und rollten durch die Nacht , als speie die Unterwelt ihre Drachenbrut wider die drohenden Feinde aus . Konrad behielt einen Ton im Ohr wie von fernen Trommeln und Pauken . Dann mischte sich ein anderer anschwellend hinein . Die Pfade und Wege und Straßen ringsum waren lebendig geworden vom rastlosen Gehen vieler Menschen . Sie schlängelten sich vorwärts wie Flüsse . Sie trugen die vielen den Zügen zu , die an allen Stationen ihrer warteten . Und die Dörfer in den Tälern , die Hütten auf den Höhen , die Gehöfte im Hag , die Weiler im Wald entließen aus weitgeöffneten Toren und Türen ihre streitbaren Männer . Es war das Wandern eines Volkes . Die harten Tritte der Millionen hallten dröhnend gen Himmel , daß aller Schlummer die Erde floh . Elftes Kapitel Wie Konrad Hochseß das Leben fand Breit und majestätisch wälzt sich der Strom der Weichsel durch das grüne , flache Land ; er ist wie ein Herrscher , der stets voll königlicher Ruhe zu schreiten gewohnt ist . Und an Graudenz , der kleinen Stadt an seinem Ufer , fließt er stolz vorbei , ihrer nicht achtend Sie ist ja auch nur eine arme Magd , die sich mit weit von ihm abgewendeten Straßen scheu und schämig vor ihm zurückzieht . Sie weiß , daß sie zu häßlich ist , um sich ihm anzubieten wie die großen Städte , die an breiten Flüssen liegen und ihnen ihre schönsten Häuser , ihre gepflegtesten Gärten herausfordernd zukehren . Sie wurde in Dienstbarkeit geboren , denn Troßleute des Deutschen Ritterordens , Handwerker und kleine Krämer waren es , die sie gründeten , nicht als künftige Handelsherren , die dem Wasserlauf ihre beladenen Schiffe zur abenteuerreichen Fahrt ins Weite anvertrauen wollten , sondern als arme Dienstmannen , die ihre Häuschen geduckt unter den Schloßberg bauten , in dessen Schutz und unter dessen Herrschaft sie standen . Hochmütig erhob er sich über sie , ein von der Natur selbst gebauter Thron , von dem aus die Ordensburg meilenweit in das Land sah und mit den Feuern ihres Wartturms allen Gleichen ringsum ihre Kriegszeichen gab . Ihr zu Füßen schmiegte sich auch der Strom wie ein gebändigter Riese , ja , wenn die Sonne ihn in seine schimmernde Silberrüstung hüllte , schien es , als ob er sie schmeichelnd umwerbe . Und ob auch die frommen Ritter , hingestreckt von Russen und Tartaren , aus dem gräßlichen Morden der Tannenberger Schlacht nicht wiederkehrten , die polnischen Vögte aber , denen die Burg danach untertan war , sie in dreihundertjähriger Herrschaft zur schmutzigen Herberge verkommen ließen , und der Sturm , den der korsische Äolus über Europa entfesselte , ihre morschen Mauern zusammenstürzte , - der Strom blieb ihr treu . Denn der Burgfried hielt allen Unbilden stand und spiegelte sich weiter in seinen Fluten , und der Brunnen im Burghof senkte sich immer noch tief , tief hinab und saugte an seinen Wassern . Zu jeder freien Stunde , die er hatte , wanderte Konrad hier hinauf . Heimatliche Gewohnheit war es ihm , von hoher Warte in die Lande zu lugen , und daß man heute in Tälern und Städten so viele Türme baute zum bloßen Zierat , war ihm stets als ein Zeichen dafür erschienen , wie ganz und gar die Bestimmung alles Hochragenden , nach Wetter und Wolken Ausschau zu halten und das Nahen feindlicher Mächte zuerst zu sehen und zu künden , vergessen worden war , und wie die Menschen verlernt hatten , nach Sehnsucht zu verlangen . Denn nur , wer auf Bergen und Burgen steht , und wer sieht , wie Himmel und Erde sich berühren , der lernt das Sehnen , den vermag keine friedliche Enge mehr zu befriedigen . Die Briefe Elsens , die ihm täglich von seinem Sohn erzählten und oft von ein paar ungefügen Buchstaben seiner Kinderhand begleitet waren , las er am liebsten hier oben . Dann wurde ihm das Bild des kleinen Konrad am lebendigsten , dann sah er fast greifbar deutlich das praktische und umsichtige Walten Elsens , unter deren weichen Fingern alles gedieh . Und er freute sich dessen von Herzen . Aber er war ganz außerstande , sich vorzustellen , daß er dabei sein könne , wenn Else dieselben Wege ging , die Norina gegangen war , und das lebensprühende Kind die Räume mit seiner Gegenwart erfüllte , wo Norinas Sohn die blauen Wunderaugen aufgeschlagen und wieder geschlossen hatte . Er war so weit weg - wie der Bewohner eines anderen Sterns , der von dort aus seine eigne Erdenvergangenheit betrachtet . Denn wenn sonst Gegenwart fast unmerklich zur Vergangenheit wurde , so war jetzt eines vom anderen gewaltsam losgerissen . » War ich wirklich gestern noch Konrad von Hochseß ? « frug er sich oft , wenn er im ersten Morgengrauen vom Strohsack sprang und seine beiden Stubenkameraden - Kriegsfreiwillige wie er - , die mit ihren siebzehn Jahren noch einen Kinderschlaf hatten , aus den Betten rüttelte . Und er wiederholte verwundert die gleiche Frage , wenn er , der die Respektlosigkeit gegenüber Lehrern und Vorgesetzten einmal zum Prinzip erhoben hatte , sich widerspruchslos - nicht einmal seiner Empfindung gestattete er , sich aufzulehnen - selbst den scheinbar kleinlichsten Befehlen und Anordnungen grober Unteroffiziere fügte . Wenn seine beiden jungen Kameraden , die eben erst von der Schulbank und aus dem Elternhaus kamen , sich beklagten , und er , der eine Art väterlichen Verantwortlichkeitsgefühls ihnen gegenüber besaß , sie zu trösten sich bemühte , entwickelte er in der Verteidigung des » Militarismus « Gründe , die das Ergebnis fester Überzeugungen zu sein schienen und doch nichts als die rasche Folge des wuchtigen Anschauungsunterrichts waren , den der Krieg tagtäglich erteilte . Nach der Kriegserklärung war noch nicht eine Woche verflossen , als Lüttich fiel , obwohl die Besatzung allein größer gewesen war als das Heer der Angreifer und die ganze Bevölkerung des Landes , selbst die Frauen , in dem überaus ungünstigen Berg-