gehen , Hauser , « sagte Quandt , » es ist zuviel des Jammers . « Im Flur stand der Regierungspräsident Mieg im Gespräch mit Hickel . Der Polizeileutnant berichtete alle Einzelheiten der Katastrophe . In Ochsenfurt am Main habe Seine Exzellenz über Unwohlsein geklagt und sei zu Bett gegangen ; in der Nacht habe er gefiebert , der gerufene Arzt habe ihm zur Ader gelassen und habe behauptet , die Krankheit sei bedeutungslos . Am Morgen darauf sei plötzlich das Ende eingetreten . » Und welcher Ursache schrieb der Arzt seinen Tod zu ? « erkundigte sich Herr von Mieg und verbeugte sich gleichzeitig , da Frau von Imhoff und Frau von Kannawurf an seine Seite traten . Frau von Imhoff weinte . Hickel zuckte die Achseln . » Er glaubte an Herzschwäche « , erwiderte er . Ungeachtet des frühen Morgens war schon die ganze Stadt auf den Beinen . Über dem Dach des Appellgerichts wehten zwei schwarze Fahnen . Caspar blieb den Tag über in seinem Zimmer . Niemand störte ihn . Er lag auf dem Sofa , die Hände unterm Kopf , und starrte in die Luft . Spät nachmittags bekam er Hunger und ging in die Wohnstube . Quandt war nicht da . Die Lehrerin sagte : » Um vier Uhr ist die Leiche angekommen ; Sie sollten eigentlich hingehen , Hauser , und ihn nochmal sehen , bevor er begraben wird . « Caspar würgte an einem Stück Brot und nickte . » Sehen Sie , wie recht ich damals hatte mit den Totenweibern , « fuhr die Lehrerin geschwätzig fort , » aber die Männer denken immer , alles geht so , wie sies ausrechnen . « Der Flur des Feuerbachschen Hauses war angefüllt von Menschen . Caspar drückte sich in einen Winkel und stand eine Weile unbeachtet . Er zitterte an allen Gliedern . Der eigentümliche Geruch , der im Hause herrschte , benahm ihm die Sinne . Da spürte er sich bei der Hand gepackt . Aufschauend , erkannte er Frau von Imhoff . Sie gab ihm ein Zeichen , ihr zu folgen . Sie führte ihn in ein großes Zimmer , in dessen Mitte der Tote aufgebahrt war . Drei Söhne Feuerbachs saßen zu Häupten des Vaters , Henriette lag regungslos über die Leiche hingeworfen . Am Fenster standen der Hofrat Hofmann und der Archivdirektor Wurm . Sonst war niemand im Zimmer . Das Gesicht des Toten war gelb wie eine Zitrone . Um die Winkel des scharfen , verbissenen Mundes hatten sich große Muskelknoten gebildet . Das schiefergraue Kopfhaar glich einem kurzgeschorenen Tierfell . Es war nichts mehr von Größe in diesen Zügen , nur zähneknirschender Schmerz und eine unmenschliche , eisige Angst . Caspar hatte noch nie einen Toten gesehen . Sein Gesicht bekam einen qualvoll-wißbegierigen Ausdruck , die Augäpfel drehten sich in die Winkel , und mit allen zehn Fingern umkrampfte er Kinn und Mund . Sein ganzes Herz löste sich in Tränen auf . Henriette Feuerbach erhob den Kopf von der Bahre , und als sie den Jüngling sah , verzerrten sich ihre Züge gräßlich . » Deinetwegen hat er sterben müssen ! « schrie sie mit einer Stimme , vor der alle erbebten . Caspar öffnete die Lippen . Weit nach vorn gebeugt , starrte er das halbwahnsinnige Weib an . Zweimal klopfte er sich mit der Hand gegen die Brust , er schien zu lachen , plötzlich gab er einen dumpfen Laut von sich und stürzte ohnmächtig zu Boden . Alle waren erstarrt . Die Söhne des Präsidenten waren aufgestanden und schauten bekümmert auf den am Boden liegenden Jüngling . Direktor Wurm eilte , als er sich gefaßt hatte , zur Tür , wahrscheinlich , um einen Arzt zu rufen . Der besonnene Hofrat hielt ihn zurück und meinte , man solle kein unnötiges Aufsehen machen . Frau von Imhoff kniete neben Caspar und befeuchtete seine Schläfe mit ihrem Riechwasser . Er kam langsam zu sich , doch dauerte es eine Viertelstunde , bis er sich erheben und gehen konnte . Frau von Imhoff begleitete ihn hinaus . Damit sie sich nicht durch die Menge der Besucher im Korridor zu drängen brauchten , führte sie ihn über eine Hintertreppe in den Garten und anerbot sich , ihn nach Haus zu bringen . » Nein , « sagte er unnatürlich leise , » ich will allein gehen . « Er steckte seine Nase in die Luft und schnüffelte unbewußt . Sein Puls ging so schnell , daß die Adern am Hals förmlich flogen . Er entwand sich dem liebreichen Zuspruch der jungen Frau und ging mit trägen Schritten gegen die Hauptallee des Gartens . Vor dem Portal stieß er auf den Polizeileutnant . » Nun , Hauser ! « redete ihn Hickel an . Caspar blieb stehen . » Zur Trauer haben Sie gegründeten Anlaß , « sagte Hickel mit unheilvoller Betonung , » denn wer wird eines Feuerbach gewichtiges Fürwort ersetzen ? « Caspar antwortete nichts und schaute gleichsam durch den Polizeileutnant hindurch , als ob er aus Glas wäre . » Guten Abend « , ertönte da eine glockenhelle Stimme , die Caspar wundersam berührte . Frau von Kannawurf trat an seine Seite . Hickels Gesicht wurde um eine Schattierung bleicher . » Gnädigste Frau , « sagte er mit einer Galanterie , die sich krampfhaft ausnahm , » darf ich die Gelegenheit benutzen , Ihnen meine ungemessene Verehrung zu Füßen zu legen ? « Frau von Kannawurf trat unwillkürlich einen Schritt zurück und sah erschrocken aus . Der Polizeileutnant hatte die Miene eines Menschen , der sich in ein tiefes Wasser stürzt . Er beugte sich nieder , und ehe Frau von Kannawurf es hindern konnte , packte er ihre Hand und drückte einen Kuß darauf , und zwar mit den nackten Zähnen ; als er sich aufrichtete , waren seine Lippen noch getrennt . Ohne eine Silbe weiter zu sprechen , eilte er davon . Mit weiten Augen blickte ihm Frau