Benediktinerturm die elfte Stunde , und ehe noch der letzte Schlag verhallt war , streckte sich der Körper des Sterbenden in seiner ganzen Schlankheit aus , und als der Rat mit einem Schrei aufsprang und sein Ohr an den geöffneten Kindermund legte , da war schon der letzte Atemhauch in den Lüften verflogen . Minutenlang hielt er den entseelten Körper an die Brust gedrückt und küßte wiederholt das noch warme , kleine Gesicht ; dann strich er das Kopfkissen zurecht , bettete den Kopf des Knaben vorsichtig darauf , schloß ihm die Lider über den starren Augen und ging , ohne sich noch einmal umzusehen , schweigend hinaus . Die Majorin hatte sich in die unbeleuchtete Eßstube zurückgezogen . Die Tür stand offen , und so konnte sie das Sterbelager im Auge behalten . Sie hörte , wie der Rat ohne Aufenthalt den Hausflur und den Vorderhof durchschritt und das Mauerpförtchen hinter sich zufallen ließ . » Er geht wohl nach dem kleinen Tale , « flüsterte der Arzt , als sie , lautlos und entfärbt wie ein Geist , zu ihm trat . » Und so schlimm es draußen auch stehen mag , für ihn ist es gut . Es treten schwere Aufgaben an ihn heran , und die werden ihm über seinen großen Schmerz hinweghelfen . « Auch er verließ das Haus . Die Majorin schloß die unteren Fenster der Amtsstube , zog die Vorhänge vor und öffnete dem Luftzug die oberen Flügel ... Einen Augenblick verharrte sie erschüttert vor der Leiche des Knaben , der nur über die Erde gegangen war , um mit jeder seiner kleinen Fußstapfen Unheil und Leiden für andere aus dem Boden zu stampfen – und sie legte die Hand auf die Brust und sagte sich , daß auch sie voll Schuld sei , daß sich ihr glühender , fast frevelhafter Wunsch , den Wolframschen Namen fortleben zu sehen , in seiner Erfüllung strafend auch gegen sie selbst gerichtet habe . Sie löschte das Nachtlicht aus , schloß die Türen und ging in die Küche . Dort kauerten die Mägde auf der Türschwelle , und waren ermüdet eingeschlafen . Ohne sie zu wecken , zog sie den Docht zu einem ungefährlichen Flämmchen tiefer in die Lampe und ging hinaus , über den Hof hinweg in den Garten . Sie wußte zum erstenmal in ihrem Leben nicht , wohin sie ihr Haupt legen sollte . Der Rat hatte sie aus seinem Hause gewiesen , und den Schlüssel zu dem Giebelzimmer , dem Raume , der trotz alledem augenblicklich ihr unbestrittenes Eigentum war , trug er in der Tasche ... So setzte sie sich auf die Gartenbank und wollte das Frührot erwarten , um dann am Schillingshof um Einlaß anzuklopfen . Die Sterne funkelten in seltener Pracht über dem Klosterhause , über den alten Giebeln und Mauern , in denen sie als glückliches Kind gespielt , als stolze Braut geträumt und als Frau und Mutter unbeschreiblich gelitten hatte – durch eigenes Verschulden ! ... Und was der Tag mit seinen Stürmen nur halb vollzogen , das vollendete nun die stille , schweigende , feierliche Nacht – die Läuterung , der Frauenseele , die sich selbst heute nachmittag noch einmal erbittert , voll auflodernder Eifersucht und Rachegefühl empört hatte bei der Nachricht , daß der böslich verlassene Mann , der heute noch geliebte , mit einer anderen glücklich geworden war und sie , die Unversöhnliche , vergessen hatte . Da hatte sie mit sich ringen müssen , um nicht plötzlich voll Haß mit den Händen nach der herrlichen Frauengestalt zu stoßen , die das Kind jener verhaßten » Zweiten « war . Aber auch das war nun vorüber und niedergekämpft zu den Schlacken , die der sturmvolle Läuterungsprozeß von ihrer Seele schüttelte ... Am anderen Morgen lief die erschütternde Nachricht durch die Stadt , daß der Herr Rat Wolfram selbst in seinen Gruben verunglückt sei . Die Leute erzählten , er sei des Nachts wie ein Trunkener oder ein vom Schwindel Befallener hinaufgekommen , sei allen Abmahnungen zum Trotz mit der Rettungsmannschaft in die Gruben hinabgefahren und plötzlich , kaum nach Beginn der Einfahrt , lautlos von ihrer Seite verschwunden – der Schwindel müsse ihn in die gähnende Tiefe hinabgerissen haben . 36. Eine unbeschreibliche Aufregung herrschte in allen Kreisen . Man hatte ja das Unheil in den Gruben längst vorausgesagt , und doch hatte es durch den habgierigen Starrkopf des Bergwerkbesitzers und den Leichtsinn seiner Arbeiter dahin kommen dürfen , daß in wenigen schrecklichen Stunden eine Schar kräftiger Männer , Väter und Söhne , eines furchtbaren Todes sterben mußten – es waren nur wenige gerettet worden . In all dem Jammer , der grenzenlosen Erbitterung war es deshalb für viele Gemüter ein wahrer Trost , eine tiefe Genugtuung gewesen , daß der Rat Wolfram die ganze Schuld allein auf seine Schultern nehmen und deshalb schwer werde büßen und bluten müssen ... Nun war er aber tot – er war selbst das Opfer der Katastrophe geworden , noch dazu in derselben Nacht , wo er sein einziges Kind hatte sterben sehen . Für viele war das die notwendige Sühne seines Unrechts , die sichtbare Hand Gottes selbst , die ihn strafend in die Tiefe geschleudert , andere aber munkelten bereits , daß sein jähes Ende wohl nicht ohne seinen eigenen Willen und Vorsatz erfolgt wäre . Aber die Art und Weise , wie Veit verunglückt war , verlautete noch nichts in der Öffentlichkeit . Desto größer war das Aufsehen im Schillingshofe selbst . Hannchen war sofort in das Atelier gegangen und hatte dem Herrn des Hauses das Geschehnis angezeigt , und Mamsell Birkern hatte auch keine Veranlassung gehabt , bei den Bediensteten über Adams glänzende Rechtfertigung zu schweigen . Die Nachricht hatte wie eine Alarmtrommel das ganze dienende Völkchen zusammengescheucht ... Wie – es war nicht der Geist des armen Bedienten gewesen , der hinter den Holzwänden des Salons gespukt hatte ? Wirkliche Füße und Finger von Fleisch und Bein hatten an der spukhaften Stelle getappt