Gott , er führte eine Dame am Arm . Ein allgemeines „ Ah , “ erscholl . Johannes war ebenso überrascht von dem unverhofften Zusammentreffen mit der Gesellschaft , als diese von seinem Eintreten mit einer verschleierten Dame , welche sich bestürzt und hastig zurückziehen wollte , als sie die Leute sah . Doch Johannes hielt sie fest : „ Bleiben Sie , mein Fräulein , “ sagte er laut . „ Sie haben sich vor Niemandem zu scheuen . “ Die Staatsrätin mußte sich auf Heims Arm stützen , die Kniee zitterten ihr . „ Nehmen Sie sich zusammen , “ raunte der alte Mann ihr zu . „ Fügen Sie sich in das Unabänderliche — bedenken Sie , daß Ihr Sohn der Herr des Hauses ist ! “ „ Ich werde es nicht vergessen , “ erwiderte sie leise und bitter . Indessen hatte Johannes mit der sichtbar widerstrebenden Ernestine die Treppe erreicht . „ Liebe Mutter , ich bringe Dir einen Gast ! “ rief er hinauf , und das Glück strahlte aus seinen Mienen . Die Staatsrätin stieg mit jener befremdeten Miene ein paar Stufen herab , mit der man Leute empfängt , denen man zeigen will , daß man ihren Besuch nichts weniger als gerechtfertigt findet . „ Fräulein von Hartwich , “ sagte Johannes , sie der Mutter und der Gesellschaft zugleich vorstellend , „ hat sich von mir überreden lassen , für diese Nacht den Schutz unseres Daches anzunehmen , da ihr Oheim verreist ist und sie somit ganz wehrlos den Folgen einer nichtswürdigen Intrige preisgegeben wäre . “ „ Seien Sie mir willkommen , mein Fräulein , “ sagte die Staatsrätin mit kalter Höflichkeit , ohne Ernestinen die Hand zu reichen oder sie durch das kleinste Zeichen in ihrer peinlichen Lage aufzumuntern . „ Darf ich Sie bitten , unser einfaches Mahl zu teilen ? Wir können es leider nicht länger verschieben , da wir ohnehin über die Zeit auf meinen Sohn warten mußten . “ Ohne Ernestinen weiter zu beachten , schritt sie mit Heim wieder vorwärts dem Speisesaal zu . Ernestinen schnürte sich das Herz zu , welch ein Empfang war das , welche Demütigung hatte sie sich zugezogen . War das Spießrutenlaufen hier nicht tausendmal schlimmer , als daheim von rohen Bauern gesteinigt zu werden ? „ Lassen Sie mich fort , “ sagte Sie , ihren Arm aus dem Johannes ’ ziehend — „ ich fühle , daß ich Ihrer Mutter unwillkommen bin ! “ „ Ernestine , “ sprach Johannes , „ Du bist mein Gast und ich lasse Dich nicht fort . Verzeihe meiner Mutter den lieblosen Empfang . Er gilt nicht Dir sondern jenem Zerrbild , das sie sich von Dir machte . Bleibe und überzeuge die alte Frau , daß Du eine Andere bist , als sie glaubt , und Du wirst von ihr aufgenommen sein wie eine Tochter . “ „ O , mein Freund , mein einziger Freund , ich will Ihnen gehorchen , aber ich tue es schweren Herzens . Hätten Sie mich für ein paar Tage zum alten Leonhardt ziehen lassen , es wäre besser . “ „ Wie hättest Du zu Leonhardt gekonnt “ — unterbrach sie Johannes unwillig — „ man hätte ihn ja geächtet , wenn er Dich bei sich aufnahm — und ohne Deinen Oheim diese Nacht allein auf dem Schlosse zu bleiben , das ging ebensowenig . Du mußt Dich darein finden , unter meinem Schutze zu stehen . Ist denn das so schlimm ? “ „ O nein , “ sagte Ernestine und sah ihn dankbar an . „ Das nicht — aber die Andern ! “ „ Es tut auch mir leid , daß wir in den Schwarm geraten mußten . Alles wäre so gut geworden , wenn wir sie nicht auf der Treppe trafen . Ich hätte Dich in mein Arbeitszimmer geführt , das nie Jemand betritt , dort könntest Du ausruhen , bis die Gesellschaft fort war , und dann hätte Dir meine Mutter ein friedliches Schlafgemach bereitet . So aber , da sie Dich einmal gesehen , darfst Du Dich auch nicht wie eine Schuldbewußte verstecken , mußt Du unter sie treten mit dem ganzen edlen Gefühle Deiner Selbst . Es ist Mancher darunter , der Dir bereits wohl will und Mancher , den Du durch Deine Persönlichkeit gewinnen wirst . “ „ Ich fürchte diese Menschen weit mehr , als die wütenden Bauern , “ klagte Ernestine . „ Ich bin so ermattet ! “ „ Mein armes Kind , “ tröstete Johannes gütig , , , ich glaube es wohl — aber tue es mir zu Liebe . Willst Du ? Es freut mich , wenn Du an meiner Seite sitzest und ich mich vor den Menschen als Deinen Freund bekennen darf . “ „ Nun denn , so will ich mich fügen , “ sagte Ernestine ergeben und stieg mit Johannes die Treppe hinan . Vor der Tür des Speisezimmers nahm er ihr Hut und Mantel ab und betrachtete entzückt das bleiche schöne Antlitz mit der edlen , geistvollen Stirn und den großen , schwermütigen Augen , die schlanke , ungewöhnlich hohe Gestalt umhüllt von einem schlichten faltigen Battistkleid . Wer konnte ihr widerstehen , der sie sah ? Er war stolz auf sie ! Die Gesellschaft stand wartend um den Tisch , als er mit ihr hereintrat . Der Eindruck ihrer Erscheinung war denn auch ein außergewöhnlicher . Es war , als sei eine der bleichen , geisterhaften Frauengestalten in Kaulbachs Hunnenschlacht aus dem Rahmen getreten.69 Niemand hatte noch je eine so ideale und doch so düstere Schönheit in Wirklichkeit gesehen . Wie mit einem Schlage verstummten Alle , und aller Augen sogen begierig den seltenen Anblick ein . „ Donnerwetter , das Weib ist gefährlich , “ flüsterte Moritz der Staatsrätin zu . „ Ja , das ist sie ! “ erwiderte diese unfähig , ein Auge von ihr zu wenden . „ Mein armer