verließen . » Was wollen Sie , « meinte Sam . » Er ist halt ' n Bauer ! « XI. Ernestine überbrachte eines Tages ihrem Bruder Gustav einen Brief von Häschke . Dabei erzählte sie , daß sie in der nächsten Zeit Halbenau verlassen werde , ihr Bräutigam habe eine Wohnung gemietet und wolle sie nun heiraten . Eigentlich hatte Ernestine gewünscht , daß die Hochzeit in Halbenau stattfinden solle ; aber Häschke hatte gemeint , da müsse man sich womöglich kirchlich einsegnen lassen , und » den Mumpitz « mache er nicht mit . Ernestine fand sich schließlich darein . Sie war schon so weit von der fortgeschrittenen Weltanschauung ihres Bräutigams angesteckt , daß sie sich aus solchen altmodischen Gebräuchen , wie kirchliche Trauung und Taufe , nichts mehr machte . Da sie außerdem praktisch war , sagte sie sich , daß man durch Weglassen dieser Zeremonien Geld ersparen könne , welches anderweit besser zu verwenden sei . Häschke berichtete in seinem Briefe an Gustav , daß er in einer Maschinenfabrik Anstellung als Schlosser gefunden habe . Er setzte dem Freunde zu , daß er ' s ihm nachmachen solle . In der Stadt sei doch ein ganz anderes Leben , als in dem langweiligen Dorfe . Auf einen grünen Zweig werde er in Halbenau doch niemals kommen . Wenn Gustav ihm Auftrag gebe , wolle er sich für ihn um einen Dienst bemühen . Gustav solle ihm sofort seine Papiere einsenden . Er werde ihm schon etwas Passendes ausfindig machen . Gediente Unteroffiziere hätten immer Aussicht , genommen zu werden . In Gustav rief dieser Brief geradezu eine Gärung hervor . Seit er neulich auf dem Rückwege aus der Rübengegend das Leben der großen Stadt wieder einmal gekostet hatte , war ihm die geheime Sehnsucht danach nicht wieder aus der Seele gewichen . Es bedurfte nicht viel Zuredens von seiten Häschkekarls , um diese Träume und Wünsche , beunruhigend und verführerisch , wie sie nun einmal für das Landkind waren , lebendig zu machen . Der Abend vor allem , wo er in Häschkes Gesellschaft jener großen Volksversammlung beigewohnt , hatte sich unauslöschlich in seinem Gedächtnisse eingeprägt . Die Tausende , welche in atemloser Spannung den Worten ihrer Führer gelauscht , die eindringlichen Worte , welche die schlichten Arbeiter gesprochen , der mächtige , sinnberauschende Applaus , wenn einer das rechte Wort gefunden , die Disziplin , die Opferwilligkeit , der Korpsgeist - nichts von den tiefen Eindrücken , die er in jenen Tagen in sich aufgenommen , war dem jungen Manne abhanden gekommen . Was er da gesammelt hatte an neuen Erfahrungen und Gedanken , was er damals , weil es zu viel auf einmal gewesen , nicht hatte verarbeiten können , war doch in ihm geblieben , hatte sich gesetzt und verdichtet zu einer neuen Weltanschauung . So wie er gewesen war , konnte er nie wieder werden ; er hatte in geistigem Sinne seine Unschuld verloren . Er fühlte es selbst bei den unbedeutendsten Anlässen , daß er mit anderen Augen in die Welt sehe . Vor allem aber war eine tiefe Sehnsucht in ihn gekommen , die ihm keine Ruhe mehr ließ , die Sehnsucht , heraus zu gelangen aus der Enge seiner bisherigen Umgebung , Neues zu sehen und zu erleben , seinen Gesichtskreis zu erweitern , teilzunehmen an dem Leben der großen Welt . Diese Sehnsucht trieb ihn aus seiner Heimat weg , in die Stadt . Dort war das wahrhaftige Leben allein ! In der Stadt fand man Anregung und Gesellschaft . Dort erfuhr man , was in der weiten Welt vorging . Da ging einem eine Ahnung auf von dem , was man selbst wollte und sollte . Da war man unter Tausenden und Abertausenden , und doch ein selbständiger , freier Mensch . Auf dem Lande glichen die Arbeiter dem Lasttiere , das seine Arbeit verrichtet , sein Futter vertilgt und nur erwacht , um von neuem zur Arbeit getrieben zu werden . So dämmerten die meisten Leute auf dem Dorfe dahin , stumpf und gelangweilt , ohne viel mehr nachzudenken als das liebe Vieh . Nein ! solch ein Leben wollte er nicht weiter führen ! Wenn man einmal starb , wollte man doch wenigstens sich sagen können , daß man gelebt habe . Er hatte ja früher die Heimat geliebt - er liebte sie noch - aber es war zu vieles vorgefallen in den letzten Jahren , was ihm die Freude an dem Heim vergällt hatte . Ja , wenn er ' s so hätte haben können wie sein Großvater Leberecht - dem er , wie die Menschen behaupteten , in vielen Stücken ähnelte - wenn er auf freiem Gute hätte selbständig schalten und walten dürfen als sein eigener Herr , da hätte er wohl jede Arbeit auf sich nehmen wollen , wäre sicher gewesen , etwas Rechtes vor sich zu bringen . Aber so , wo das Glück der Familie vernichtet war ! Wo einer hätte wieder ganz von vorn anfangen müssen ! wo ihm , dem Bauernsohne , nichts übrig blieb , als sich als Tagelöhner oder Knecht zu verdingen ! - Nein ! da wollte er doch lieber ganz von dem Orte weggehen , wo er und seine Vorfahren einstmals bessere Tage gesehen hatten . In der Stadt kannte ihn wenigstens keiner ! Da konnte ihn niemand verhöhnen , daß er hatte herabsteigen müssen , daß er , der einstmals kommandiert hatte , nun selbst dienen mußte . Was er früher nicht für möglich gehalten haben würde , der Abschied von der Heimat wurde ihm jetzt nicht einmal schwer . Die Wurzeln , die ihn einstmals so fest mit diesem Boden verbunden hatten , waren eben eine nach der anderen durchschnitten worden ; er war jetzt auch so ein loser Baum , den man leicht ausheben und verpflanzen kann . Mehr und mehr fing er an , seiner dörfischen Umgebung überdrüssig zu werden , ja , sie im Grunde seines Herzens zu verachten