damit er sich nach dem Verdruß und der Erschöpfung wieder etwas stärken möge . Diese ungehörige Freundlichkeit hatte der Zornige aber in Übermut und Hast so gemißbraucht , daß er jetzt , völlig berauscht , indem er bald schrie , bald lallte , durch die Straßen geführt werden mußte . Jetzt sah er Leonhard , der sich an die Mauer drängte , um seinen Blicken zu entgehen . » Patron da ! « schrie Wassermann , » sehen wir uns doch einmal wieder ? Oh , ich habe ein gutes Gedächtnis , Eure Physiognomie ist mir bekannt . Jetzt haben mich freilich die Philister unter , und ich bin in Banden . - Laßt mich , ihr Häscher , oder was ihr seid , ein Wörtchen mit meinem vertrauten Freunde da , meinem Intimus sprechen ! Er ist eine verliebte melancholische Seele , und kann hier an meiner Standhaftigkeit sich ein Exempel nehmen . « So drängte er sich zu Leonhard hin , auf welchen jetzt alle Blicke gerichtet waren . Indem dieser noch überlegte , wie er sich , dem Tollen gegenüber , vor so vielen Zuschauern benehmen solle , ward er auf eine sonderbare Weise von dieser Verlegenheit befreit . Mit Blitzesschnelle riß Wassermann dem träumenden Reitknecht die Zügel aus der Hand , und schwang sich , so trunken er war , kräftig und mit Sicherheit auf das Pferd des Offiziers . Sowie er im Sattel saß , schrie er laut und trieb das Roß zur Eile , das auch sogleich mit ihm durch die Menschenmasse brach , und im gestreckten Galopp die Straße mit dem Jauchzenden hinunterrannte . Einen Augenblick war alles in Erstaunen ; aber bald sammelten sich die Polizeidiener , und einer von diesen bestieg das Pferd des Reitknechts , um dem Flüchtigen nachzueilen . Die Jugend und alle Menschen , welche Neugier versammelt hatte , stürmten nun dort in die Straße hinein , dem Flüchtigen nach . » Er ist verrückt ! « sagte ein anderer Polizeidiener ; » wo kann er hin wollen ? « Indem trat der junge Offizier wieder aus dem großen Hause , und war nicht wenig verwundert , keins von seinen beiden Pferden mehr anzutreffen . Die Erzählung des schläfrigen Reichtknechtes verhallte in dem Getümmel und dem Geschrei der Nachlaufenden , Fragenden und neu Hinzukommenden . » Ihm nach ! nach ! « schrien diejenigen , die mit der Polizei in die andere Gasse liefen . - » Wer ist es ? Was ? « andere . - » Ein großer Räuber ist angekommen ! « rief ein Bürgersmann dazwischen , » und den wollen sie jetzt fangen ; er hat aber den Vorsprung ! Wenn sie nur die Tore zumachen ! « - Von einer anderen Seite hörte man rufen : » Ein fremder Courier ! Was der wohl Neues bringe mag ? Es muß sehr wichtig sein , denn er reitet ja wie toll und besessen . « Leonhard war mit den übrigen nachgegangen ; das Getümmel und Schreien tönte nur noch aus der Ferne , aber das ganze Stadtviertel war in tumultuarischer Bewegung . - Nun ward es stiller , und nach einiger Zeit sah man jenen Polizeioffizianten zu Pferde , welcher das Roß des Lieutenants führte . Auf die Anfrage sagte dieser : » Er hat richtig den Hals gebrochen , der tolle Bösewicht ; den Abhang dort hinunter , wo er im Carriere niedersprengte , ist er mit dem Pferde auf dem glatten Pflaster schrecklich hingestürzt , den Kopf gegen die Mauer geschmettert , und ist gleich tot geblieben : das sind die Folgen vom Saufen . Es ist nur abscheulich , daß wir noch Verdruß wegen des Übeltäters haben werden . Er konnte aber so schön bitten und so malade und elend tun . « Man hatte dort , in ziemlicher Entferung , den Toten in ein Haus gebracht , und bei der Untersuchung erklärte der Arzt , daß alle Hülfe vergebens sei . Der Offizier war sehr erzürnt auf seinen Diener , denn bei dem gewaltigen Sturze hatte sein schönes Pferd auch Schaden genommen , und man konnte nicht sogleich wissen , ob es nicht , außer an den Knieen , welche bluteten , auch innerlich verletzt sei . Viel später also , als er erwartet , verließ jetzt Leonhard die ihm teure Stadt , in welcher er so mancherlei erfahren und erlebt hatte , worauf er nicht vorbereitet war . Nach zwei Tagen befand sich Leonhard in der Nähe von Bamberg . War er in Nürnberg immer gerührt gewesen , so war seine Stimmung jetzt mehr erhoben und ihm selber rätselhaft . Ihm bangte bei jedem Schritte , mit dem er sich den Plätzen näherte , an welche sich so überaus teure Erinnerungen hefteten . Lebt sie noch ? sprach er zu sich selber , und wie ? Ist sie verheiratet ? hat sie Kinder ? wird sie noch in Schönheit blühen , oder finde ich eine alte , abgelebte Frau in ihr ? In diesem Stande verschwindet ja die Jugend meist noch viel schneller , als bei jenen , die sich schonen können , die nicht der harten Arbeit unterworfen sind . Wenn sie noch lebt und die Ihrigen , so sind sie wahrscheinlich arm , und so kann ich dem Glücke danken , daß es mich gerade jetzt so sehr gesegnet hat , um ihnen helfen zu können . Mit diesen Empfindungen trat er in die alte schöne Stadt ein . Er besuchte sogleich den ehrwürdigen Dom , dann zunächst die Plätze , die seine Phantasie geweiht hatte . Sodann verließ er die Stadt , um nach jenem Dorfe zu wallfahrten , denselben Weg , den er vor Jahren so oft betreten hatte . Er sah den kleinen Fluß wieder , und als er in die Gegend kam , wo er damals Kunigunden von jenem Rasenden befreite , als er dieselbe Anhöhe seitwärts im Walde entdeckte , wo er Abschied von ihr genommen hatte : fühlte er sich so