ich . Wenn das kleine Geschöpf am Leben geblieben wäre , wer weiß ob Sie ... « » Sie können überzeugt sein , auch dann wär ich fortgefahren . Und Anna hätte es geradeso natürlich gefunden , wie sie es jetzt findet . Glauben Sie das nicht ? Vielleicht wär ich sogar leichtern Herzens abgereist , wenn jene Sache anders ausgegangen wäre . Anna war es ja , die mir zugeredet hat anzunehmen . Ich war durchaus nicht entschlossen . Sie ahnen gar nicht , was für ein gutes und kluges Wesen Anna ist . « » O ich zweifle nicht daran . Nach allem , was Sie mir gelegentlich von ihr erzählt haben , hat sie sich ja anscheinend auch in ihre Situation mit mehr Würde gefunden , als junge Damen aus ihren Kreisen bei solchen Gelegenheiten sonst aufzubringen pflegen . « » Lieber Herr Nürnberger , die Situation war ja nicht so furchtbar . « » Ach , sagen Sie das nicht . Wenn sie auch durch Ihre Noblesse und Rücksichtnahme sehr gemildert war , seien Sie überzeugt , das Fräulein hat gewiß öfter in dieser Zeit das Unregelmäßige in ihrer Situation empfunden . Es gibt wohl kein weibliches Wesen , und dächte es noch so kühn und überlegen , das in einem solchen Fall nicht lieber den Ring am Finger trüge . Und es spricht eben wieder für die kluge und vornehme Gesinnung Ihrer Freundin , daß sie Sie das niemals hat merken lassen und daß sie auch die bittre Enttäuschung am Ende dieser gewiß nicht ausschließlich süßen neun Monate mit Fassung und Ruhe hingenommen hat . « » Enttäuschung ist ein mildes Wort . Schmerzen wäre vielleicht das richtigere . « » Es war wohl beides . Doch wie meistens wird wohl auch hier die brennende Wunde des Schmerzes schneller verheilt sein , als die quälende , bohrende der Enttäuschung . « » Ich verstehe Sie nicht recht . « » Nun daran , lieber Georg , werden Sie doch nicht zweifeln , daß Sie sehr bald , am Ende schon heute , verheiratet wären , wenn das kleine Wesen am Leben geblieben wäre . « » Und Sie glauben , daß jetzt , weil wir kein Kind haben ... ja Sie scheinen der Ansicht zu sein , daß ... daß ... es überhaupt aus ist ? Sie sind vollkommen im Irrtum , aber vollkommen , lieber Freund . « » Lieber Georg « , erwiderte Nürnberger , » wir wollen lieber beide von der Zukunft nicht reden . Weder Sie noch ich wissen es , wo in diesem Augenblick ein Faden zu unserm Schicksal gesponnen wird . Sie haben auch in dem Augenblick , als jener Kapellmeister vom Schlag gerührt wurde , nicht das geringste verspürt . Und wenn ich Ihnen jetzt Glück wünsche zu Ihrer weiteren Laufbahn , so weiß ich nicht , auf wen ich mit diesem Glückwunsch vielleicht den Tod herabgefleht habe . « Auf dem Flur nahmen sie Abschied . Auf die Stiege rief Nürnberger Georg nach : » Lassen Sie gelegentlich was von sich hören . « Georg wandte sich noch einmal um : » Und Sie , tun Sie desgleichen ! ... « Er sah nur noch die abwehrend-resignierte Handbewegung Nürnbergers , lächelte unwillkürlich und eilte hinab . An der nächsten Ecke nahm er einen Wagen . Auf dem Weg zu Golowskis dachte er über Nürnberger und Bermann nach . Was für ein seltsames Verhältnis das zwischen ihnen war ! Vor Georg erschien ein Bild , das er ähnlich irgend einmal in einem Traum gesehen zu haben glaubte . Die zwei saßen sich gegenüber ; jeder hielt dem andern einen Spiegel vor , darin sah der andere sich selbst mit einem Spiegel in der Hand , und in dem Spiegel wieder den andern mit dem Spiegel in der Hand und so fort in die Unendlichkeit . Kannte da einer noch den andern , kannte einer noch sich selbst ? Georg wurde schwindlig zumute . Dann dachte er an Anna . Sollte Nürnberger wieder einmal recht behalten ? War es denn wirklich aus ? Konnte es überhaupt jemals enden ? Jemals ? ... Das Leben ist lang ! Aber waren schon die nächsten Monate bedenklich ? Micaela vielleicht ... Nein . Das war nicht schwer zu nehmen , wie immer es kommen sollte . Und zu Ostern war er ja wieder in Wien , dann kam der Sommer ; man blieb zusammen . Und dann ? Ja was dann ? Vermählung ? Herrn Rosners und Frau Rosners Schwiegersohn , Josefs Schwager ! Ach , was ging ihn die Familie an . Anna war es doch , die seine Frau sein würde , das gütige , sanfte , kluge Wesen . Der Wagen hielt vor einem ziemlich neuen , häßlichen , gelb angestrichenen Haus , in einer breiten , einförmigen Gasse . Georg hieß den Kutscher warten und trat ins Tor . Im Innern sah das Haus recht verwahrlost aus ; Mörtel war an vielen Stellen von den Mauern abgebröckelt , und die Stiegen waren schmutzig . Aus einigen Küchenfenstern roch es nach schlechtem Fett . Auf dem Gang im ersten Stock unterhielten sich zwei dicke Jüdinnen in einem für Georg unerträglichen Jargon , und die eine sagte zu einem Buben , den sie an der Hand hielt : » Moritz , laß den Herrn vorbei . « Warum sagt sie das , dachte Georg . Es ist ja Platz genug . Offenbar will sie sich mit mir verhalten . Als wenn ich ihr schaden oder nützen könnte . Und ein Wort Heinrichs aus einem verflossenen Gespräch fiel ihm ein : » Feindesland « . Ein Dienstmädchen ließ ihn in ein Zimmer treten , das er sofort als das Leos erkannte . Bücher und Papiere auf dem Schreibtisch , das Klavier offen , auf dem Divan eine geöffnete Reisetasche , die noch nicht ganz ausgepackt war . In der nächsten Minute öffnete sich die Tür ; Leo trat herein , umarmte