frei und unschuldig unsere Häupter zu ihm aufheben , wir müssen sie in Demuth neigen und still Alles dulden . « Sie wollte ihm das nicht sagen , denn das Kind ist nicht berufen zum Richter des Vaters und sie fühlte es wohl : jetzt richtete Gott durch seine geschändeten , verstümmelten Creaturen - aber vielleicht hätte sie doch auf sein Klagen , das mit Beten und Fluchen abwechselte , etwas Hartes erwidert - und darum wich sie ihm aus . Aber wie sollte sie Ruhe und Sammlung finden selbst allein in ihrem stillen Zimmer ? Als sie es zum ersten Mal betreten , wo sie kurz vorher die erste Ahnung von dem Elend der Armuth empfangen hatte , war sie schon vor der Pracht dieses Zimmers erschrocken - es war ihr , als hänge der Jammer von Hunderten daran - und nun vollends ! Sie schauderte vor diesem Ueberfluß und sie begriff , daß die Armen ein Recht hätten , die Reichen nicht nur zu beneiden , sondern auch zu verachten . Zuweilen lief sie dann auf den Oberboden des Hauses , um weiter sehen zu können , ob sie vielleicht eine neue Bewegung der Aufrührer erspähen könne - ob sie vielleicht Franz gewahre . Ihn sah sie nicht . Aber sie sah , wie die Arbeiter mit den Bauerburschen , Manche taumelnd vor Trunk unter sittenlosen Scherzen , mit den Frauen in dem Schutt eines zertrümmerten Gebäudes Steine zusammensuchten - und schaudernd wendete sich Pauline ab . Dann lief sie wieder hinunter , fragte , was weiter geschehen sei . Man zuckte die Achseln . - » Die Gefahr und der Pöbel wächst wie eine anschwellende Wasserfluth - wir können noch Gräßliches erleben , ehe die Hilfe kommt . « Dann faßte sie wieder Friedericken , die ihr das einzige fühlende Wesen schien , welches sie verstehen könne - aber Friedericke jammerte immer nur über das ganze Unglück und daß Wilhelm auch mit dabei sei - und nun könnten sie sich im Leben nicht heirathen ! So dämmerte denn der Abend herein . Pauline lag in ihrem Zimmer auf ihren Knieen und betete still . Sie hatte kein anderes Gebet als nur die vier Worte : » Herr , wie Du willst ! « Da war es plötzlich , als bebte das ganze Haus von einer ungeheuern Erschütterung . Sie fuhr zusammen - durch ihre Seele zuckte eben so plötzlich ein kleiner Gedanke : » Ach , möcht ' es zusammenstürzen , dies auf Flüchen erbaute Haus , wenn es nur mich und ihn unter seinen Trümmern begrübe ! « Sie hatte nicht Zeit , den Gedanken weiter auszudenken . Sie stand auf , ruhig , muthig - eine seltsame Klarheit leuchtete auf ihrer Stirn - sie war gefaßt , denn sie fühlte , daß sie in Gottes Hand stehe . Wer einmal in der Stunde der Gefahr und der bangsten Entscheidung dies Gefühl so recht in seiner tiefsten Allgewalt empfunden hat , der allein begreift , wie Paulinens leicht erschrecktes Mädchenherz jetzt plötzlich ruhig schlagen konnte , wie in den stillsten Stunden . Das Haus war erschüttert worden von dem Wehruf der Hunderte , welche jetzt in den verrammelten Hof gebrochen waren und einen Steinhagel nach dem Hause schleuderten , Pauline ward das gewahr und sah von der Seite durch das Fenster . Da sah sie , wie Franz todtenbleich aus der Menge hervorsprang , nach einem gegenüberstehenden Haus sich wandte und laut schrie : » Hierher , Brüder ! Auf dies Haus ! Was wollt Ihr dort ? Ich weiß , in diesem Hause hat er seine besten Schätze aufbewahrt - kommt hierher , wir wollen dies Haus erbrechen ! « Das Haus , auf welches er deutete , war nicht bewohnt und enthielt nur Vorräthe der Fabrikerzeugnisse - Pauline hatte Franz verstanden - um sie zu schonen , warf er sich auf dies Haus und leitete die Kameraden irre . Viele folgten seinem Wink . Wilhelm aber